Ethik & Künst­li­che Intel­li­genz

Regeln für die Rech­ner

Der Einsatz künstlicher Intelligenz bietet große Chancen für Versicherer und Verbraucher. Um sie zu nutzen, müssen technischer Fortschritt und der Schutz sensibler Daten klug ausbalanciert werden. Und nur einer darf das letzte Wort haben.

Wohl dem, der nicht zu nah am Wasser gebaut hat: Jedes Jahr richten Naturgefahren wie Starkregen und Hochwasser in Deutschland im Durchschnitt Sachschäden von zwei Milliarden Euro an. Extreme Wetterereignisse sorgen dafür, dass kleine Bäche zu reißenden Flüssen werden, Küstenregionen „Land unter“ melden, Ströme über die Ufer treten. Schutz gegen diese Risiken bieten Naturgefahrenpolicen – vorausgesetzt, man bekommt eine. Noch 2002 galt rund ein Zehntel der Fläche in Deutschland als unversicherbar gegen Überschwemmungen. Die Gefahr, dass das Ausflugslokal am Moselufer oder der Souvenirladen in der Passauer Altstadt regelmäßig Opfer der Fluten wird, war schlicht zu groß. Inzwischen hat sich die Lage in den Überschwemmungsgebieten entspannt – zumindest versicherungstechnisch. Heute bietet die Assekuranz für nahezu alle Lagen in Deutschland eine Deckung an. Das liegt jedoch keineswegs am Wetter – sondern an der Mathematik. Algorithmen auf Basis künstlicher Intelligenz (KI) helfen den Versicherern, Wetter- und Geodaten besser zu verstehen. Das macht es möglich, Risiko- und Tarifgebiete genauer einzugrenzen, Prämien besser zu kalkulieren – und mehr Policen anzubieten. Von selbstlernenden Algorithmen gestützte Datenanalysen machen es möglich, früher kaum zu kalkulierende Risiken zu bewerten und abzusichern – ein Vorteil für Versicherer und Kunden gleichermaßen. Doch die neue Technik wirft auch Fragen auf: Treffen künftig Maschinen die Entscheidungen anstelle von Menschen? Wie sicher sind die neuen  Technologien? Schließlich können Algorithmen sich nicht von Erfahrung leiten lassen, haben kein Bauchgefühl. Und was passiert eigentlich mit den Daten?

In strittigen Fällen entscheidet immer ein Mensch

Der Gesetzgeber hat bereits Vorkehrungen getroffen: Wenn der Algorithmus zugunsten des Versicherten entscheidet, muss kein Mensch den Fall erneut begutachten. In strittigen Fällen hingegen schon. Für die Versicherer bedeutet das: Der Einsatz von KI braucht klare und transparente Regeln. Zum Glück gibt es diese in der Versicherungswirtschaft an vielen Stellen schon. Kaum eine Branche ist derart umfassend reguliert wie die Finanzwirtschaft. Und wenn erforderlich, kann der Mensch maschinelle Entscheidungen stets korrigieren. „Jede neue Technologie bringt die Verantwortung für ethischen Umgang mit sich“, sagt Andreas Nawroth, KI-Experte beim Rückversicherer Munich Re. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, hat eine Expertengruppe für die EU-Kommission Kriterien für einen vertrauenswürdigen Einsatz künstlicher Intelligenz formuliert. Diese ersten Vorschläge sollen zur Grundlage einer europaweiten Regulierung werden. Das Ziel ist, die Digitalisierung mit all ihren Vorteilen zu fördern und gleichzeitig ein hohes Schutzniveau zu gewährleisten. Zudem sollen die Algorithmen nicht nur frei sein von Diskriminierung, sondern auch Nachhaltigkeit, Verantwortlichkeit und Transparenz sollen jederzeit gewährleistet sein. Hohe Hürden für einen Technikeinsatz. 

Doch die Mühe lohnt sich, glaubt Mirko Kraft, Professor für Versicherungswirtschaft an der Hochschule Coburg und Mitglied der Expertengruppe „Digitale Ethik“ bei der europäischen Versicherungsaufsicht EIOPA. Er verweist auf die praktischen Vorteile von KI: So kann der Einsatz von Algorithmen helfen, Verwaltungskosten zu senken – und so Versicherungen für den Verbraucher günstiger zu machen. Datenanalysen, die dazu beitragen, die Entstehung von Schäden im Vorfeld zu verhindern, nützen Versicherten wie Versicherungen gleichermaßen. Vorstellbar wäre etwa, die Kunden auf Basis einer KI-gestützten Wetterdatenanalyse vor einem heranziehenden Sturm oder Starkregen zu warnen, sodass diese rechtzeitig ihre Gebäude sichern sowie ihr Hab und Gut in Sicherheit bringen können. „Vertrauenswürdig ist eine KI nur, wenn Versicherer die mathematischen Modellannahmen und alle Kriterien erklären können“, sagt Kraft. Künstliche Intelligenz kann auch Haftpflichtfälle bewerten, indem sie Schadenmeldungen und Fotos mit ähnlichen Ereignissen vergleicht und auf Plausibilität prüft. Ist die Sache eindeutig, bekommt der Versicherte sein Geld unmittelbar ausgezahlt, sobald der Rechner den Fall digital durchwinkt. Das Foto vom Lackschaden beim Ausparken muss kein Sachbearbeiter mehr beurteilen, wenn die Maschine den Hergang für stimmig hält.

