Positionen-Magazin
Recht­schutz

Schlich­ten statt rich­ten

Warum vor Gericht ziehen, wenn man sich gütlich einigen kann? Mediationen sparen Zeit und schonen die Nerven. Die meisten Rechtsschutzversicherer setzen darauf. Zur Freude der Verbraucher.

Das kann doch wohl nicht wahr sein!“, schrie Michael Reutter (Name geändert) verärgert auf. Sein neu gekauftes Wohnmobil bewegte sich nicht mehr vom Fleck. Motorschaden. Und das mitten beim Familienurlaub im Ausland. Reutter griff zum Telefon. Doch das Gespräch mit seinem Autohändler in Deutschland machte ihn zunächst nur noch wütender: Der Verkäufer bestand nämlich darauf, Reutters defektes Gerät selbst wieder in Schuss zu bringen – zu Hause in Deutschland, wohlgemerkt, Reutter hätte seinen Urlaub abbrechen müssen.

So nicht, dachte sich der Wohnmobilkäufer. Er wollte die Reparatur in einer Markenwerkstatt gleich vor Ort durchführen lassen, während des Urlaubs. Reutter rief seine Rechtsschutzversicherung an. Die schlug eine telefonische Mediation vor. Der Mediator handelte sofort: Er setzte sich zunächst mit Reutter, dann mit dem Händler in Verbindung. Binnen dreieinhalb Stunden hatten Käufer und Verkäufer des Wohnmobils eine Lösung gefunden: Der Händler durfte zwar selbst eine Werkstatt aussuchen – aber in der Nähe von Reutters Urlaubsort. Die Ferien waren gerettet. Der Mediator hatte für eine Lösung gesorgt, mit der beide Parteien leben können.

„Gerichtsprozesse spalten, Mediation führt zusammen“, sagt Angelika Schaeuffelen, Rechtsanwältin und Mediatorin aus Frankfurt am Main. Schaeuffelen berät zerstrittene Parteien immer öfter, weil Rechtsschutzversicherungen zur Lösung von Konfliktfällen eine Mediation vorschlagen. Die Versicherten profitieren so von einer zusätzlichen Leistung – selbst bei Streitigkeiten, die durch die Vertragsklauseln eigentlich nicht abgedeckt sind.

Billiger als prozessieren

Wie bei der Roland Rechtsschutz-Versicherungs-AG. „Wir bezahlen eine Mediation als Serviceleistung auch in Fällen, die sonst vom Rechtsschutz ausgeschlossen sind“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Rainer Brune. Dazu zählen beispielsweise Baurisiken beim Kauf eines Grundstücks, beim Hausbau oder -umbau, aber auch Streitigkeiten mit dem Lebenspartner. Seine Bilanz: „Mediation ist kein Allheilmittel, aber sie hilft oft.“ Auch dem Image des Versicherers: Er wird für seine Kunden zu einem Konfliktlösungspartner. Drei von vier Streitfällen, in denen Roland-Versicherte einen Mediator einschalten, lassen sich so beilegen.

Neu ist das Mediationsverfahren nicht, aber es hat durch das im Juli 2012 vom Bundestagverabschiedete Mediationsgesetz einen Popularitätsschub erfahren. Gemessen an ihrem Marktanteil zahlen inzwischen gut 90 Prozent aller Rechtsschutzversicherungen für Mediationen, wie eine Erhebung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ergeben hat. Mal geben sie einen Pauschalbetrag, der oft im Bereich von etwa 2.000 Euro liegt und mit einem jährlichen Höchstbeitrag gedeckelt ist. Gelegentlich gehen sie sogar bis zum doppelten Betrag der Gerichtsgebühren, die in der ersten Instanz anfallen würden.

Verglichen mit den fast 3,8 Millionen Schadensfällen, die deutsche Rechtsschutzversicherer 2014 bearbeiteten, sind die Fallzahlen zwar noch gering, aber sie steigen. „Mittelfristig ist davon auszugehen, dass etwa zehn Prozent der Schadenfälle in der Rechtsschutzversicherung mithilfe einer Mediation beigelegt werden können“, sagt Thomas Lämmrich, Leiter Unfall- und Rechtsschutzversicherung, Assistance, Kriminalitätsbekämpfung im GDV.

Weil Mediationen anders als der klassische Rechtsweg nicht Gewinner und Verlierer bestimmen, ist der Ansatz vor allem dort hilfreich, wo sich die Kontrahenten nach dem Konflikt weiter in die Augen schauen wollen – oder müssen. „Geeignet ist diese Form der Schlichtung beispielsweise bei Arbeitsverhältnissen, Geschäftsbeziehungen oder bei Auseinandersetzungen in der Familie oder der Nachbarschaft“, erklärt Rechtsanwältin Schaeuffelen. Eigene Vorschläge macht die Mediatorin in ihren Sitzungen nicht. „Stattdessen helfe ich meinen Klienten, selbst Lösungen zu entwickeln.“ Ihre Methode: Verständnis wecken und gemeinsame Interessen herausfiltern.

Tragfähige Lösungen finden

So kämen „die wahren Probleme zum Vorschein“, erklärt Torben Tietz, Partner bei MSR Consulting in Köln. Die Lösungsansätze seien dadurch tragfähiger. Sein Beratungsunternehmen befragt regelmäßig Rechtsschutzversicherte zu ihren Erfahrungen bei der Mediation. Zuletzt haben Tietz und seine Kollegen erkundet, wie sinnvoll und erfolgreich telefonische Mediationen sind. Bei diesem Verfahren bringt der Schlichter – wie im Fall des Wohnmobil-Käufers Michael Reutter – die Kontrahenten nicht zusammen, sondern telefoniert abwechselnd mit ihnen. Tietz stellte durch die Umfrage fest: Die Versicherten sind deutlich zufriedener mit der gesamten Abwicklung ihres Streitfalles als jene Kunden, die den klassischen Weg mit Anwalt und Gericht beschritten haben. Weil es schneller geht und weniger Aufwand bedeutet.

Und wenn sich beide Seiten bei der Mediation doch nicht einigen können? Dann steht der klassische Rechtsweg weiterhin uneingeschränkt offen. Die Versicherer übernehmen, entsprechend der abgeschlossenen Police, die Kosten für Anwalt und Prozess.

Text: Katharina Lehmann

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