Positionen-Magazin
Ein­bruch­schutz

Gele­gen­heit macht Diebe

Urlaubszeit ist Einbruchzeit. Wer sein Auto, seine Wohnung und seine Wertsachen schützen will, sollte sich dabei nicht zu sehr auf die Elektronik verlassen. „Positionen“ verrät, was wirklich hilft

Wer im Ferienstau auf der A 7 steckt, hat reichlich Zeit, sich der Abreise- Paranoia hinzugeben: Habe ich zu Hause auch wirklich abgeschlossen? Ist der Herd aus? Sind alle Fenster geschlossen? Der Waschmaschinenzulauf? Und kann ich wirklich auf meine Nachbarn bauen, gelegentlich mal nach dem Rechten zu schauen?
Ein Quantum Seelenruhe versprechen die Anbieter von Smart-Home-Systemen: Egal was zu Hause schiefgeht, die intelligente Haustechnik registriert das Problem und informiert direkt aufs Smartphone. Rauch- und Bewegungsmelder, Fenstersensoren, Kameras – alles ist per Internet zugänglich. Auch wer nur vergessen hat, das Bügeleisen auszustöpseln, dem bietet das Smart- Home-System eine Lösung: Vernetzte Steckdosen lassen sich von unterwegs abschalten.
All das kann die Sicherheit erhöhen, deshalb interessieren sich auch die Versicherer für das „Smart Home“. Cosmos Direkt etwa bietet seine Hausratversicherung in Kombination mit einer Grundausstattung des Smart-Home-Herstellers Devolo an. Allianz kooperiert mit Panasonic und führt eine Lösung ein, bei der vernetzte Sensoren etwa Wasserschäden oder eingeschlagene Fenster registrieren, per SMS melden und dann auch ein Service-Center benachrichtigen, das sich um lästige Pflichten wie die Buchung eines Handwerkers kümmert. Und die Württembergische sucht zurzeit 1.000 Testkunden, die schon Smart-Home-Geräte nutzen oder anschaffen wollen, um Erfahrungswerte zu sammeln.

„Es gibt bei den Versicherern gerade viele Testfelder“, sagt Oliver Hauner, beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zuständig für Sach- und Technische Versicherung und damit auch fürs Thema Schadenverhütung. „Die Entwicklung in dem Bereich ist unheimlich dynamisch, es gibt eine Vielzahl von Herstellern, Standards und Angeboten.“ Was es nicht gibt: Eine feste Definition davon, wann ein Home denn wirklich smart ist. „Momentan kleben viele Hersteller dieses Label auf alles, was irgendetwas mit Hausinstallation und Internet zu tun hat“, sagt Hauner. Was von all diesen Produkten wirklich zu weniger Schadenfällen führe, darüber gebe es noch keine verlässlichen Daten.
Ausprobieren ja, darauf verlassen nein. So lässt sich die Meinung vieler Sicherheitsexperten zu Smart-Home-Anwendungen zusammenfassen. Herkömmliche Brand- oder Einbruchmeldeanlagen sind zwar teuer und können nur von Fachbetrieben eingebaut werden. Dafür sind sie aber gesichert gegen Bedienungsfehler. Und sie arbeiten mit erprobten, standardisierten Übertragungstechniken – Polizei oder Feuerwehr werden auf jeden Fall informiert. „Bei Warnungen per SMS hingegen kann vieles schiefgehen“, sagt Hauner. Kein Empfang, leerer Akku, oder das Handy hängt vergessen in der Jacke in der Garderobe. Ein weiteres Problem: Wenn zu Hause die Internetverbindung oder der Strom ausfällt, ist auch das Smart-Home-System lahmgelegt.

Wie smart ist das Home wirklich?

