Positionen-Magazin
Bre­xit

Dann eben ohne Lon­don

Am 29. März 2019 verlässt Großbritannien die Europäische Union. Das Datum ist bisher das Einzige, was beim Brexit sicher ist. Was danach kommt, weiß keiner. Auch Deutschlands Versicherer nicht.

Die Sorge wächst bereits lange vor dem magischen Datum. Wie wird die global vernetzte Wirtschaft den möglichen Schock verkraften? Kommt es zum Börsencrash, gar zu einer weltweiten Rezession? IT-Spezialisten bei Banken und Versicherungen schieben Sonderschichten, die britische Regierung lässt Notfallpläne ausarbeiten für den Fall, dass es zu einer Massenpanik kommt. Und dann passiert – fast nichts.

Der Millennium-Bug ist die wohl berühmteste Beinahe-Katastrophe mit eingebautem Zeitzünder. Viele der 1999 aktuellen Computersysteme arbeiteten nur mit zweistelligen Jahreszahlen und konnten somit das bevorstehende Jahr 2000 nicht von 1900 unterscheiden. Der Jahreswechsel, so die Befürchtung damals, könne die Rechner überfordern – mit unabsehbaren Folgen. Tatsächlich gab es nach dem Neujahrstag diverse Fehlbuchungen bei Banken, Neugeborene kamen als 100-Jährige auf die Welt, und Bibliotheken berechneten Mahngebühren für seit einem Jahrhundert entliehene Bücher. Das war’s. Der befürchtete Weltuntergang fiel aus, die Notfallpläne verschwanden in der Schublade. Und die Apokalyptiker schämten sich ein bisschen.

Der Brexit wird kommen. Aber was passiert dann?

Seit drei Monaten gibt es wieder ein Datum für ein mögliches ökonomisches Desaster mit Ansage: Am 29. März 2017 hat die britische Regierung die Austrittserklärung ihres Landes bei der Europäischen Union eingereicht. Seither tickt die Uhr. Klar ist: Am 30. März 2019, nach dem Ablauf der vertraglich festgelegten Zweijahresfrist, wird Großbritannien nicht mehr Mitglied der EU sein. Eine Möglichkeit, dieses Szenario noch abzuwenden, gibt es wohl auch nach den Unterhauswahlen in Großbritannien nicht mehr. Brexit bedeutet Brexit.

Was danach kommt, weiß derzeit niemand genau zu sagen. Speziell für die Versicherungswirtschaft, deren Kerngeschäft es ist, Risiken einzuschätzen, zu bewerten und zu kalkulieren, ist das eine unangenehme Situation. Schließlich kann der Brexit die Gesamtwirtschaft Milliarden kosten. „Es hätte schwerwiegende wirtschaftliche Folgen, wenn die EU und Großbritannien im Streit auseinandergingen, ohne ein Abkommen über die künftigen wirtschaftlichen Beziehungen“, sagt Klaus Wiener, Chef- volkswirt des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Dass am Ende der Gespräche tatsächlich ein neuer Vertrag steht, hält er keineswegs für sicher. „Insbesondere nach der Wahl in Großbritannien ist die ohnehin schon kurze Zeit noch einmal knapper geworden und die politische Stimmung auf beiden Seiten aufgeheizt.“ Auch Jan Blumenthal, Hauptbevollmächtigter des Londoner Versicherers Lloyd’s in Deutschland, ist wenig optimistisch: „Wir müssen vom Worst Case ausgehen.“

Dieser schlimmste Fall hieße: Am 30. März 2019 fällt das Vereinigte Königreich zurück auf den Status eines Drittstaats. Im grenzüberschreitenden Handel gelten dann die Regeln der Welthandelsorganisation. Versicherer, die mit der Zulassung eines anderen EU-Landes in Großbritannien Geschäft betreiben, hätten dafür auf britischem Territorium plötzlich keine Erlaubnis mehr, auf der Insel beschäftigte EU-Bürger verlören womöglich ihr Aufenthaltsrecht.

Großbritannien ist ein wichtiger Auslandsmarkt

Mit einem Beitragsvolumen von mehr als 320 Milliarden Dollar und einem Weltmarktanteil von 7,0 Prozent ist Großbritannien der größte Versicherungsmarkt Europas und die Nummer vier weltweit – hinter den USA, Japan und China. Eine ganze Reihe deutscher Versicherer ist mit einer deutschen Zulassung in Großbritannien tätig. Die damit vereinnahmten Beiträge von 1,3 Milliarden Euro (2015) machen allerdings weniger als ein Prozent der gesamten Beitragseinnahmen aus. „Eine existenzielle Bedrohung kann man da sicher nicht ausmachen“, sagt GDV-Experte Wiener.

