Positionen-Magazin
Not­ruf­säu­len

Ret­tung in höchs­ter Not

Die Notrufsäulen an den deutschen Autobahnen retten seit 45 Jahren täglich Leben. Im digitalen Zeitalter kommt auf sie eine komplett neue Aufgabe zu

Beinahe wäre die Geschichte der Notrufsäulen an Deutschlands Autobahnen zu Ende gegangen, noch bevor sie überhaupt richtig begonnen hat. Es ist 1970, die Unfallzahlen auf den deutschen Straßen erreichen einen neuen Rekordstand. Und Siegfried Steiger will Bundesverkehrsminister Georg Leber (SPD) überzeugen, an den Bundes- und Landesstraßen Notruftelefone aufzubauen – so wie die Säulen, die an vielen Autobahnen stehen. Sein persönliches Schicksal treibt ihn an: Ein Jahr zuvor war sein achtjähriger Sohn Björn nach einem Autounfall gestorben – weil der Rettungswagen erst nach einer Stunde kam. „Das sind keine Notruf-, sondern Betriebstelefone. Und weil wir jetzt Funk haben, werden die jetzt abgebaut“, belehrt ihn Leber. Steiger ist fassungslos, er droht Leber, ihn wegen Beihilfe zur unterlassenen Hilfeleistung anzuzeigen.

Seine Argumente müssen überzeugt haben: Bald nach dem Gespräch werden die Säulen wieder aufgebaut, modernisiert und für alle Bürger als Autobahnnotruf freigegeben. „Das habe ich in diesen zweieinhalb Stunden erreicht“, erzählt Siegfried Steiger, heute 86 Jahre alt. Längst gehören die orangefarbenen Säulen zum Inventar der Autobahnen, 16.800 von ihnen säumen das rund 13.000 Kilometer lange Netz. Noch immer hilft der Notruf Tausenden Menschen bei Pannen und Unfällen – und rettet Leben.
Auch die Björn-Steiger-Stiftung baut in den 70ern und 80ern abseits der Autobahnen ein Netz von Notrufsäulen auf. Doch von den 7.600 Telefonen an Bundes- und Landstraßen sind bereits 6.300 wieder abgebaut. „Wir hatten damals geglaubt, eine Jahrhundert-Infrastruktur geschaffen zu haben“, sagt Steiger. „Doch als die Handys aufkamen, war mir klar: Das wird der Tod der Notruftelefone.“ Zudem wird 2018 E-Call, ein fest verbautes, automatisches Notrufsystem für Neuwagen, verpflichtend. Spätestens wenn nur noch Autos mit E-Call über die Straßen rollen, kann die Hilfe immer direkt aus jedem Wagen gerufen werden.

So orange wie unverzichtbar

Im Nachbarland Niederlande wird ab Juli 2017 der gelbe „praatpaal“ stillgelegt. Droht den Säulen an den deutschen Autobahnen das gleiche Schicksal?
„Bislang sind die Notrufsäulen noch unverzichtbar“, sagt Andreas Bahlmann, zuständiger Produktmanager bei der GDV DL, bei der alle Anrufe von den Autobahnsäulen zusammenlaufen. Als die Dienstleistungstochter des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) die Aufgabe 1999 übernahm, gingen mehr als 1,5 Millionen Anrufe ein. 2015 waren es we- niger als 100.000 – allerdings hatten die Anrufer keineswegs alle ihr Handy verlegt. „Die Notrufsäulen geben immer noch die Sicherheit, im Fall der Fälle auch gleich Hilfe zu bekommen“, sagt Bahlmann. Wer kennt schon die Nummer des örtlichen Pannendienstes auswendig?

„Außerdem wissen die wenigsten, wo genau sie eigentlich sind“, sagt Anita Bedi-Zahn, eine von rund 170 Mitarbeitern in der Hamburger Service-Zentrale der GDV DL in Hamburg. Die 16.800 Notrufsäulen hingegen sind exakt lokalisiert – das spart entscheidende Zeit, um Hilfe an den richtigen Ort zu schicken.