„Smart-Home-Systeme bieten durchaus Vorteile“, sagt Sebastian Brose von der GDV-Tochter VdS Schadenverhütung, die Brand- und Einbruchmeldeanlagen zertifiziert. Leider wüssten Käufer selten um die Grenzen dieser Systeme. „Der Kunde glaubt dem Versprechen, er habe mit einem einfachen Fensterkontakt und einer App volle Sicherheit. Er hat aber höchstens ein bisschen Sicherheit.“ Wenn ihm das reiche und sein Versicherer nicht auf weitergehende Schutzmaßnahmen poche, dann sei das ja okay. „Aber er muss das erst einmal wissen.“
An der VDE-Norm für Gefahrenwarnanlagen seien fast alle Smart-Home-Systeme, die er sich bisher angesehen habe und die nicht von etablierten Herstellern der Branche stammten, „kläglich gescheitert“, sagt Brose. Manche Geräte könne man nicht einmal sicher verschrauben, sondern nur aufkleben. Nicht immer arbeiten die Sensoren zuverlässig – Fehlalarm nicht ausgeschlossen.

Um sich sicher vor Einbrechern abzusichern, gilt daher die Regel: Mechanik vor Elektronik. An anständigen Türen, Schlössern und Fenstern herrsche in Deutschland großer Nachholbedarf, sagt Harald Schmidt, Geschäftsführer der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes. „Viele Menschen sind nachlässig, wenn es um Einbruchschutz geht. Prinzipiell raten wir daher Mietern und Eigentümern, Haus oder Wohnung auf Sicherheit hin zu überprüfen.“ Das geht kostenlos bei den polizeilichen Beratungsstellen, die man auf dem Infoportal www.k-einbruch.de findet. Besonders Altbaubewohner werden hier ins Staunen kommen: Die Baubranche hat aufgerüstet, eine Fülle von DIN-Normen und sechs „Angriffswiderstandsklassen“ gliedern das Angebot von allem, was schützend zwischen Außenwelt und Intimsphäre steht. Und wer angesichts der Preise erst einmal schlucken muss: Die KfW bietet Förderungen für den Einbruchschutz an. Wichtig auch: gesunder Menschenverstand, ein guter Draht zu den Nachbarn und das Beherzigen von ein paar Grundlagen (INFOKASTEN). Ob dann noch eine Alarmanlage hermüsse, hänge auch vom persönlichen Sicherheitsbedürfnis ab, sagt Schmidt. Er rät jedenfalls davon ab, sich allein auf Smart-Home-Systeme zu verlassen: „Sie können allenfalls eine Ergänzung sein.“ Sie sind sinnvoll, wenn sich etwa per Überwachungskamera feststellen lässt, dass der angebliche Einbruch ein Fehlalarm ist. Jedoch können solche Geräte selbst ein Sicherheitsrisiko darstellen, wenn sie nicht richtig installiert und bedient werden. GDV-Experte Hauner verweist auf den Fall eines Lebensmitteldiscounters, der eine Web-Überwachungskamera im Angebot hatte. „Ab Werk war die komplett ungeschützt, da konnte Ihnen jeder übers Internet in die Wohnung gucken.“
Auch wegen solcher Vorkommnisse sieht Hauner den Markt noch ganz am Anfang: „Wir brauchen Produkte, die narrensicher sind, die auf Standards beruhen und bei denen ich sicher sein kann, dass der Hersteller sie dauerhaft unterstützt und für Sicherheits-Updates sorgt. Sonst handeln wir uns aus Technikverliebtheit Probleme ein, die wir vorher nicht hatten.“
Diese Sorge teilen inzwischen auch viele Autobesitzer, vor allem jene, die sich zu ihrem Wagen die neue Funkschlüsseltechnik Keyless Entry bestellt haben. Diese Schlüssel muss der Fahrer gar nicht mehr aus der Tasche nehmen, um seinen Wagen zu öffnen. Sie senden ständig ein Funksignal aus; das Auto reagiert, sobald es im Empfangsbereich ist.

