Positionen-Magazin
Betriebs­rente

Ein­fach Betriebs­ren­ten refor­mie­ren

Viele Unternehmen kümmerten sich schon um ihre Mitarbeiter, als es eine staatliche Vorsorge noch gar nicht gab. Rentenlücke und Fachkräftemangel machen die Hilfe vom Chef heute erst recht attraktiv – wenn sich der bürokratische Aufwand in Grenzen hält.

Beim Autozulieferer Elring Klinger können Beschäftigte ihre spätere Rente schon heute aufbessern. Die schwäbische Firma finanziert ihnen eine Betriebsrente, außerdem erhalten die Mitarbeiter einen Zuschuss, wenn sie Beiträge ins Versorgungswerk der Metallbranche einzahlen. Elring Klinger rät Mitarbeitern, auch den zweiten Weg zu nutzen und so die Altersvorsorge mit privaten Mitteln aufzubessern.

Elring Klinger kann sich bei der Altersvorsorge großzügig zeigen. Der Normalfall ist das nicht, vor allem nicht bei kleineren Firmen. Der Weltmarktführer für Zylinderkopfdichtungen gehört zu den großen Mittelständlern. Die 7000 Beschäftigten sorgen jährlich für 1,3 Milliarden Euro Umsatz, die Umsatzrendite liegt seit Jahren mindestens bei acht Prozent. Von den Unternehmen mit höchstens neun Mitarbeitern bieten hingegen laut Bundesarbeitsministerium 70 Prozent keine zusätzliche Altersversorgung an, bei Firmen mit zehn bis 49 Beschäftigtenhalten sich 60 Prozent zurück. Dabei ist klar, dass viele Arbeitnehmer allein mit der staatlichen Rente im Alter kaum über die Runden kommen werden. Nach Modellrechnungen der Bundesregierung wird die durchschnittliche Rente bis 2028 auf 44,4 Prozent des Nettoeinkommens fallen. Derzeit liegt das Verhältnis noch bei 48 Prozent.

Durch den Arbeitgeber unterstützte Betriebsrenten können helfen, diese Versorgungslücke zu schließen. Bislang ist dieses Angebot freiwillig. Das könnte sich jetzt ändern. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will die Tarifpartnerin die Pflicht nehmen: Sie sollen in ihren Branchen eigene über betriebliche Pensionskassen oder -fonds gründen. Tarifgebundene Unternehmen würden dann entweder eigene Beiträge oder einen Teil des Einkommens der Beschäftigten direkt an diese Kasse abführen, dann vielleicht ohne die Möglichkeit, einen anderen Versorgungsträger auszuwählen. Im Ruhestand sollen diese Leistungen die staatliche Rente ergänzen.

Über die Details wird noch gestritten, aus vielerlei Gründen. Der Entwurf verfehlt nach Meinung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) die Zielgruppe, denn gerade kleine und mittlere Firmen sind selten tarifgebunden. Um sie zu erreichen, müssten Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt werden. Doch Zwang sei der falsche Weg, sagt Frank-Henning Florian, Vorsitzender des Vorstands der R+V Lebensversicherung und zugleich Vorsitzender des Sozialpolitischen Ausschusses beim GDV. „Mit einer Pflicht zur betrieblichen Altersversorgung würde der Staat seinen Bürgern das Misstrauen aussprechen“, erklärt Florian. Es würde damit unterstellt, die Bürger seien nicht in der Lage, „vernünftige Entscheidungen für die eigene Vorsorge im Alter treffen zu können“. In der Versicherungsbranche wird zudem befürchtet, dass der Nahles-Plan für mehr statt weniger Komplexität und Bürokratie sorgt. Wenn Arbeitnehmer häufiger ihren Job wechseln wollten, werde so mancher „seine Vorsorge vom Arbeitsverhältnis trennen wollen“, sagt Florian, „bei einem Obligatorium wird ihm das verweigert“.

Schon heute sei schließlich die Komplexität der betrieblichen Altersversorgung eines der Haupthindernisse für deren Ausbau, warnen Experten. Hinzu kommt: Durch die Vorgaben würde die Angebotsvielfalt eingeschränkt. Im Ergebnis könnten auch die Unternehmen nicht mehr eine für sie passgenaue Lösung auswählen.

