Positionen-Magazin
Ruhe­stand pla­nen

Alters­vor­sorge ist wie ein Mara­thon­lauf

Gesund, mit Freunden und ohne Geldsorgen: So wollen wir im Alter leben. Die Weichen für die Vorbereitung auf den Ruhestand müssen früh gestellt werden, damit das auch klappt. Danach sind Ausdauer und Disziplin gefragt.

Die wichtigste Erkenntnis aus dem Ruhestands-Coaching? „Dass rund 90 Prozent der sozialen Kontakte wegfallen werden.“ Eine Zahl, die Uwe Böer mehr als überraschte. Doch dann war der Vorruhestand für ihn da, und es zeigte sich tatsächlich: Neun von zehn Kontakten brachen von einem Tag auf den anderen weg.
Nicht mehr gefragt zu sein, darauf kann man sich schlecht vorbereiten. Hätten seine Frau und seine Töchter ihm nicht das Ruhestands-Coaching geschenkt, es hätte Böer kalt erwischt. Der Job war sein Lebensinhalt gewesen. 70 Mitarbeiter an drei Standorten betreute der Bremer als Bereichsleiter im Rechnungswesen eines Versicherers. Meetings und Dienstreisen prägten seinen Alltag, er brachte es auf jährlich 50.000 Zugkilometer. Und auf einmal rief niemand mehr an, fragte ihn niemand um Rat. Dass er nicht in ein Loch fiel, verdankt der 63-Jährige seiner Frau, die sich über all die Jahre immer wieder um Treffen mit gemeinsamen Freunden kümmerte. „Ohne sie wäre ich jetzt sicherlich einsamer“, räumt Böer ein.

Der Urlaub wird meist besser geplant als der Ruhestand

Dabei hatte er mit seinem Coaching schon mehr getan als viele Deutsche. Unvorbereitet steuern sie auf die dritte Lebensphase zu und stellen fest, dass sie nichts anzufangen wissen mit der freien Zeit; dass sie keine Idee haben, wie sie die fehlenden berufliichen Kontakte ersetzen sollen. „Viele Menschen planen ihren Urlaub besser als ihren Ruhestand“, sagt Ruhestandscoach Anita Feuersänger. Es geht dabei um mehr als die Suche nach einer neuen Aufgabe als Ersatz für den Job.

Fragt man die Deutschen, was das Alter für sie lebenswert macht, nennen sie vor allem drei Dinge. Sie wollen noch fit und gesund sein, auch um reisen zu können. Sie wünschen sich Freunde und Familie, um Zeit mit geliebten Menschen verbringen zu können. Und sie wollen finanziell abgesichert sein, um nicht mehr arbeiten zu müssen und sich das eine oder andere leisten zu können.

Den eigenen Ansprüchen werden nur wenige gerecht, wie eine Studie des Sinus-Instituts im Auftrag der GDV-Initiative „7 Jahre länger“ zeigt. Nur ein Fünftel der 40- bis 55-Jährigen plant aktiv den Ruhestand. Die meisten räumen Defizite ein: Drei Viertel sagen, sie müssten mehr für ihren Körper tun, und immerhin zwei Drittel sind der Meinung, sie müssten mehr Geld für das Alter beiseitelegen. Was die Studie auch zeigt: Wer sich schon mit 40 oder 50 Jahren um seine Zukunft kümmert, sieht dem Alter optimistischer entgegen als die Vorsorgemuffel.

Die Muffel haben nachvollziehbare Gründe: Wir alle schieben gern auf, was negative Gefühle auslöst. Menschen denken nun mal nicht gern ans Altwerden, sie verbinden damit Krankheit und Sterben. Hinzu kommt der fehlende Druck. „Eine über die gesetzliche Rente hinausgehende Vorsorge ist ja mehr oder weniger freiwillig. Da gibt es keinen Termin dafür, zu dem ich sagen kann: ,Jetzt habe ich es verpasst’ oder ,Bis dahin muss ich es auf jeden Fall schaffen’“, sagt Psychologin Margarita Engberding von der Universität Münster. Gleiches gelte für die Gesundheitsvorsorge und die Pflege sozialer Beziehungen.

In der Mitte unseres Lebens werden wichtige Weichen für die Zukunft gestellt. Wer keine Rücksicht auf seinen Körper nimmt, muss sich nicht wundern, wenn ihn die Schmerzen früh einholen. Wer keine Kontakte pflegt, kann nicht erwarten, als Rentner viele Freunde zu haben. Und wer nicht spart, wird im Alter zwar die Zeit, aber nicht das Geld für ausgedehnte Reisen haben.

