Positionen-Magazin
Rente

Gene­ra­tion Über­gang

Wir werden immer älter und fühlen uns jünger. Das längere Leben braucht neue Modelle zwischen Arbeitsleben und Ruhestand. Auf Spurensuche in der großen Rentenfrage.

Hans-Peter Rauschert ist ein gefragter Mann. Wenn es darum geht, Kosten zu durchleuchten, Fertigungsprozesse zu optimieren, ist der Qualitätsmanager zur Stelle. Ob auf der Schwäbischen Alb, in China oder Mexiko. Von aufreibender Hetze von Job zu Job kann dennoch keine Rede sein – 40 bis 50 Tage im Jahr war er in den letzten Jahren im Einsatz. Mehr sollen es auch nicht werden. Karriereambitionen mögen andere hegen, seinen Motor treibt ein anderer Stoff. „Es ist schön, gebraucht zu werden, Dinge weiterzugeben und Neues zu erfahren“, sagt Rauschert, Ex-Boschianer, 70 Jahre alt und seit sieben Jahren offiziell Rentner.

Endlich in Rente? Von wegen! Eine wachsende Gruppe von Senioren will vom angeblich süßen Nichtstun des Rentnerdaseins erst mal nichts wissen. Die Wonnen des Ruhestands – später aufstehen, Hobbies pflegen, auch tagsüber im Cafe sitzen – schlugen auch bei Hans-Peter Rauschert bald ins Gegenteil um. Schon nach kurzer Zeit fiel ihm „vor Langeweile die Decke auf den Kopf“. Als der Anruf seines heutigen Arbeitgebers kam, griff er gerne zu. Noch zählen die „Silver Workers“ zur Minderheit, doch ihre Zahl geht steil nach oben. Knapp fünf Prozent aller über 65-Jährigen arbeiten inzwischen auch nach Renteneintritt gegen Entgelt weiter, fast doppelt so viele wie vor zehn Jahren. In keiner anderen Altersgruppe ist die Zahl der Erwerbstätigen so stark gestiegen.

Wertvolles Alterswissen sichern

Zwei zeitlich befristete Aufträge pro Jahr wollte Rauschert anfangs annehmen, heute absolviert er für die Bosch Management Support GmbH (BMS), die Senioren-Experten-Tochter des Technologiekonzerns, einige mehr. Rund 1300 ehemalige Boschianer übernehmen derzeit weltweit Bosch-interne Beratungsaufträge. Ihr Honorar orientiert sich dabei an ihren früheren Bezügen. Dem Beispiel sind in jüngster Zeit einige Konzerne gefolgt. So sorgen beispielsweise die Otto Group Senior Expert Consultancy GmbH, das BaySen-Netzwerk des Chemiekonzerns Bayer oder auch der Autokonzern Daimler mit seiner 2013 gestarteten „Space-Cowboy-Initiative“ für ein Revival ihrer Experten-Rentner.

Geistig vergreist, körperlich verbraucht – die Altersstereotype von gestern kann man getrost ad acta legen. Die kranken Jahre nehmen ab, die gesunden zu. Ein heute 60-Jähriger ist, wie die Alternsforschung zeigt, so fit wie ein 50-Jähriger vor 20 Jahren. Der Alterungsprozess scheint verlangsamt – und das umso mehr, je länger man aktiv bleibt. Den Eintritt ins Rentnerleben nach hinten zu verschieben zahlt sich aus, wie Studien zeigen – nicht nur finanziell und in puncto Altersvorsorge. Je jünger Menschen in Ruhestand gehen, umso drastischer sinkt die Gedächtnisleistung, steigt das Risiko, krank zu werden. „In einen Arbeitskontext eingebunden zu sein und dadurch immer wieder neu gefordert zu werden, kann sinnstiftend sein und hat für den Einzelnen enorme Vorteile“, betont Ursula Staudinger, Alternsforscherin und Gründungsdirektorin des neuen, interdisziplinären Columbia Aging Centers an der gleichnamigen Universität in New York. „Wir sollten darum bemüht sein, Arbeitsumstände so zu verändern, dass die Verrentung nicht als Befreiung erlebt wird, sondern als Verlust.“

Je näher die Rente rückt, umso weniger Illusionen machen sich die Menschen über die Wonnen des Ruhestandes. Über die Hälfte der 55- bis 70-jährigen Deutschen äußern die Bereitschaft, über die Rente hinaus weiterzuarbeiten. Zumindest in Unternehmen, die bereits Angebote für ältere Menschen bieten. Ist dies nicht der Fall, liegt das Interesse bei unter 40 Prozent. „Der individuelle Wunsch zu arbeiten muss auch mit den Möglichkeiten bei den Arbeitgebern zusammengehen“, verdeutlicht Forscher Andreas Mergenthaler, der die deutschlandweite Studie „Transitions and Old Age Potential“ für das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung mit erhoben hat.