Die Tariflösung dürfte für Betriebe selten finanziell vorteilhafter sein, denn die Kassen oder Fonds müssten neu gegründet werden. Die damit verbundenen hohen Kosten würden die Renditen auf lange Zeit belasten. Dabei gibt es mit der Direktversicherung einen für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer guten Weg zur zusätzlichen Vorsorge – mit dem Unterschied, dass sich das Unternehmen dafür einen Vertrag bei einem Versicherer aussuchen darf. Was die Anrechnung der Beiträge auf Steuern und Sozialbeiträge angeht, würde die neue Regelung nichts ändern.

Was der Nahles-Vorschlag allerdings ändern würde: Firmen müssten anders als bisher nicht mehr für die Betriebsrente ihrer Belegschaft haften. Gänzlich offen ist dabei allerdings noch, wie dann eine Absicherung der Leistungen erfolgen soll. Zudem würden damit für alte und neue Verträge zwei grundsätzlich verschiedene Regelwerke gelten, was für noch mehr Komplexität sorgt. Dabei sei angestrebt, die betriebliche Altersversorgung „für Arbeitgeber und -nehmer attraktiver zu machen“, sagt Florian. „Wer ein Obligatorium will, muss erklären, welche Vorteile es bringen soll. Die Nachteile sind jedenfalls groß.“

Viele Mittelständler haben Angst vor dem Verwaltungsaufwand, sagt Professor Frank Wallau von der Fachhochschule Paderborn, der Erfolgsfaktoren für die betriebliche Altersversorgung im Mittelstand untersucht hat. Von den identifizierten 40 Hemmnissen haben viele mit Bürokratie zu tun. Wallaus Fazit: „Wir müssen nicht nur an einer Stellschraube drehen, sondern an sehr vielen – und das gleichzeitig.“ Die Politik, fordert Wallau, müsse „den Mut haben, etwas auszuprobieren“.

Betriebsrente als Bonus

So wie die Unternehmen, die bereits im 19. Jahrhundert Versorgungswerke einrichteten, um ihre Beschäftigten gegen Krankheit und Armut im Alter zu schützen. Bei Konzernen wie Krupp, Siemens oder BASF gab es diese Kassen zum Teil schon vor Einführung der gesetzlichen Rente. Und die betriebliche Absicherung der Bergleute, die Knappschaft, reicht noch weiter zurück. Nie allerdings hätte diese Hilfe ausgereicht, um den Lebensstandard zu sichern. Ihre Aufgabe war es immer, Leistungen aus anderen Quellen aufzustocken. Und sie galt stets nur für die Beschäftigten der Unternehmen, die diese Leistung freiwillig anboten.

Erst durch die Riester-Reform erhielten Betriebsrenten eine weitergehende Funktion. Gemeinsam mit der privaten Vorsorge sollen sie die abgesenkten staatlichen Renten ausgleichen. Seit 2002 haben Beschäftigte sogar das Recht auf den Aufbau einer Betriebsrente– vorausgesetzt, sie finanzieren sie selbst. Der Betrieb führt einen Teil des Einkommens ab. Mitarbeiter brauchen darauf weder Steuern noch Sozialabgaben entrichten. Die fallen erst an, wenn sie als Rentner eine günstigere Progressionsstufe nutzen können.

Das Procedere allerdings ist umständlich. Unternehmen müssen entscheiden, ob sie die Beiträge zur Betriebsrente allein tragen, den Beschäftigten einen Zuschuss gewähren oder einen Teil des Lohns als Beitrag an einen Versorgungsträger überweisen. Das alles wiederum ist zudem über fünf Durchführungswege möglich. Der klassische Weg ist die Pensionszusage des Arbeitgebers. Bei einer Direktversicherung schließen Arbeitgeber eine Lebensversicherung für ihre Beschäftigten ab und zahlen Beiträge ein. Ähnlich funktionieren Pensionsfonds, Pensions- und Unterstützungskassen.

Welche Möglichkeit die beste ist, hängt vom Einzelfall ab. „Den Königsweg gibt es nicht“, sagt Mark Walddörfer von der Pensionsberatung Longial. Derzeit seien viele Unternehmen dabei, ihr Versorgungssystem neu zu ordnen. Oft wollen sie dabei Risiken aus ihren Büchern verbannen. Ein Risiko sind die niedrigen Zinsen. Wenn Firmen für den Ruhestand ihrer Mitarbeiter sparen, muss das investierte Kapital Rendite abwerfen. Ist das nicht der Fall, muss das Unternehmen mehr Geld aus dem laufenden Geschäft zuschießen. Das kann teuer werden.

