Positionen-Magazin
Serie Rente Glo­bal: Schwe­den

Die Krux mit der Schwe­den-Rente

Das skandinavische Rentensystem mit staatlichen Aktienfonds gilt aktuell als das Erfolgsmodell in Sachen Altersvorsorge. Die Stimmen, in Deutschland denselben Weg einzuschlagen, mehren sich. Doch so einfach, wie es klingt, ist es nicht.

Wenn die Deutschen nach fortschrittlichen Vorbildern suchen, blicken sie gern auf ihre nordischen Nachbarn: Die Norweger sind bei der E-Mobilität weit voraus, in Dänemark kann man viele Behördengänge bequem online erledigen, in Island steht Frauen per Gesetz die gleiche Bezahlung zu wie Männern. Und die Finnen sind laut World Happiness Report sogar das glücklichste Volk der Erde. Beim Thema Altersvorsorge heißt das Land der Träume Schweden. Dort sorgt ein staatlich gemanagter Aktienfonds seit Jahren dafür, dass die Beitragszahler von den hohen Renditen am Kapitalmarkt profitieren. Während in Deutschland die Versorgungslücke im Alter immer größer wird, haben die Skandinavier das Problem zur Zufriedenheit aller gelöst – das zumindest ist der Eindruck, den man in den vergangenen Monaten gewinnen konnte. Die FDP fordert bereits den Umbau des deutschen Rentensystems nach schwedischem Vorbild, „Ikea-Rente statt Riester“, empfiehlt die „Süddeutsche Zeitung“. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn das Schweden-Modell hat auch handfeste Nachteile – und würde so manches Problem der deutschen Altersvorsorge nicht beheben.

Die Schweden müssen 2,5 Prozent ihrer Einkünfte in Aktienfonds einzahlen

Auf den ersten Blick ähnelt das schwedische Rentensystem sehr dem deutschen. Es baut ebenfalls auf drei Säulen auf: der staatlichen Rente, einer Betriebsrente sowie der privaten Vorsorge. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass ein Teil der Rentenbeiträge nicht in die klassische umlagefinanzierte Rente fließt, sondern in die sogenannte Prämienrente. 16 Prozent ihres Bruttoeinkommens müssen die Schweden nach demselben Prinzip wie in Deutschland an die gesetzliche Rentenkasse abführen. Darüber hinaus sind sie verpflichtet, weitere 2,5 Prozent ihrer Einkünfte am Kapitalmarkt in Fonds zu investieren. In welche, darf jeder Rentenversicherte selbst bestimmen. Wer keine aktive Entscheidung trifft, bekommt automatisch den staatlichen Aktienfonds AP7 – was sich in den vergangenen Jahren durchaus gelohnt hat. Weil das System obligatorisch ist, kann der Fonds mit niedrigeren Kosten arbeiten. In den vergangenen zehn Jahren warf er durchschnittlich eine zweistellige Rendite ab. Profitieren konnte der Fonds von steigenden Aktienkursen im Niedrigzinsumfeld. Zusätzlich setzte der AP7 auch auf Derivate, hebelte die Aktienquote damit rechnerisch sogar auf bis zu 150 Prozent und ging zusätzliche Risiken ein. Hinzu kamen Wechselkurseffekte. Inzwischen ist der Staatsfonds 662 Milliarden Schwedische Kronen (knapp 66 Milliarden Euro) schwer.

In der Startphase hatte der Fonds allerdings mehrere Jahre hintereinander im zweistelligen Prozentbereich an Wert verloren, in  der Finanzkrise verbuchte er ebenfalls starke Einbrüche. Neben dem AP7 gibt es rund 500 weitere staatlich zugelassene Alternativen, mit denen sich jeder Schwede seine individuelle Prämienrente zusammenbauen könnte wie einen Ikea-Schrank. Mehr als die Hälfte der rund sechs Millionen Rentenversicherungspflichtigen investieren ihre Prämienrente jedoch in den staatlichen Fonds. „Der AP7 legt das Geld zu 100 Prozent in Aktien an, bis der Versicherte 55 Jahre alt ist“, erklärt Eva Erlandsson, Ökonomin beim schwedischen Versicherungsverband Svensk Försäkring das Prinzip. „Danach fließt ein stetig wachsender Anteil in festverzinsliche Papiere.“ Damit kann der Stand der individuellen Rentenkonten in der Ansparphase stark schwanken. Viele deutsche Anleger könnten das für eine zu risikoreiche Investition halten, meint Johannes Rausch vom Max-Planck-Institut für Sozialpolitik und Sozialrecht in München: „In Deutschland sind wir historisch sehr vorsichtig, was Aktiengeschäfte angeht.“ 