Zumal sich der Verlust des „europäischen Passes“ für den britischen Markt durch die Gründung einer nationalen Tochtergesellschaft kompensieren ließe, wie sie Allianz und Munich Re als bisher einzige deutsche Versicherer bereits unterhalten. Diese würde dann von der künftigen britischen Aufsichtsbehörde reguliert und hätte dieselben Rechte wie britische Assekuranzunternehmen. Im Gegenzug müssten allerdings wichtige Kernfunktionen vom Risikomanagement bis zur Personalabteilung vor Ort aufgebaut und vorgehalten werden, was steigende Kosten bedeutet. Angesichts des harten Wettbewerbs auf der Insel dürfte sich das in vielen Fällen nicht rechnen.

Insgesamt dürften sich die direkten negativen Folgen des britischen EU-Austritts hierzulande jedoch in Grenzen halten. „Der Brexit wird in unserem Arbeitsalltag zwar Mehrarbeit verursachen, aber wir verfügen über das Handwerkszeug, ihn versicherungstechnisch bewältigen zu können“, sagt Jens Lison, Firmenkundenvorstand der Allianz Deutschland. „Das stellt uns vor keine unlösbaren Aufgaben, auch wenn es für finale Aussagen hierzu noch zu früh ist.“

Britische Aktien geraten unter Druck

Größeres Ungemach droht der Branche womöglich durch die indirekten Folgen eines harten Brexits. So ist der Kurs des Pfunds von Jahresbeginn 2016 bis heute um rund 16 Prozent gefallen. Und er dürfte weiter sinken, sollten sich die Aussichten für die britische Wirtschaft verschlechtern, etwa durch ein Scheitern der Austrittsgespräche. 3,8 Prozent der Kapitalanlagen deutscher Erstversicherer – knapp 60 Milliarden Euro – sind im britischen Währungsraum investiert. Hier könnten sich erhebliche Bewertungsverluste ergeben. Gleiches gilt für die Kurse britischer Anleihen und Aktien, sollten diese infolge des Brexits unter Druck geraten, beispielsweise weil Fonds, die in EU-Papiere investieren, sie aus ihrem Portfolio verbannen.

GDV-Chefvolkswirt Wiener rechnet damit, dass sich aufgrund der anhaltenden Unsicherheit rund um die Austrittsverhandlungen die dringend erforderliche Abkehr der Europäischen Zentralbank von ihrer ultra- lockeren Geldpolitik verzögert. Das hieße: Die Nullzinspolitik geht weiter – mit all ihren negativen Folgen insbesondere für Renditechancen in der Lebensversicherung.

Die größte Sorge bereitet der Branche allerdings die künftige Regulierung britischer Versicherer, wenn diese nicht mehr dem einheitlichen europäischen Aufsichtsrahmen unterliegen. Bisher konkurrieren Europas Versicherer EU-weit zu gleichen Solvency-II-Bedingungen. So sind etwa die Kapitalreserven, die die Unternehmen zur Abdeckung möglicher Schadensfälle jederzeit vorhalten müssen, über die Solvency-II-Richtlinie klar und einheitlich geregelt. Sollten britische Versicherer nach dem Brexit weiter freien Zugang zum europäischen Markt erhalten, ohne dass die EU dies an klare Bedingungen knüpft, könnte die britische Regierung versucht sein, heimischen Anbietern mit weniger strengen Anforderungen Vorteile zu verschaffen. „Versicherer mit geringeren Kapitalanforderungen haben auch geringere Kosten“, sagt Wiener. „Damit könnten sie günstigere Preise anbieten und hätten einen unfairen Wettbewerbsvorteil.“

Gleiche Rechte und Pflichten für alle

Von der EU-Verhandlungskommission erwartet die Branche daher, dass sie allen Bestrebungen in diese Richtung einen Riegel vorschiebt. „Wir brauchen einheitliche Spielregeln“, fordert Wiener. Das sei nicht nur im Interesse der Versicherer, sondern auch der Europäischen Union selbst. Würde sie den Briten weiter die Vorteile der EU-Mitgliedschaft gewähren, ohne dass sie die Lasten tragen, könnte dies andere Staaten ermutigen, dem britischen Beispiel zu folgen. Genau dieses Signal will EU-Verhandlungsführer Michel Barnier um jeden Preis vermeiden.

Auf der anderen Seite des Ärmelkanals begleitet man den Austrittsprozess mit demonstrativer Gelassenheit. „Wir sind Brexit-bereit“, verkündete Adrian Montague, Verwaltungsratschef des größten britischen Versicherers Aviva im April auf einem Branchentreff in London. „In Europa wird sich für uns nichts ändern“, sekundierte Nigel Wilson, Vorstandschef von Legal & General. So viel Optimismus erstaunt angesichts der Tatsache, dass es für die britischen Versicherer um ein deutlich größeres Stück des Kuchens geht als für die deutschen: Rund 20 Prozent ihres Geschäfts tätigen sie innerhalb des EU-Binnenmarktes – und auf dieses Geschäft werden sie auch in Zukunft kaum verzichten wollen.