Die Frage nach den neuen Alten – in Zukunft wird sie sich lauter stellen. Das Gruppenbild der Gesellschaft im Jahr 2030, skizziert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales, zeigt: Auf einen über 64-Jährigen kommen nur noch etwa zwei Menschen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren, heute sind es drei. Damit trifft der demografische Wandel auch die Altersvorsorgesysteme tief in ihrem Innersten – insbesondere die Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente mit ihrem Umlageverfahren, das auf einem Transfer zwischen den Generationen basiert. „Demografiebedingt fehlen bis 2030 rund 6,5 Millionen Arbeitskräfte. Wir müssen das Potenzial der Älteren stärker ausschöpfen“, ergänzt Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability an der Hochschule Ludwigshafen. Das würde sich gleich doppelt auszahlen: Nicht nur die Arbeitswelt, auch die gesetzliche Rente bekäme mehr Standfestigkeit in den Turbulenzen des demografischen Wandels.

Die Potentiale der Älteren nutzen

Doch von der Erkenntnis zur Umsetzung ist noch ein weiter Weg, wie die Hertie-Stiftung herausgefunden hat. Zwei Drittel aller Unternehmen bieten keine Maßnahmen an, um die Erwerbstätigkeitsphase älterer Arbeitnehmer zu verlängern, nur 15 Prozent planen, dies künftig zu tun. Und wer jenseits der 50 seinen Job verliert, tut sich schwer, beruflich wieder Fuß zu fassen. „Der Arbeitsmarkt ist im Moment noch nicht offen für 50plus“, konstatiert Staudinger. „Aber der Druck baut sich jetzt auf und wird exponentiell und rapide zunehmen“.

Noch etwa sechs Jahre lang wird die Balance zwischen Zu- und Abgängen auf dem Arbeitsmarkt relativ ausgewogen sein, rechnet Martin Werding, Professor für Sozialökonomie an der Ruhr -Universität Bochum, vor. „Aber unter der Oberfläche bereiten wir uns auf den Renteneintritt der Babyboomer vor.“ Um sie so lange als möglich im Job zu halten, ist es mit exklusiven Rentnerprogrammen längst nicht getan. „Wir reden hier über eine kleine Elite, aber Veränderungen braucht es für die Mehrzahl der Arbeitskräfte“, so Personalexpertin Rump. Mit Arbeits- und Rentenmodellen von gestern ist in Zeiten des demografischen Wandels kein Land zu gewinnen, ist auch Alternsforscherin Staudinger überzeugt. „Die Frage muss sein: Wie schaffen wir Arbeitsverhältnisse, dass Menschen Lust darauf haben, länger und anders verteilt zu arbeiten“.

Flexible Lösungen statt Altersgrenzen

Antworten darauf sind flexible Arbeitszeit- und Arbeitsortmodelle, eine lebensphasenorientierte Personalpolitik, die etwa auf Langzeitkonten und lebenslanges Lernen baut, sowie Demografie-Tarifverträge. Altersgrenzen, die wenig Spielraum lassen, hinken dagegen der Realität hinterher, statt die Zukunft zu gestalten. In einigen anderen Industrieländern hat man sich daher schon vor Jahren von einem fest definierten Rentenalter verabschiedet. In Norwegen können Beschäftigte innerhalb einer Altersspanne von 62 bis 75 in Rente gehen. Radikaler ist die Lösung in Großbritannien: Eine Obergrenze, die das Arbeitsverhältnis automatisch beendet, wurde abgeschafft, altersbedingte Kündigungen somit ausgeschlossen. „Ganz wichtig dabei ist auch die symbolische Wirkung“, kommentieren die Autoren der Studie „Produktiv im Alter“ des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung (BIBE) diesen Schritt. Die implizite Aufhebung der strikten Dreiteilung in Kindheit, Erwerbsphase und Ruhestand könne „dazu beitragen, das Bild vom Alter als unproduktive Phase zu korrigieren“.

Und was tut die neue Bundesregierung – sie verfestigt mit ihrer Klientelpolitik „abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren“ genau dieses Bild erneut. Etwa 160 Milliarden Euro könnten die rückwärtsgerichteten geplanten Rentengesetze, zu denen auch die erweiterte Mütterrente gehört, bis 2030 kosten. Arbeitgeber, Ökonomen und jüngere Rentenzahler üben entsprechend harsche Kritik. Ohne Folgen. „Ich wünschte, auf der rentenpolitischen Agenda der Bundesregierung gäbe es mehr zukunftsweisende Elemente für die jüngere Generation, die die gesetzliche und private Rente demografiefester machen würden“, bedauert GDV-Präsident Alexander Erdland.

Stattdessen staut sich der Druck auf das Rentensystem weiter auf. Von mehr Generationengerechtigkeit in einer immer älter werdenden Gesellschaft keine Spur. Nachhaltige Rentenpolitik sieht anders aus, meint auch Sozialökonom Werding. „Mit steigendem Lebensalter muss auch das Rentenalter mitziehen. Die Umsetzung der Regelaltersgrenze von 67 Jahren und betriebliche Maßnahmen, dass die Menschen wirklich so lange – oder auf Wunsch noch darüber hinaus – arbeiten können, ist der leistungsfähigste Ansatz dafür, den Arbeitsmarkt wie auch das Rentensystem demografiefest zu machen.“ Nur die neuen Berliner Rentengesetze – sie passen nicht wirklich zu diesem Trend.

Text: Herta Paulus
Bild: Mirjam Klessmann, Uwe Bellhäuser

Auch inter­essant