„Notruf der Autoversicherer, guten Tag“, sagt Bedi-Zahn am anderen Ende der Leitung, während hinter dem Anrufer der Verkehr lärmt. Sie hat schon viele Situationen erlebt, in denen die Notrufsäule die einzige Möglichkeit auf Hilfe war: ausgesetzte Partner bei einem Beziehungsstreit; Kinder, die beim Wohnmobilurlaub auf der Raststätte vergessen wurden und nicht zuletzt Menschen, die sich auf Parkplätzen selbst aus dem Auto ausgesperrt hatten – und ihr Handy von draußen auf der Mittelkonsole liegen sahen.
Jeder Anrufer erhält scheinbar banale, manchmal lebensrettende Hinweise. Warnweste an, Warndreieck aufstellen. Und vor allem: Alle raus aus dem Auto. „Im Auto sitzen zu bleiben ist viel zu gefährlich“, erklärt Bahlmann. Deshalb appellieren die Service-Mitarbeiter in jedem Gespräch daran, hinter der Leitplanke zu warten. Alles andere kann tödlich enden. „Wir haben schon Dankesbriefe von Menschen bekommen, denen genau diese Hinweise das Leben gerettet haben“, sagt Bahlmann. Denn immer wieder kommt es zu Unfällen, weil Pkws oder Lastwagen die Pannenautos am Straßenrand zu spät sehen.

Alle neun Minuten wird geholfen

Auch in medizinischen Notfällen zahlt sich aus, dass die Mitarbeiter für solche Situationen geschult sind. Allerdings, so erzählt Anita Bedi- Zahn, „fehlt uns immer das Ende der Geschichte“. Sobald der Rettungsdienst übernimmt, ist der Job für sie erledigt. Rund jeder zehnte Anruf ist ein echter Notfall, schätzt ihr Chef Andreas Bahlmann. Deshalb muss die Service-Zentrale in Hamburg alle neun Minuten Hilfe organisieren – rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag. Im vergangenen Jahr klingelte das Telefon genau 87.208-mal.

Ob es weiter klingeln wird, ist offen. Der Vertrag der GDV DL läuft bis Ende 2018. Bis dahin müsste der Bund neu ausschreiben. Zusätzlich könnten die Notrufsäulen bald für das vernetzte Zeitalter fit gemacht werden: Das Bundesamt für Straßenbau prüft mit mehreren Konzernen, ob die Notrufsäulen zum Rückgrat der digitalen Infrastruktur fürs vernetzte Fahren werden können. Im Werbevideo des Verkehrsministers für das „Digitale Testfeld Autobahn“ halten Notrufsäulen bereits Funkkontakt zu vorbeifahrenden Autos.

Die Idee: Alle Notrufsäulen werden mit einem Sender ähnlich einem WLAN-Hotspot ausgerüstet, um so Daten über das Verkehrsaufkommen, Tempolimits, Staus, Falschfahrer oder liegen gebliebene Fahrzeuge an vorbeifahrende Autos zu funken. „Das erhöht die Verkehrssicherheit und ermöglicht die effziente Nutzung bestehender Infrastrukturen“, sagt Harry Evers, Sprecher der Landesinitiative Mobilität Niedersachsen, die eine erste Machbarkeitsstudie vorgelegt hat.
Was machbar ist, wird bereits getestet, an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze auf dem Gelände der Gedenkstätte Marienborn. In diesem Freiluftlabor funktioniert die Kommunikation zwischen Auto und Notrufsäule bereits. Der nächste mögliche Schritt: der Einsatz auf dem „Digitalen Testfeld Autobahn“, der Teststrecke für das autonome und vernetzte Fahren auf der A9 zwischen München und Nürnberg vielleicht noch in diesem Jahr.
Für die Verkehrsplaner hätte der Einsatz der Säulen klare Vorteile: Sie sind ans Stromnetz angeschlossen, und bestehende Kupferleitungen können für die Datenübertragung genutzt werden – ohne dass überall ein Bagger für neue Kabel anrücken muss. Die Säule selbst bietet sich als Funkmastbasis an: Pfeiler könnten der ideale Unterbau für benötigte Funkantennen sein.
Wenn alles klappt, könnte das deutsche Notrufsäulennetz – und damit das komplette deutsche Autobahnnetz – schon 2022 digital funken. Was für ein Update für die vor 45 Jahren schon einmal fast abgebauten Telefone.

Fotos: iStock Photo; Bundesarchiv Bild 102-02748/Wikipedia; Franziska Kraufmann/dpa/Picture Alliance; Wo st 01/Wikipedia
Text: Henning Engelage

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