„Da ist viel Schönrednerei im Spiel“, glaubt Jan Blumenthal, Vertreter des Londoner Versicherungsmarktes Lloyd’s in Deutschland. In Großbritannien sei es derzeit schwierig, gegen den Brexit zu argumentieren, viele Manager wollten es sich mit der Regierung nicht verscherzen – man braucht einander noch. Lloyd’s – traditionell eher regierungsnah – hatte sich klar gegen die EU-Austrittspläne positioniert und vor negativen Konsequenzen für die britische Wirtschaft gewarnt, insbesondere für den Finanzplatz London. „Durch den europäischen Binnenmarkt ist unser Geschäft gewachsen, es wäre illusorisch, zu glauben, dass nach dem 29. März 2019 alles bleibt wie vorher“, sagt Blumenthal.

Ungeklärte Rechtslage schadet den britischen Versicherern

Als einer der ersten britischen Akteure hat Lloyd’s reagiert und den Aufbau einer Tochtergesellschaft in Brüssel angekündigt, um auch künftig auf EU-Gebiet vertreten zu sein und unter EU-Regulierung Geschäfte machen zu können. Blumenthal: „Wir wollten das nicht, wir mussten das machen. Jeder, der in Zukunft noch mitspielen will, muss darüber nachdenken.“

Das scheinen einige andere britische Versicherer ähnlich zu sehen. So kündigte etwa Hiscox die Gründung einer Dependance in Luxemburg an, andere erwägen Branchenkennern zufolge den Umbau bestehender Niederlassungen in rechtlich selbstständige Einheiten. „Das wird etwas Geld kosten, aber das ist nicht das Ende der Welt“, sagt Adrian Ladbury, Herausgeber des Fachblatts „Commercial Risk Europe“. Er sieht die deutlich größere Gefahr darin, dass bis zur Klärung der künftigen Rechtslage europäische Kunden britische Versicherer meiden und lieber Verträge mit europäischen Wettbewerbern abschließen, die auch in zwei Jahren noch innerhalb der EU operieren dürfen. „Das ist ein echtes Marketingproblem für die britischen Anbieter“, sagt Ladbury.

Hinzu kommt: Da die britische Regierung darauf beharrt, ein strengeres Einwanderungsregime auch gegenüber EU-Bürgern einzuführen, gilt es als nahezu ausgeschlossen, dass die Arbeitnehmerfreizügigkeit zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich bestehen bleibt. „Für den Finanzplatz London kann das zu einem Problem werden“, prognostiziert GDV-Chefökonom Wiener. „Die City ist angewiesen auf hochqualifiziertes internationales Personal.“ Aber auch für deutsche Unternehmen, die auf der Insel tätig sind, ist der Schutz des Mitarbeiterstatus dort wichtig. Bei aller Gelassenheit, die britische Versicherungsmanager derzeit nach außen tragen: Redebedarf scheint zu bestehen. Ein Kongress mit dem Titel „Brexit – der Weg, der vor uns liegt“, den der nationale Branchenverband ABI am 27. Juni in London veranstaltet, ist restlos ausgebucht. Nachdem es unmittelbar nach dem Brexit-Votum im Juni 2016 zunächst so aussah, als könne der EU-Austritt der britischen Konjunktur nichts anhaben, scheint sich mittlerweile die veränderte Situation nicht nur in den Köpfen, sondern auch in den Zahlen niederzuschlagen. Im ersten Quartal 2017 wuchs die britische Wirtschaft aufs Jahr gerechnet nur noch um 0,8 Prozent – 2016 hatte das Wachstum im Gesamtjahr noch bei 1,8 Prozent gelegen. Für das laufende Jahr erwartet die Regierung ein Wachstum von 2,0 Prozent – was nach dem Ergebnis der ersten Monate nur noch schwer zu erreichen sein dürfte.

Zügige Verhandlungen, schnelle Resultate

Aus Sicht der Wirtschaft wäre es das Beste, möglichst rasch zu klären, welche Regeln künftig gelten sollen. Nur so ließen sich die Unsicherheiten in allen Branchen beseitigen und die ökonomischen Folgen des Brexits in Grenzen halten. Die Politik in Großbritannien scheint es jedoch nicht allzu eilig zu haben. Die ersten drei Monate nach der offiziellen Austrittserklärung ließ die Regierung von Premierministerin Theresa May ungenutzt verstreichen – aus Rücksicht auf die Unterhauswahlen am 8. Juni, bei denen die Konservativen von den Wählern abgewatscht wurden.

„Durch den Brexit verlieren wir alle“, sagt GDV-Volkswirt Wiener. „Die Frage ist nur: wie viel?“ Kurze, intensive Verhandlungen könnten immer noch zum Erfolg führen und die schlimmsten Effekte verhindern. Er befürchtet allerdings, dass die Verhandlungen nach der Wahlniederlage der Tories nur schleppend in Gang kommen werden. „Die Politiker sollten sich mäßigen und zum Wohle aller zu vernünftigen Lösungen kommen“, fordert deshalb auch Lloyd’s-Manager Blumenthal.

Vielleicht ist es nicht ganz so wie beim Millennium-Bug: Wir wachen am Morgen des 30. März 2019 auf und es ist zwar wie damals fast nichts passiert. Aber das dicke Ende kommt danach. Irgendwann.

Text: Claus Gorgs

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