Ein weiteres Problem sind betriebliche Rückstellungen zur Absicherung der Betriebsrenten. Wer nach Handelsgesetzbuch bilanziert, muss den Durchschnittszinssatz der vergangenen Jahre ansetzen. Wenn die Zinsen sinken, werden die Rückstellungen höher. Das nagt am Gewinn. Noch ein Grund, warum viele Unternehmen ihr betriebliches Rentensystem gerade abschaffen. Und vor allem kleinere Firmen gar nicht daran denken, eines aufzubauen.

Bloß keine Rückstellungen

Elring Klinger hat diesen Schritt schon vor zehn Jahren vollzogen. Bis dahin hatte der Autozulieferer großzügige Pensionszusagen gemacht. Das Risikowurde dem neuen Firmenchef Stefan Wolf jedoch zu groß: „Als ich hier 2005 mein Vorstandsamt antrat, habe ich dieses Versorgungssystem geschlossen“, sagt er.

Heute gibt es bei Elring Klinger eine arbeitgeberfinanzierte Betriebsrente. Das Unternehmen überweist jedes Jahr einen gehaltsabhängigen Beitrag an ihren Versicherer. „Für Tarifangestellte kommen so ungefähr 600 bis 800 Euro pro Jahr zusammen“, sagt der Leiter des Personalcontrollings Stefan Pietruschka. Vorteil: Das Unternehmen muss dafür keine Rückstellungen mehr bilden.

Wer darüber hinaus selbst vorsorgen will, hat die Möglichkeit, einen Vertrag bei der von Arbeitgebern und IG Metall gemeinsam getragenen MetallRente abzuschließen. Auf den gewählten Beitrag zahlt Elring Klinger unter gewissen Bedingungen 15 Prozent Zuschuss. Im Südwesten sind solche Zuschüsse, Betriebs- und Zusatzrenten ein wichtiges Instrument im Rennen um das beste Personal. Firmen wollen Mitarbeiter langfristig an sich binden. Deshalb bietet auch das Familienunternehmen Blanco seinen 1 300 Beschäftigten eine betriebliche Altersversorgung an.

Ein Ziel dabei war, die Anziehungskraft des Spezialisten für Küchenspülen und -armaturen zu erhöhen. Es kamen aber noch weitere Motive hinzu. „Vor Einführung der betrieblichen Altersversorgung hatte nur knapp ein Drittel unserer Mitarbeiter selbst vorgesorgt“, sagt Personaldirektor Ulrich Harm. Zu wenig, fand er. Als Arbeitgeber sehe sich die Firma in der Verantwortung, die Belegschaft bei diesem wichtigen Thema zu unterstützen.

Blanco bietet den Mitarbeitern im badischen Oberderdingen einen Sparplan mit frei wählbaren Monatsbeiträgen an, in den sie auch vermögenswirksame Leistungen einbringen können. Die Verzinsung beträgt 3,8 Prozent pro Jahr. Das Geld kann mit 63 Jahren abgerufen werden, ist über den Pensionssicherungsverein geschützt und auf Hinterbliebene übertragbar. „Die festgeschriebene Kapitalzahlung ist für Unternehmen und Mitarbeiter eine exakt planbare Größe“, sagt Harm. Sie biete maximale Sicherheit.

Bei Blanco beteiligen sich mehr als 70 Prozent der Beschäftigten an dem Sparplan. „Dieses System hat den Vorteil, dass es jeder versteht“, sagt Sven Palec. Es sei einfach, transparent und planbar. Der Mitarbeiter der Personalabteilung hat den Vertrag als einer der ersten unterschrieben. Was Palec macht, können sich viele Beschäftigte in Kleinbetrieben kaum leisten. „Geld, das ich sparen will, muss ich erstmal haben“, sagt der Longial-Pensionsberater Walddörfer. Das gelte auch für den Fall, dass sich das Arbeitsministerium mit seiner Idee einer neuen Tarifrente durchsetzt. Dieses Argument ist mittlerweile in Berlin angekommen. Ministerin Nahles denkt inzwischen laut über Alternativen zu ihrem Betriebsrentenvorschlag nach. So hat sie kürzlich eine stärkere staatliche Förderung der Betriebsrente in Aussicht gestellt – sofern der Finanzminister zustimmt.

Text: Heimo Fischer
Mitarbeit: Dennis Schmidt-Bordemann
Fotos: Mauritius Images, Markus Hibbeler/ DDP Images, Heinz Heiss, Martin Wagnhan für Positionen

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