Staatliche Anreize, zusätzlich privat vorzusorgen, gibt es seit 2015 nicht mehr

Die Schweden stellen die Investitionsstrategie des staatlichen Fonds indes kaum infrage. „Es gibt keine große Diskussion darüber, ob die Risiken zu groß sind und wie das Geld investiert wird“, sagt Erlandsson. „Aber das liegt vielleicht auch daran, dass es vielen Leuten einfach nicht bewusst ist.“ Staatliche Anreize, zusätzlich zur Prämienrente privat vorzusorgen, gebe es in Schweden seit 2015 gar nicht mehr, berichtet Erlandsson. „Dieser Teil fehlt uns im System“, so die Versicherungsexpertin. Wie die Deutschen standen auch die Skandinavier in den 1990er-Jahren vor der Frage, wie die Rente angesichts der zunehmenden Alterung der Gesellschaft in Zukunft finanzierbar bleiben soll – und krempelten ihre bis dahin aus Steuergeldern finanzierte staatliche Altersvorsorge grundlegend um. „Unser altes System war ungerecht und nicht nachhaltig“, sagt die Ökonomin Agneta Kruse von der Universität Lund. „Wir hätten entweder die Beiträge oder die öffentliche Schuldenlast extrem erhöhen müssen, um es aufrechtzuerhalten.“ 

Im schwedischen Modell steigt das Renteneintrittsalter automatisch

Während sich Deutschland kurz nach der Jahrtausendwende dafür entschied, die private Altersvorsorge staatlich zu fördern und damit die gesetzliche Rente zu ergänzen, steuerte Schweden in eine grundlegend andere Richtung und leitete Teile der gesetzlichen Rentenbeiträge an den Kapitalmarkt um. Und es gibt noch einen weiteren wichtigen Unterschied: Die schwedische Prämienrente ist für jeden Rentenversicherten verpflichtend, während es den Deutschen freisteht, sich für ein privates Vorsorgeprodukt wie etwa  die Riester-Rente zu entscheiden. „Wenn man bedenkt, dass viele Menschen die Tendenz haben, ihre private Vorsorge auf die lange Bank zu schieben, wäre ein Obligatorium natürlich zielstrebiger“, sagt Rausch. Dennoch hält der Münchner Forscher es für schwierig, das schwedische Modell auf Deutschland zu übertragen. Zum einen hätten die Schweden in den vergangenen Jahrzehnten eine wesentlich höhere Geburtenrate gehabt. Insofern sei die Finanzierungslücke in der Rentenkasse geringer. Zum anderen sei eine Umstellung des Rentensystems stets mit langen Übergangsregelungen verbunden. Das würde in Deutschland „mindestens bis 2030 dauern, eher länger“, so Rausch. Für die unmittelbaren Herausforderungen, etwa den Renteneintritt der Babyboomer-Generation, kämen die entlastenden Effekte daher zu spät. 

Die größte Herausforderung sei aber, dass Deutschland im Vergleich zu Schweden eine viel geringere Rücklage in der Rentenversicherung habe. Deswegen und wegen der deutlich größeren Bevölkerung müsste ein möglicher deutscher Staatsfonds ein Vielfaches dessen am Kapitalmarkt einsetzen, was die Schweden in die Hand nehmen mussten – und das zu den heute deutlich höheren Einstiegskursen. Denn den jahrelangen, von den niedrigen Zinsen induzierten Boom der Aktienmärkte, dem der AP7 seine Performance verdankt, müssten die Deutschen mit saftigen Aufschlägen bezahlen. Und dass die Renditen an der Börse auch in Zukunft so üppig ausfallen wie in den den vergangenen Jahren, ist alles andere als sicher.