Diesen Komfort erkaufen sich die Kunden mit einer gefährlichen Sicherheitslücke: Ohne großen Aufwand können Autodiebe das Funksignal des Schlüssels auffangen und damit das Auto öffnen, wenn der Besitzer gerade nicht in der Nähe ist. In einem ADAC-Test konnten alle getesteten Fahrzeuge so in Sekundenschnelle geknackt werden. Für den Diebstahl sind zwei Personen nötig. Einer stellt sich mit einem als Aktenkoffer getarnten Funksignalverstärker in die Nähe des Schlüssels – im Café, auf dem Supermarktparkplatz oder vor dem Haus des Autobesitzers. Liegt der Schlüssel nahe der Haustür oder bei einem Fenster, reicht das Signal oft bis nach draußen. Der zweite Dieb steht mit einem Empfangsgerät neben dem Auto, fängt das Funksignal auf und leitet es weiter – Tür auf, Zündung an, Auto weg.

Wenn Diebe dazwischenfunken

Von „unhaltbaren Zuständen“ spricht der ADAC und fordert die Hersteller dringend zur Nachbesserung auf. Denn einen sicheren Schutz gibt es noch nicht. Bei einigen neueren Daimler-Modellen lässt sich zwar das Funksignal am Schlüssel abschalten. Ansonsten bleibt aber nur die Empfehlung: Schlüssel möglichst im Inneren der Wohnung aufbewahren – oder in mehrere Lagen Alufolie einwickeln. Auch eine dicht schließende Blechdose kann das Signal abschirmen, die Wirkung sollte man aber erst am Fahrzeug testen. Vom verbreiteten Tipp, den Schlüssel im Kühlschrank zu verwahren, raten manche Hersteller ab: Das könne zu Schäden am Schlüssel führen. Das deutsche Unternehmen Bundpol bietet außerdem ein Sicherungssystem namens Secukey an, das im Auto verbaut wird und das Keyless- System um eine zusätzliche, nicht knackbare Sicherheitsstufe ergänzen soll. Auch wer einen ganz normalen Funkschlüssel benutzt, bei dem man noch auf einen Knopf drücken muss, sollte beim Abschließen vorsichtig sein und noch einmal überprüfen, ob die Tür wirklich verriegelt ist: Mit einem Störsender können Autodiebe die Übertragung zwischen Schlüssel und Auto stören und dann einfach einsteigen, wenn der Fahrer weggegangen ist. 

Zwar haben schon alle neu zugelassenen Fahrzeuge eine elektronische Wegfahrsperre, doch die können professionell arbeitende Autodiebe in kurzer Zeit ausschalten. Ihr Einfallstor: die ODB- Buchse, an die in der Werkstatt der Diagnose-Computer angeschlossen wird. Über diese Schnittstelle programmieren Autodiebe schnell einen neuen Autoschlüssel. Sichern kann man die ODB-Buchse mit Blockierschlössern wie dem ODB-Saver, den es für verschiedene Automarken gibt.
Es ist ein ständiges technisches Wettrüsten zwischen Autodieben und Herstellern von Sicherheitstechnik. Unverändert gilt aber die Grundregel: Alles, was den Dieb wertvolle Minuten kostet, erhöht die Sicherheit, weil der im Zweifelsfall lieber auf ein anderes Auto ausweicht. Deswegen haben mechanische Sicherheitstechniken immer noch ihren Wert, zum Beispiel Parkkrallen oder Lenkradsperren – selbst wenn die darin verbauten Schlösser nicht immer den besten Ruf haben. Eine weitere Schikane sind Spezialkappen für die Reifenventile, die beim Diebstahl schnell die Luft entweichen lassen.
Reicht das? Wie beim Einbruchschutz lautet die Antwort: Kommt darauf an. „Auch hier empfehlen wir eine individuelle Beratung in einer polizeilichen Beratungsstelle“, sagt Harald Schmidt. „Abhängig von Fahrzeugtyp und -wert, der Diebstahlswahrscheinlichkeit in der jeweiligen Region und den Abstellmöglichkeiten kann es lohnenswert sein, weitere Systeme einzubauen.“ Die Fachwerkstätten haben da einiges auf Lager. So lässt sich die Gangschaltung mit einem Schließsystem namens Bearlock aufrüsten. Und als Ergänzung zur elektronischen Wegfahrsperre gibt es zum Beispiel das Caddillock-System, das die Stromversorgung von der Batterie zum Anlasser unterbricht – und angeblich nicht ausgebaut werden kann, ohne die Batterie zu beschädigen.

