Positionen-Magazin
Star­kre­gen­ka­ta­stro­phe in Lee­ge­bruch

Auf der Suche nach dem Grund

Die Gemeinde Leegebruch in Brandenburg erlebt eine Starkregenkatastrophe, die einfach nicht enden will. Weil das Wasser monatelang nicht abfließt. Und weil das Klären von Verantwortlichkeiten und das Ausarbeiten neuer Schutzkonzepte inzwischen länger dauert, als man brauchte, den Ort wieder trockenzulegen. Eine Begegnung.

Es ist der Sommer nach der großen Flut, und die Luft flirrt vor Hitze. Bei jedem Schritt stiebt der trockene märkische Sand auf. Die schmalen Gräben sind fast ausgetrocknet, kaum eine Mücke schwirrt noch über den muffigen Tümpeln. Brandenburg droht zu versteppen, warnen Klimaforscher, und wer Leegebruch im Jahrhundertsommer 2018 erlebt, glaubt das sofort.

Was für ein Kontrast zu der Katastrophe nur ein Jahr zuvor. Am 29. Juni 2017 versinken weite Teile von Brandenburg und Berlin unter dem heftigsten Starkregen der vergangenen 60 Jahre. Bis zu 260 Liter Wasser pro Quadratmeter stürzen in der Hauptstadt allein binnen zehn Stunden vom Himmel.

Auch in Leegebruch, nördlich von Berlin, regnet es ab dem Mittag ununterbrochen und heftig. Im Rathaus beobachtet Bürgermeister Martin Rother, wie der Innenhof vollläuft. „Es nimmt kein Ende“, sagt er. Die 22 Einsatzkräfte der Feuerwehr in der Gemeinde sind im Dauereinsatz, die Leitstelle ist überlastet und nicht mehr erreichbar. Als es am folgenden Morgen endlich aufhört, steht der halbe Ort knietief unter Wasser. Die Keller und Erdgeschosse vieler Wohnhäuser sind vollgelaufen, in der Siedlung aus den Dreißigerjahren genauso wie in den Neubauquartieren der Jahrtausendwende.

Auf altem Sumpf

Leegebruch bedeutet so viel wie niedrig gelegenes Sumpfgebiet. Aus einer trockengelegten Forstwirtschaft wird im Jahr 1928 eine Gemeinde. Unter den Häusern der damals 250 Einwohner bleibt das Grundwasser nahe an der Oberfläche. 2017 leben in Leegebruch knapp 7000 Menschen. Der Ort wächst, er gehört zum attraktiven Speckgürtel von Berlin. Im Norden verläuft die Bahnstrecke zur Hauptstadt, im Süden die Autobahn, im Westen die Bundesstraße in Richtung Ostsee. Leegebruch, das niedrig gelegene Sumpfgebiet, ist von den höher gelegenen Trassen eingeschlossen.

„Das läuft schon wieder ab“, denkt Martin Rother noch, als er sich am nächsten Morgen ein Lagebild verschafft. Doch es läuft nicht ab. Auch nicht, als der Regen längst aufgehört hat. Im Gegenteil, es wird mehr. Leegebruch säuft ab – und die Katastrophe nimmt ihren Lauf. Das Abwassersystem streikt, aus den Toiletten schießt der Dreck in die Häuser, die Zufahrtsstraßen stehen unter Wasser, der Strom fällt aus. Zwei Tage nach dem Regen bittet der Ort die Kreisverwaltung, das Katastrophenmanagement zu übernehmen – die lokalen Einsatzkräfte sind überfordert.

Das Grabensystem, das Leegebruch durchzieht, stammt aus den Dreißigerjahren. Zu dieser Zeit boomt der Ort zum ersten Mal. Er wächst zu einer Arbeitersiedlung für die Heinkel Flugzeugwerke heran. Hitlers größenwahnsinniges Reich braucht Kriegsgerät. 1200 Wohnungen entstehen, 4000 Menschen ziehen ins Leegebrucher Sumpfgebiet. Das Grabensystem hält das Wasser von den Häusern fortan fern. Nur einmal, in den Fünfzigern, laufen die Gräben über. Doch der Frost stoppt die drohende Überschwemmung. Die Leegebrucher laufen auf dem Eis Schlittschuh.