Wer vorzeitig in Rente geht, muss hohe Abschläge in Kauf nehmen

Was zudem in der Diskussion hierzulande oft untergeht: In Schweden passt sich der Rentenversicherungsbeitrag derzeit nicht der zunehmenden Lebenserwartung an. „Das Alter, ab dem man die volle Rente beziehen kann, steigt ganz automatisch“, sagt die Ökonomin Kruse. Statt eines festen Renteneintrittsalters wie in Deutschland gibt es einen Korridor: Momentan können die Schweden frühestens mit 62 Jahren in Rente gehen, bis 68 haben sie das Recht, zu arbeiten. Aktuell ist geplant, ein sogenanntes Richtalter einzuführen, an dem sich die Altersgrenzen des Korridors orientieren. Es wird voraussichtlich bei 67 Jahren liegen, aber schon jetzt ist klar: Durch die demografische Entwicklung wird das Richtalter in den kommenden Jahren immer weiter steigen. Derzeit  gehen die Schweden im Durchschnitt mit 64,5 Jahren in den Ruhestand. Wer früher aufhören will, muss erhebliche Abschläge in Kauf nehmen: nach Angaben der zuständigen Behörde etwa fünf bis sechs Prozent für jedes Jahr vorgezogenen Rentnerdaseins. Wer also beispielsweise schon mit 62 nicht mehr arbeiten möchte, erhält bis zu 18 Prozent weniger Rente als sein Kollege, der bis 65 durcharbeitet. Wer länger bleibt, bekommt entsprechende Zuschläge. Deutsche Rentner müssen aktuell nur mit etwa 3,6 Prozent weniger Einkommen pro Jahr rechnen, wenn sie vorzeitig in den Ruhestand gehen. 

An dieser Stelle hat das schwedische System nach Rauschs Einschätzung allerdings einen wichtigen Vorteil gegenüber dem deutschen: Es ist transparenter. „Man spart auf ein fiktives Konto und baut darüber ein virtuelles Einkommen auf. Dieses wird dann später entsprechend der prognostizierten Lebenserwartung auf die Rentenzeit aufgeteilt.“ Das heißt konkret: Die Schweden wissen jederzeit, wie viel Rente sie erwarten können, wenn sie etwa mit 63, 65 oder 67 in den Ruhestand gehen – während viele Deutsche keine Vorstellung davon haben, mit welchem Einkommen sie im Alter haushalten müssen. Jedes Jahr flattert schwedischen Rentnern und Beitragszahlern digital oder per Post ein orangefarbener Umschlag ins Haus. Darin steht – unter anderem –, mit welcher Rentenhöhe sie in welchem Alter rechnen können. Ein ähnlich transparentes System könnte in Deutschland die Debatte über das Renteneintrittsalter auflösen, meint Alterssicherungsforscher Rausch vom Max-Planck-Institut. Ein erster Schritt in diese Richtung ist inzwischen gemacht: Bis Herbst 2023 soll hierzulande die digitale Rentenübersicht jedem Bürger online einen Überblick über all seine Rentenansprüche aus gesetzlicher, betrieblicher und privater Altersvorsorge geben. 

Frauen werden im schwedischen Rentensystem benachteiligt

In Schweden selbst gibt es durchaus auch Kritik am eigenen Rentenmodell: etwa daran, dass es Frauen benachteiligt. Während sich die Rentenhöhe früher aus den 15 einkommensstärksten Jahren des Arbeitslebens ergab, ist heute das Einkommen über das gesamte Erwerbsleben maßgeblich. Da Frauen häufiger Teilzeit arbeiteten als Männer, habe dies natürlich Einfluss auf das Rentenniveau, sagt die Versicherungsexpertin Erlandsson. „Ich sehe das aber nicht als Fehler im Rentensystem, sondern eher auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft.“ Ökonomin Kruse macht im schwedischen Rentensystem auch Nachteile für Berufstätige in nicht akademischen Berufen aus. „Es ist körperlich viel anstrengender, etwa in der Pflege zu arbeiten als in einem akademischen Beruf. Daher können diese Menschen oft nicht so lang arbeiten und müssen eher niedrige Renten in Kauf nehmen.“ Das zeigt: Auch in Schweden dauert die rentenpolitische Debatte an. Das Rundum-sorglos-Paket für Rentner haben die Skandinavier also nicht erfunden. Und die private Altersvorsorge auch nicht überflüssig gemacht.

Text: Julia Wäschenbach

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