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Um den Glo­bus

Ver­si­chern in Bra­si­lien

Die größte Gefahr im Straßenverkehr sind gewöhnlich Unfälle. In Brasilien kommt eine weitere hinzu: Überfälle. Wer es sich leisten kann, sorgt deshalb mit einer speziellen Police vor. Sie ist nicht das einzige ungewöhnliche Angebot der Versicherungsbranche im fünftgrößten Land der Erde.

Autoversicherung

„Brasilianer sind Optimisten, die nicht glauben, dass Versicherungen nötig sind“, sagt der Soziologe Marcelo Neri von der Universität Fundação Getúlio Vargas. Eine Haftpflichtversicherung etwa hält nur jeder dritte Autobesitzer für nötig. Das liegt auch am Preis: So kostet die Police für einen Toyota Corolla im Wert von 18.000 Euro gut 590 Euro. Wer unversichert einen Unfall baut, drängt nicht selten den Geschädigten, seine eigene Kasko einzuschalten. Bekannt sind auch fingierte Unfälle, bei denen Betrüger die Schadenssumme kassieren und den Versicherungsnehmern im Gegenzug die Selbstbeteiligung erstatten.

Überfallversicherung

Wenn Mario W. Schroeder, Chef des Maklerbüros Berolina Corretora, über die Morumbi-Brücke in São Paulo fährt, ist er froh, in einem gepanzerten VW Passat zu sitzen. Denn auf der Brücke steht man immer wieder im Stau – und das animiert Banditen mitunter zu Überfällen. Schwer bewaffnet, rauben sie ein Auto nach dem anderen aus. Deshalb bieten Brasiliens Versicherer Überfallpolicen an. Wie Schroeder, dessen Großeltern aus Deutschland kamen, entscheiden sich viele Brasilianer trotzdem zusätzlich für eine Autopanzerung. Sicher ist sicher.

Gebäude- und Hausratversicherung

Der Bruttomonatslohn der Brasilianer liegt bei durchschnittlich nur 740 Euro. Das ist einer der Gründe dafür, dass lediglich 20 Prozent eine Hausratversicherung haben. Üblich ist sie nur in wohlhabenden Schichten, auch als Schutz vor Einbruch und Diebstahl. Versicherungsbestandteile sind dann Alarmund Überwachungsdienste wie Kameras und Elektrozäune. Zunehmend populär sind Policen, die Reparaturen des Eisschranks, die Säuberung des Wassertanks oder Lampenwechsel einschließen.

Krankenversicherung

Das Gesundheitssystem Brasiliens ist komplex, zweigeteilt und teuer. Während die allgemeine Inflation bei rund 4,5 Prozent liegt, beträgt die Inflation im Medizinsektor mehr als 14 Prozent, berichtet der Versicherungsmakler Klaus Drewes. Die jährlichen Beitragssteigerungen sind für viele Familien ein Problem – einen so großen Anteil ihres Einkommens können sie kaum dafür aufwenden. Arbeitgeber, die gute Mitarbeiter binden wollen, zahlen deshalb deren Krankenversicherung mit. Im Zweifel übernehmen sie die Kosten sogar für die ganze Familie des Angestellten.



Text: Martin Scheele
Illustrationen: Michael Stach

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