Wasser, immer mehr Wasser

Im Hitzesommer 2018 stehen nur Pfützen in den Wassergräben. Auf den Feldern rund um den Ort arbeiten Bewässerungsanlagen. Die Katastrophe aus dem Vorjahr scheint weit weg, allerdings nur auf den ersten Blick. In manchen Häusern ist das Mauerwerk noch immer feucht, das Grundwasser drückt an etlichen Stellen nach wie vor in die Keller. Es war einfach zu viel Regen im Sommer 2017. Nach dem 29. Juni gab es schon am 23. Juli den nächsten Starkregen. Da war das Wasser des vorherigen immer noch nicht abgelaufen.

Was passiert hier? Warum läuft das Wasser nicht ab? Die Suche nach dem Grund beschäftigt Leegebruchs Bürgermeister 2017 den ganzen Sommer über. „An ein Überflutungsszenario haben wir bis dahin nicht gedacht“, sagt Rother. Warum auch? Kein Meer, keine großen Flüsse. Kein Hochwasser.

Stück für Stück rekonstruiert Rother, warum es doch dazu kam. Und warum das Wasser selbst dann noch stieg, als die Regenfälle längst aufgehört hatten. Er entdeckt lauter Details und kleine Versäumnisse, die für sich allein keine Rolle spielen würden. Doch zusammen haben sie unter den gewaltigen Regenmengen zur Katastrophe geführt. „Wir wussten schon vorher, dass wir ein besseres Entwässerungssystem brauchen“, sagt der Bürgermeister. 2016 hatte die Gemeinde deshalb bereits ein Konzept dafür in Auftrag gegeben. Doch der Starkregen kam, bevor es fertig war.

So traf er den Ort unvorbereitet. Die Gräben waren zugewachsen, weil sich keiner um die Pflege gekümmert hatte. Zudem lief von Norden, wo es ebenso heftig regnete, beständig Wasser nach und sammelte sich am tiefsten Punkt der Landschaft – in Leegebruch. Über die Gräben, die irgendwann in die Havel münden, konnte es jedoch nicht abfließen, weil die Durchläufe unter der Bahntrasse, der Autobahn und der Bundesstraße verstopft oder zu eng waren.

Münster 2014, Simbach 2016, Leegebruch 2017, Wuppertal 2018: Nahezu im Jahrestakt werden in Deutschland Städte und Gemeinden von Starkregen überflutet – und völlig überrascht, weil sie solche Überschwemmungen nicht kennen. 

Das unbekannte Risiko

Die LAWA, die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser, hat im Januar 2018 eine Strategie zum Starkregenrisikomanagement herausgegeben. Das Papier enthält Empfehlungen zum Umgang mit der Naturgewalt. Viele Kommunen, die wie Leegebruch abseits großer Flüsse liegen, sind sich der Gefahr nicht bewusst. Fünf Punkte halten die Experten für notwendig, damit Städte und Gemeinden künftig besser geschützt sind: Sie müssen die Risiken analysieren, Information und Wissen vermitteln, Vorsorge betreiben, den Schutz verbessern und für den Katastrophenfall die Abwehr organisieren. Dazu gehören auch eine Starkregen-Gefahrenkarte, ausreichend Ressourcen und Personal sowie eine Bau- und Flächenplanung, die Starkregen berücksichtigt – durch Wasserrückhalt und eine dezentrale Regenwasserbewirtschaftung.

Die Suche nach dem Grund des Wassers führt tief in die Leegebrucher Ortsgeschichte. Das Wasserwerk, das früher den hohen Grundwasserspiegel des Orts regulierte, existiert nicht mehr. An seiner Stelle steht ein neues Rathaus. Der Bau von Wohnhäusern hat Flächen versiegelt. Das Abwassersystem ist marode. Und unter den Feldern gammeln alte Bewässerungssysteme der Landwirtschaft, um die sich seit der Wende niemand mehr kümmert.

„Leegebruch hat einmal mehr gezeigt, dass unwetterartige Niederschläge jederzeit und überall auftreten und zu massiven Überflutungen führen können“, sagt Kurt Augustin vom Brandenburger Umweltministerium. „Die Kommunen brauchen dafür ein Risikomanagement.“ Unter dem Eindruck des Starkregensommers 2017 arbeitet das Land an einem Schutzkonzept, mit dem es seine Städte und Gemeinden unterstützen will – zunächst, indem es ein Bewusstsein für das Risiko schafft und die Gemeinden zu Starkregen- Risikokarten verpflichtet. Dafür erarbeiten Augustin und seine Kollegen derzeit einheitliche Kriterien.

