Positionen-Magazin
Block­chain-Tech­no­lo­gie

Der nächste Block­bus­ter in Sachen Kapi­tal­an­lage

Die deutschen Versicherer legen jedes Jahr rund 300 Milliarden Euro an. Doch Finanztransaktionen sind aufwendig, zeitintensiv und teuer. Die Blockchain-Technologie könnte viele Geschäfte schneller und effizienter machen.

Dass ausgerechnet Deutschland um seine IT-Kompetenz beneidet wird, hört man nicht oft. Aber beim Thema Blockchain sei das tatsächlich so, sagt Philipp Sandner, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management: „Die EthereumBlockchain wird zum Beispiel zu großen Teilen in Deutschland und Korea vorangetrieben.“ Teile der Investorenszene erwecken den Eindruck, als habe sich die virtuelle Datenbank, mit der sich digitale Transaktionen dezentral und sicher speichern lassen, schon als feste Basis für neue Finanzierungsinstrumente etabliert: Anbieter wie Bitbond, Brickblock oder StartMark geben Blockchain-basierte Schuldverschreibungen aus, mit denen Anleger in Immobilien oder Start-ups investieren können. Das Versprechen: Die voll digitale und automatisierte Abwicklung mache Transaktionen schneller und günstiger – wodurch sich selbst kleine Investments früher rechnen. Auch etablierte Akteure tummeln sich in der neuen Blockchain-Welt. So hat der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) einen Prototypen entwickelt, der das Zulagenverfahren bei der Riester-Rente deutlich vereinfachen könnte. Er kooperiert dabei mit der zuständigen Behörde ZfA, wo die Zulagen für die rund 16,6 Riesterverträge verwaltet werden. Die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) experimentiert mit Blockchain-basierten Schuldverschreibungen und platzierte bei ihrem ersten Projekt eine 100-Millionen-Euro-Anleihe der Daimler AG.

Verträge, die selbst auf ihre Einhaltung achten

Nach geltendem Recht sind Schuldverschreibungen sehr aufwendig; Emittent, Bank und Investoren schicken viel Papier hin und her, es wird beglaubigt, unterzeichnet, abgeheftet. All das kann via Blockchain deutlich schneller abgewickelt werden.

Technisch ist eine Blockchain ein Register, in dem Transaktionen so verschlüsselt und gespeichert werden, dass sie hinterher nicht mehr verändert werden können – wie ein digitales Grundbuch. Zusätzlich kann eine Blockchain aber auch abbilden, welche Vertragsverhältnisse zwischen den Parteien bestehen – und dafür sorgen, dass die daraus resultierenden Verpflichtungen automatisch erfüllt werden. „Smart Contracts“ heißen diese Verträge, die selbst auf ihre Einhaltung achten und etwa eine Dividendenzahlung oder eine Übertragung von Eigentumsrechten veranlassen.

Bisher müssen Blockchain-basierte Schuldverschreibungen hierzulande immer noch parallel in Schriftform abgebildet werden. Aber das will die Bundesregierung ändern. Im September hat sie ihre Blockchain-Strategie vorgestellt. Einer der zentralen Punkte: Das deutsche Recht soll für elektronische Wertpapiere geöffnet werden. Noch 2019 will die Regierung einen Gesetzentwurf vorlegen, der die Schriftform für Blockchain-basierte Wertpapiergeschäfte nicht mehr zwingend vorschreibt. Innovatoren wie die LBBW könnten sich dann das Papierdoppel sparen. 

GDV-Kapitalanlagenexperte Tim Ockenga sieht darin auch einen wichtigen und überfälligen Schritt für die Versicherungsbranche: „Wir vertreten eine institutionelle Investorengruppe, die jedes Jahr rund 300 Milliarden Euro neu anlegt. Da sind Blockchain-Technologien interessant, weil wir damit Aufwand und Transaktionskosten reduzieren können.“ Dass sich die Regierung zunächst mit Schuldscheindarlehen beschäftigt, findet Ockenga sinnvoll: „Blockchain ist besonders interessant, wenn es ein Investitionsobjekt, aber mehrere Anleger gibt. Hier muss man viele Vertragsbeziehungen koordinieren, das ist sehr aufwendig.“

Datenschutz und Datensicherheit dürfen kein Widerspruch sein

Die ersten Versicherer loten die neuen Möglichkeiten bereits aus. Die MEAG, der Vermögensverwalter des Munich-Re-Konzerns, hat über die LBBW bereits eine Wertpapiertransaktion nur auf Blockchain-Basis durchgeführt – ganz ohne Papier, weil das Geschäft nach irischem Recht durchgeführt wurde, das dies bereits zulässt. Normalerweise hätte die Abwicklung des Geschäfts zwei Tage in Anspruch genommen, heißt es bei der LBBW. Mit der Blockchain-Variante sei das in einer Stunde erledigt gewesen.

