Positionen-Magazin
Ladungs­si­cher­heit bei Lkw

Die Last mit der Ladung

Millionen von Lkw sichern die Logistik – oft sind die Güter, die sie befördern, aber schlecht verstaut und verzurrt. Mangelnde Ladungsicherheit führt nicht nur zu mehr Unfällen, auch Diebe haben leichtes Spiel

Es gibt Orte, an denen brauchen Autofahrer starke Nerven. Einer davon ist die A1 bei Bremen, wo sich allein 2018 fast 4000 Staustunden ansammelten. Besonders unangenehm war das für die Betroffenen im vergangenen Frühjahr: Damals verlor ein Lastwagen Unmengen übel riechender Schlachtabfälle – nur einen Tag, nachdem ein anderer Transporter Tierfutter auf der Fahrbahn verteilt hatte. In beiden Fällen war die Ladung nicht richtig gesichert. Der Fahrer der Schlachtabfälle wurde deswegen sogar angezeigt. „Ladungsverluste sind ein ernsthaftes Problem“, sagt Björn Kupfer, Referent für Transportversicherung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Jedes Jahr verschwinden in Deutschland Zigtausende Dinge von Lastwagen. Einige landen auf Autobahnen und Landstraßen, andere kommen als Hehlerware in Umlauf. 

Bei 70 Prozent der kontrollierten Lastwagen war die Ladung nicht ausreichend oder gar nicht gesichert

In die Medien schaffen es meist nur die spektakulären oder kuriosen Fälle: 24 Tonnen verlorener Käse in Niedersachsen, 100 Bierkisten in Baden-Württemberg, giftiges Kunstharz in Hessen oder eben Schlachtabfälle in Bremen. Das ist nicht nur gefährlich, sondern auch teuer. 2018 zahlten die Versicherer in Deutschland für Transportschäden mehr als 1,2 Milliarden Euro. Ein nicht unerheblicher Teil davon ist auf unzureichende Ladungssicherung zurückzuführen. Denn laut GDV, der über Jahre zusammen mit der Polizei Lastwagen auf den Autobahnen kontrolliert hat, ist die Ladung in 70 Prozent der Fälle nicht richtig oder – was sogar noch häufiger vorkommt – gar nicht gesichert. Tonnenschwere Betonteile, Stahlträger, Holz: Vieles wird einfach auf Lastwagen gestellt. Gerät die Ladung in Bewegung, kann das tödlich enden. 

Die Gefahr wächst: Immer mehr Güter werden per Lkw transportiert

Und die Gefahr wächst, denn jedes Jahr werden mehr Güter transportiert. 2018 waren es laut dem Statistischen Bundesamt fast 40 Prozent mehr als zur Jahrtausendwende. Rund 70 Prozent aller Güter werden auf Lastwagen durch das Land gefahren. In Deutschland legten Lkw laut dem Kraftfahrtbundesamt 2018 mehr als 80 Milliarden Kilometer zurück. Vom Gefahrgut über teure Technik bis hin zu Lebensmitteln – es gibt fast nichts, was nicht auf Lastwagen gefahren wird.

Mal ist die Zeit knapp, mal fehlt das Wissen, wie man die Ladung befestigt

Versicherer setzen vor allem auf Prävention, um Ladungsverluste zu vermeiden. „Wir bieten Informationen an“, sagt Kupfer. Oft fehle bei der Ladungssicherung nicht nur die Zeit, sondern auch das nötig Wissen. In vielen Unternehmen mache man sich zwar Gedanken darüber, wie die Ware produziert wird, aber nicht über ihren Transport, sagt der Experte. Doch verantwortlich für die Sicherheit der Güter seien die Absender. Der Fahrer müsse dann dafür sorgen, dass die Ware so transportiert wird, dass kein anderer Verkehrsteilnehmer gefährdet wird. Doch genau daran hapere es. „Viele haben einfach zu wenig Ahnung“, sagt Kupfer. 