Helfen will das Land organisatorisch, fachlich und finanziell. Dabei spielt auch die Land- und Forstwirtschaft ein Rolle. Augustin: „Mit standortangepasstem und nachhaltigem Wirtschaften soll der natürliche Wasserrückhalt gestärkt und der Bodenerosion entgegengewirkt werden.“

Die Suche nach dem Grund des Wassers ist auch eine Suche nach Verantwortlichkeiten. Muss das Schifffahrtsamt die Flüsse im Winter stauen und damit den Leegebrucher Grundwasserspiegel so hoch halten, dass das Wasser nicht ablaufen kann? Wo gibt es Informationen, wie sich die Landwirtschaft zu DDR-Zeiten auf den Grundwasserspiegel ausgewirkt hat? Und, simpel, aber überlebenswichtig: Wer ist im Katastrophenfall wann, wie und wofür ansprechbar? „Für den Umgang mit solchen Wassermassen müssen wir grenzüberschreitend zusammenarbeiten“, sagt Bürgermeister Rother. Über Gemeindegrenzen hinweg, auch über die von Branchen und Fachbereichen. Das ist oft mühsamer und dauert länger als das Erstellen eines Konzepts.

Angst und Enttäuschung

In der Dreißigerjahresiedlung an der Muhre, dem Hauptentwässerungsgraben von Leegebruch, versammeln sich die Menschen am 29. Juni 2018 an einer Kreuzung. Ein Jahr nach der Katastrophe feiern sie gemeinsam ein Wasserfest. Sie grillen, trinken in staubtrockener Hitze und sind froh und erleichtert, dass es überstanden ist.

Die Katastrophe hat sie noch enger zusammengeschweißt. Als damals keine Hilfe von außen kam, halfen sie sich selbst, irgendwie. Pumpten das Wasser auf die Straße, öffneten die Gullydeckel, schafften den Eisschrank per Schubkarre ins Nachbarquartier, wo es noch Strom gab. Drei Wochen stiefelten sie durch knietiefes Wasser und Abwasser. Nach einer Woche gab es immerhin Toilettenhäuschen, irgendwann kam der Supermarkt mit belegten Brötchen.

„Meine Tochter in Köln wusste besser über unseren Zustand Bescheid als wir“, sagt einer der Anwohner. Kein Strom, kein Telefon, keine Information, was los ist. Die Suche nach dem Grund des Wassers ist auch eine Frage nach Versäumnissen.

Im Sommer 2018 pflastern sie in der Siedlung ihre Einfahrten und bauen Barrieren vor die Keller. Auch für den Muhrgraben Richtung Siedlung wünschen sich die Bewohner ein Bollwerk, das das Wasser fernhält. Auf der anderen Seite, wo Felder liegen, ist der Graben erhöht. Warum werden Pflanzen geschützt, aber die Menschen nicht, fragen die Anwohner. Was wird jetzt eigentlich getan, um für den nächsten Starkregen gewappnet zu sein? Die Erinnerung an die Katastrophe spült auch ein Jahr danach noch Angst und Enttäuschung hoch.

Die ersten Insellösungen

Bis das neue Entwässerungskonzept fertig ist, dauert es noch zehn Jahre. Weil das für den nächsten Starkregen zu spät sein kann, setzt der Bürgermeister auf Provisorien. „Insellösungen“ nennt er sie. Er opfert dafür die schwarze Null im Gemeindehaushalt, den Neubau einer Sporthalle für ein Entwässerungssystem, das der gewachsenen Gemeinde gewachsen ist. Es gibt mehr Personal und Technik, damit die Gräben regelmäßig inspiziert und gereinigt werden können. Es gibt neue, breitere Furten unter den Wällen von Autobahn, Bundesstraße und Bahntrasse. Es gibt zusätzliche Überflutungsflächen, Katastropheneinsatzpläne und ein Netzwerk aus Telefonnummern für den Ernstfall. Es gibt Grundlagen eines Starkregenrisikomanagements. Stück für Stück geht es voran, stets diskutiert mit einem Gemeinderat, der doch lieber eine Turnhalle haben möchte. „Wir sind jetzt besser vorbereitet“, sagt Rother. 

Den Jahrestag der Katastrophe begehen die Leegebrucher auf unter­schiedliche Weise. An der Muhre feiern sie das Wasserfest, der Bürgermeister versammelt seine Mitarbeiter um sich. Danach geht er wieder die Gräben entlang. Mit einer Harke fischt er Unrat und Gras heraus, damit sie nicht verstopfen. So wie an jedem Wochenende. Auch wenn es seiner Tochter peinlich ist, dass Papa sonntags immer in Gummistiefeln herumläuft.

Text: Katharina Fial


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