Die Vorbereitung auf diesen Ruhestand ist kein Sprint, eher ein Marathonlauf, für den es Ausdauer und Disziplin braucht. „Gute Beziehungen baue ich nicht an einem Tag auf. Hobbys und Interessen entwickeln sich nicht von allein. Für finanzielle Sicherheit zu sorgen braucht wahrscheinlich mehr als zehn Jahre“, sagt Ruhestandscoach Feuersänger. Das alles lässt sich nach dem 60. Geburtstag nicht mehr geradebiegen.

Frühstarter profitieren vom Zinseszinseffekt

Wer allerdings früh genug anfängt, muss mit 60 nichts mehr richten. Dann haben schon kleine Schritte, etwa im Vermögensaufbau, viel bewirkt. Der stärkste Verbündete jedes Frühstarters ist der Zinseszinseffekt. Wer mit 24 Jahren monatlich 50 Euro beiseitelegt, erhält bei einer Nettorendite von jährlich 2,5 Prozent mit 67 Jahren eine monatliche Rente von 200 Euro. Wer mit 30 Jahren anfängt, kommt auf 160 Euro, ein 40-Jähriger nur noch auf rund 100 Euro.

Wer auf die staatliche Rente etwas draufpacken will, sollte so früh wie möglich mit dem Sparen anfangen – nicht zuletzt, weil die Lebenserwartung steigt. „Vereinfacht gesagt bedeutet ein längeres Leben, dass man auch länger im Ruhestand ist und deswegen mehr Geld braucht“, sagt Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Finanz- und Aktuarwissenschaften. Wer 1970 in Rente ging, hatte im Schnitt noch sechs Jahre vor sich. Heute sind es 17 Jahre – das ist ein Fünftel der gesamten Lebensspanne.
Uwe Böer ist den Marathonlauf „Altersvorsorge“ früh angegangen. Mit Mitte 20 schloss er eine Lebensversicherung ab, später kam über seinen Arbeitgeber eine betriebliche Altersversorgung hinzu. Als junger Familienvater sei es nicht immer einfach gewesen, den Eigenanteil aufzubringen, sagt Böer. Heute profitiert er von seinem Durchhaltewillen. „Ohne meine zusätzliche Altersvorsorge könnte ich nicht so leben, wie ich gerne möchte. Ich habe keine ganz großen Ansprüche, aber mal die eine oder andere Reise machen oder den Kindern finanziell Starthilfe geben, funktioniert nur, weil ich vorgesorgt habe.“
Seine Gesundheit hat der Ex­Manager dagegen lange Zeit vernachlässigt. Ins Grübeln kam er erst mit Anfang 50, als bei ihm Diabetes festgestellt wurde. Eine Erkrankung, die Böer auf seinen ungesunden Lebensstil zurückführt: zu viel Stress, schlechte Ernährung und zu wenig Sport. „Es war ein Weckruf.“ Böer stellte seine Ernährung um, begann zu joggen und nahm 15 Kilo ab.

„Wer sich keine Zeit für Bewegung nimmt, wird sich irgendwann ganz viel Zeit für seine Krankheiten nehmen müssen“, sagt Ingo Froböse von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Schon mit 30 Jahren beginnt der körperliche Alterungsprozess, die Muskeln schwinden schleichend und verwandeln sich in Fettgewebe. „Wenn Muskeln weg sind, können wir keine Treppen steigen, keine Taschen tragen, keinen Weg zu­ rücklegen, also auch keine sozialen Kontakte pflegen und keine Reisen mehr machen“, sagt Froböse. Sport sei daher eine Investition in die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit im Alter. Es muss nicht viel sein. Drei Stunden Bewegung pro Woche empfehlen Mediziner. Und immer wieder mal die Bequemlichkeit besiegen: Treppen statt Fahrstuhl, Fahrrad statt Auto.

Wer sich anstrengt, belohnt sich selbst

Um sich zu motivieren, kann es helfen, sich an die Belohnungen dafür zu erinnern. An die zwei Lebensjahrzehnte, die bleiben, um die Welt zu entdecken, ein neues Hobby zu beginnen und sich selbst zu verwirklichen.

Uwe Böer muss davon niemand mehr überzeugen. Mittlerweile genießt er seinen Ruhestand. Ihm geht es „Eins plus plus“. Regelmäßig geht er laufen, gerade hat er den 16. Halbmarathon absolviert. Und er pflegt ein neues Hobby: Golfen. Böer arbeitet daran, sein Handicap zu verbessern – aber gelassen. „Den Leistungsdruck hatte ich viele Jahrzehnte.“

Text: Karsten Röbisch

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