Der GDV-Experte sammelt Bilder von solchen Fällen: ein heruntergefallenes Betonteil, das ein parkendes Auto zerdrückt hat, Dutzende Spanngurte, die vollkommen funktionslos über Stahlträger gezurrt wurden, Baustahlmatten, die von einem Laster in ein anderes Fahrzeug gerutscht sind. Der GDV nutzt diese Bilder als Anschauungsmaterial. Jeden Monat erklären die Experten, was schief gelaufen ist und was besser gemacht werden kann. Die Erkenntnisse finden sich auch in einem erst vor Kurzem überarbeiteten Ladungssicherungshandbuch wieder, das auch Polizisten bei ihren Kontrollen nutzen. Zuletzt kam es bundesweit im Herbst zum Einsatz. Damals kontrollierten 5600 Polizisten fast 17.000 Lastwagen. Sie stellten knapp 10.000 Verstöße fest, ein Zehntel davon gegen Richtlinien zur Ladungssicherung.

Nachts schleichen Diebe mit Messern über die Lkw-Parkplätze

Doch schlecht fixierte Ladung ist nicht das einzige Problem. Eines der größten Risiken für Spediteure offenbart sich bei einem genaueren Blick auf die rechten Spuren deutscher Autobahnen: „Fast jeder Lastwagen hat einen Schnitt“, sagt Kupfer. Sogenannte Planenschlitzer haben laut GDV 2016 Güter im Wert von 1,3 Milliarden Euro gestohlen, weitere 900 Millionen Euro kamen durch damit verbundene Konventionalstrafen, Reparaturkosten, Umsatzeinbußen und Produktionsausfälle zusammen. „In der Warenversicherung ist Diebstahl ein sehr großes Problem“, sagt Kupfer. Denn jeder Fall bedeute einen Totalverlust. Die Zahlen seien ähnlich hoch wie bei anderen Arten von Ladungsverlusten. 

Die Täter schlagen meist nachts zu. Sie schneiden kleine Sichtschlitze in die Planen der auf Rastplätzen oder in Industriegebieten parkenden Lastwagen. Versteckt sich darin interessante Beute, laden die Diebe die Waren in eigene Transporter. Dabei geht es nicht immer um teure Dinge; geklaut wird alles, was sich gut transportieren und verkaufen lässt. 

Projektgruppe „Cargo“ setzt Planenschlitzern erfolgreich zu

Nach allem, was man bisher wisse, handele es sich um länderübergreifende organisierte Kriminalität, sagt David Gängel vom Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt, das die Projektgruppe „Cargo“ leitet. Sie geht seit Sommer 2018 gezielt gegen Planenschlitzer vor. Mit dabei sind Europol, mehrere Bundesländer und das Bundeskriminalamt. „Die Banden bestehen zum einen aus Tätern, die die eigentlichen Angriffe auf Lastwagen planen und durchführen, und zum anderen aus Tätern, die für den Verkauf des Diebesguts sorgen“, sagt Gängel. Seit ihrer Gründung hat die Projektgruppe mehrere Täter und Banden gefasst – und wurde dafür jetzt sogar vom internationalen Transportsicherheitsverband Tapa für ihre „herausragende Arbeit“ ausgezeichnet. Die registrierten Fälle seien zwar 2019 deutlich zurückgegangen, trotzdem müssten die Branchen weiter Präventionsarbeit leisten: Verhaltenshinweise an die Fahrer geben, Sicherheitsvorkehrungen für ihre Lkw, die Ladung und auf dem Betriebsgelände treffen – und die Lieferkette analysieren. 

Manchmal lohnt es sich, Frachttransporte von Sicherheitsfirmen begleiten zu lassen

Denn darin gibt es mitunter schwarze Schafe: sogenannte Phantomfrachtführer. Diese bieten günstige Transporte an und holen die Ware unter falschem Namen ab. „Sie bringen sie aber nicht dort hin, wo der Absender sie hinschicken will“, sagt Kupfer. Stattdessen werde sie anderswo veräußert; die Verfolgung sei schwierig. Auch hier helfen die Versicherer. Sie geben Tipps, mit denen sich Betrüger von seriösen Spediteuren unterscheiden lassen, etwa durch Referenzen oder Versicherungsbestätigungen. Eine Möglichkeit, Frachtdiebstählen vorzubeugen, ist laut Kupfer, teure Ladung auf mehrere Lkw zu verteilen oder Transporte von Sicherheitsfirmen begleiten zu lassen „Das hat durchaus seine Berechtigung“, sagt Kupfer. Schließlich seien viele Lastwagen mit wertvollem Gut unterwegs. Und das muss gesichert werden – gegen Diebe genauso wie gegen die Physik. Selbst wenn es sich lediglich um den Transport von Schlachtabfällen handelt.

Text: Robert Otto-Moog

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