Jede Minute zählt

Auch wenn kein System absolute Sicherheit garantiert: Jede Hürde, jede Abweichung von der serienmäßigen Sicherheitstechnik kann einen Dieb im Zweifelsfall abschrecken. Weswegen auch eine nachträglich eingebaute Alarmanlage sinnvoll sein kann – allein schon weil der Dieb vorab nicht weiß, wo sie steckt, wie sie gesichert und wie sie zu deaktivieren ist.
Den Einbau sollte in jedem Fall eine Fachwerkstatt übernehmen, empfiehlt die Polizei – nur dann kann man sich sicher sein, dass Fehlalarme ausgeschlossen sind. Bei besonders diebstahlgefährdeten Wagen wie SUVs und VW-Bussen machen Werkstätten ein gutes Geschäft mit komplexen Sicherheitslösungen aus allerlei Modulen wie Radarsensoren, die schon auf die Nähe eines Menschen reagieren, ferngesteuerten Wegfahrsperren oder SMS-Benachrichtigungen.

Eine ganze Reihe von Herstellern bietet inzwischen GPS-Module an, mit denen sich ein gestohlenes Auto orten lässt – manche Systeme können sogar den Motor abschalten. Opel mit seinem Onstar-System bietet das ab Werk an, weitere Angebote werden wahrscheinlich bald auf den Markt kommen, spätestens mit der Einführung des E-Call. Unter diesem Begriff schreibt die Europäische Union vor, dass künftig jeder Neuwagen mit einem GPS-Ortungsgerät, das per Mobilfunk einen Notruf absetzen kann, ausgestattet werden muss.
Dass neue Technik auch unterwegs zu neuen Gefahren führen kann, das gilt etwa für die Reisekasse: Wie Verbraucherschützer berichten, sind die Funkchips in aktuellen Kreditkarten ungeschützt gegen Datenklau. Diese Chips senden ständig die Kreditkartennummer und das Ablaufdatum – mit einem Lesegerät, das zum Beispiel heimlich unter einem Verkaufstresen montiert wird, können diese Daten abgegriffen werden. Immerhin wird die Prüfziffer nicht mit übertragen – weswegen der Karteninhaber auch nicht für Schäden haftet.
Es lohnt sich dennoch immer, ein kritisches Auge auf die Kreditkartenabrechnungen zu werfen – und auf die Kontoauszüge sowieso. Zwar kommt das Skimming, also das heimliche Auslesen von EC-Karten am Geldautomaten, nicht mehr so häufig vor wie früher, weil die Automaten inzwischen meistens nur noch den Chip auslesen. Aber viele Lesegeräte im Geschäft scannen überdies noch den anfälligeren Magnetstreifen und könnten deswegen manipuliert sein.

Nach wie vor gilt auch: Wenn die EC-Karte weg ist, sofort sperren lassen – nur dann ist man geschützt (bis auf einen Selbstbehalt von 150 Euro), alles andere ist fahrlässig. Die meisten deutschen Kreditinstitute haben sich inzwischen der zentralen Sperrnummer 116 116 angeschlossen (aus dem Ausland besser erreichbar unter +49/30/40 50 40 50), die nächsten Anrufe sollten der Bank und der Polizei gelten. Diese Nummern also am besten vor der Abreise heraussuchen und aufschreiben.
Was man dagegen nie aufschreiben sollte, ist die PIN. Jedenfalls nicht auf einen Zettel in der Brieftasche. Denn dann haftet man für alle Schäden selbst und kann die Schuld nicht mal der dummen Technik geben. Wie dumm.

Fotos: Image Source/Getty Images; Patrick Strattner/fStop/Getty Images; Westend61/Getty Images; Jens Koenig/Stock4B/Getty Images
Text: Georg Dahm

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