Damit solche Transaktionen auch hierzulande möglich werden, müsse der Gesetzentwurf einen eindeutigen Rechtsrahmen vorgeben, sagt Ockenga: „Für institutionelle Anleger ist wichtig, dass man zivil- und aufsichtsrechtlich klar geregelte Finanzinstrumente hat. Da müssen zum Beispiel Vorgaben wie Solvency II abgedeckt sein.“

Für die Versicherungswirtschaft spielt zudem das Thema Datenschutz eine wichtige Rolle. Zwar bringen Blockchain-Systeme viele Eigenschaften mit, die gegen Datendiebstahl und -manipulation schützen. Dem steht aber der Anspruch entgegen, personenbezogene Daten auch rückstandsfrei wieder löschen zu können, was etwa bei der digitalen Verarbeitung von Riester-Zulagen zwingend notwendig ist. Hier müsste noch einiger Entwicklungsaufwand betrieben werden, was sich aus Sicht von GDV und ZfA aber lohnen würde. Eine bessere Transparenz würde „die Akzeptanz der Riester-Rente deutlich erhöhen“, schreiben sie in ihrem Projektbericht. 

So revolutioniert Blockchain die Wirtschaft: In diesen Branchen erwarten die meisten Entscheider eine Disruption durch Blockchain-Anwendungen (Quelle Deloitte).

Blockchain ist nicht dasselbe wie Bitcoin

Eine weitere Hürde für Blockchain-basierte Anlageformen sei der eher durchwachsene Ruf der Technologie in Deutschland, sagt GDV-Experte Ockenga. Viele Menschen setzten den Begriff „Blockchain“ immer noch mit „Bitcoin“ gleich und dächten dabei an Schattenwirtschaft, zwielichtige Geschäfte im Darknet und den enormen Stromverbrauch der weltweiten Server-Netzwerke, auf denen Kryptowährungen wie Bitcoin erzeugt und gehandelt werden. „Bitcoin ist aber nur eine von vielen Ausprägungen der Blockchain-Technologie. Die Bitcoin-Blockchain funktioniert ganz anders als eine Kette von Datenpaketen, auf der zum Beispiel die LBBW ihre Schuldscheine abwickelt“, sagt Ockenga.

Der wichtigste Unterschied ist die Transparenz sämtlicher beteiligter Akteure: Bitcoins kann jeder Internetnutzer auch anonym schürfen, wenn er sich einen entsprechend rechenstarken Server in den Keller stellt. Bei elektronischen Schuldverschreibungen dagegen legt das ausgebende Kreditinstitut fest, wer Teil seines Netzwerks sein darf. Jeder Teilnehmer ist bekannt. Und sämtliche Transaktionen, die auf dieser privaten Blockchain stattfinden, werden von der Bank beglaubigt. Sie fungiert sozusagen als virtueller Notar.

Bei einer öffentlichen Blockchain dagegen werden Transaktionen bestätigt, indem viele Netzwerkteilnehmer gleichzeitig dieselbe Rechenaufgabe lösen und dadurch den digitalen „Stempel“ erzeugen. Dieser enorme Rechenaufwand macht öffentliche Blockchains so stromhungrig. Bei der privaten Variante, wie sie die institutionellen Investoren nutzen wollen, ist der Energieverbrauch dagegen vernachlässigbar.

Es fehlt eine einheitliche europäische Regulierung

Gelitten hat der Ruf von Blockchain-Geschäften auch durch gescheiterte – oder sogar betrügerische – Ausgaben von Blockchain-basierten Wertanlagen, sogenannten Initial Coin Offerings (ICO), bei denen Anleger sich an spekulativen Geschäftsideen beteiligen. Auch für solche Transaktionen will die Bundesregierung einen sicheren Rechtsrahmen schaffen; die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat bereits die ersten Ausgaben sogenannter Security Token Offerings (STO) erlaubt. So durfte der Anbieter StartMark einen STO in Höhe von 50 Millionen Euro platzieren, das Geld wird in ein Start-up-Portfolio investiert. Als Voraussetzung für das Geschäft musste StartMark einen 70-seitigen Börsenprospekt einreichen. Weniger streng waren die Vorgaben für Immobilien-STO der Brickblock-Gruppe: Weil das Volumen bei weniger als acht Millionen Euro lag, genügte hier ein dreiseitiges Wertpapier-Informationsblatt.

Entscheidend sei neben der Rechtssicherheit vor allem die internationale Perspektive, sagt Ockenga: „Es ist wichtig, dass man eine harmonisierte europäische Regulierung schafft, auch für den Handel mit Krypto-Token. Sonst entstehen erhebliche Risiken für die Anleger.“

Was in der Blockchain-Strategie der Bundesregierung zur Token-Ökonomie steht, geht aus Sicht des GDV zwar in die richtige Richtung, könne aber nur ein erster Schritt sein, so Ockenga. „Anderswo ist man schon weiter. Die Schweiz ist bereits tief in die Details eines künftigen Rechtsrahmens für digitale Wertpapiere eingestiegen, und selbst der aktuelle bietet schon viele Möglichkeiten mit Technologien wie Blockchain umzugehen.“

Es gibt eben immer jemanden, den man noch ein bisschen mehr beneiden kann.

Text: Georg Dahm

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