Algorithmen helfen, den Verkehr sicherer zu machen

Lehnt der Versicherer eine Zahlung ab, hat der Kunde immer die Möglichkeit, zu widersprechen – und spätestens dann hat ein Mensch das letzte Wort. Auch bei einzelnen Telematiktarifen in der Kfz-Versicherung kommt künstliche Intelligenz zum Einsatz. Bei diesen Policen teilt der Kunde sein Fahrverhalten mit dem Versicherer: Wer umsichtig fährt, bekommt einen Rabatt. Dadurch wird der Autofahrer zu einem rücksichtsvollen Fahrstil animiert. Davon profitieren alle Verkehrsteilnehmer, im besten Fall werden so Unfälle vermieden. Die unmittelbare Rückmeldung nach jeder Fahrt ermöglicht dem Fahrer zudem, sein eigenes Fahrverhalten zu reflektieren. Auch kann ein Kunde, der sich von einem Algorithmus unfair behandelt fühlt, jederzeit seinen Versicherer ansprechen und beispielsweise erklären, warum er in einer bestimmten Situation scharf bremsen musste – etwa weil plötzlich ein Kind vor seinem Auto auf die Straße lief.

Je breiter die Datenbasis, desto zuverlässiger der Algorithmus

Diskutiert wird in Brüssel noch darüber, mit welchen Daten die Versicherer ihre KI Systeme eigentlich füttern dürfen und welche Weiterverarbeitungsmöglichkeiten erlaubt sein sollen. Die Versicherer setzen sich für eine Regulierung mit Augenmaß ein: Schließlich kann künstliche Intelligenz nur zuverlässig funktionieren, wenn sie auf eine breite Datenbasis zugreifen kann. Die EU-Kommission erwägt, hohe Anforderungen für KI-Anwendungen festzusetzen, die als hochriskant gelten. Welche das sind, soll anhand von zwei Faktoren ermittelt werden: dem Einsatzbereich sowie der konkreten Anwendung, also der Frage, ob der Algorithmus selbst ein hohes Risiko darstellen könnte. Nur wenn die Antwort in beiden Fällen ja lautet, sollte aus Sicht der Versicherungswirtschaft überhaupt reguliert werden. Hinzu kommt: Für die Verarbeitung sensibler Daten gibt es längst eine EU-weite Vorschrift: die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Wo sie greift, gelten hohe Anforderungen für die Verarbeitung personenbezogener Daten mittels KI. Der Vorgang wäre also durch eine existierende Regulierungsvorschrift bereits abgedeckt.

EU-Kommission und Europa-Parlament arbeiten an neuen Regeln

Derzeit arbeiten EU-Kommission und Europäisches Parlament jeweils an Entwürfen für die Regulierung beim Einsatz künstlicher Intelligenz, von der auch die Versicherungsbranche betroffen sein kann. Bis Ende des Jahres soll es aufbauend auf dem gerade vorgelegten Weißbuch einen Vorschlag für eine europaweite Regulierung von KI geben. Die Europapolitiker in Brüssel und Straßburg stehen vor der schwierigen Aufgabe, die richtige Balance zwischen einem hohen Schutz der individuellen Daten einerseits und der Förderung der Digitalisierung andererseits zu finden. Wichtig ist zudem, dass nicht die Bereiche von der neuen Regulierung erfasst werden, die bereits von anderen Rechtsvorschriften wie der DSGVO abgedeckt sind. Denn konkurrierende Vorschriften könnten für zusätzliche Unsicherheiten beim Gebrauch moderner digitaler Technologie sorgen. Und die soll ja aus gutem Grund vorangebracht werden, schließlich profitieren alle Beteiligten von ihr: Die Versicherer können mithilfe künstlicher Intelligenz die Effizienz ihrer Prozesse steigern, die Versicherten wiederum erhalten passgenauere und oft auch günstigere Tarife. Sogar, wenn sie nah am Wasser gebaut haben.

Text: Jennifer Garic

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