Auto­no­mer Bus auf Sylt

Als würde man live im Mario-Kart mit­fah­ren

Autos ohne Fahrer? Was wie Zukunft klingt, ist in Teilen Deutschlands schon Realität. Auf Sylt etwa fährt ein autonomer Bus im Linienverkehr – und bringt so manchen Autofahrer zur Verzweiflung. Ein Realitätscheck.

Nach 300 Metern ist erstmal Schluss. Ohne Vorwarnung und mit einem kräftigen Ruck kommt der kleine Bus abrupt zum Stehen. „Er hat sein GPS-Signal verloren.“ Artur Rempfer strahlt Ruhe aus. Und Zuversicht. Als sogenannter Operator ist er an diesem Frühjahrstag mit an Bord des autonom fahrenden Busses in Keitum auf Sylt.

2,7 Kilometer mit maximal zehn Passagieren

Erst wenige Tage zuvor, Anfang Mai, hatte Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz das rote gegen das schwarze Nummernschild getauscht. Und damit den Linienbetrieb offiziell eröffnet, in seinen Worten „das größte Projekt für autonomes Fahren im öffentlichen Verkehr in Deutschland“. Dienstags bis samstags dreht der Kleinbus seither mit maximal zehn Passagieren seine 2,7 Kilometer lange Runde durch die engen und mit Reetdachhäusern gesäumten Straßen. Die Route ist knapp viermal so lang wie die bundesweit erste Strecke auf öffentlichen Straßen im niederbayerischen Bad Birnbach. Für Buchholz ist die Fahrt am Eröffnungstag nach rund 20 Minuten beendet. Planmäßig. 

Davon kann heute keine Rede sein. Prüfend schaut Rempfer auf das große Touch-Screen neben sich. Fehlermeldung. Neustart. Sein Blick richtet sich nach vorn durch die Panoramascheibe. Wo andere Busse Fahrersitz und Cockpit haben, hat der kleine Franzose der Firma Navya nur eine blendend weiße Ablage. Darauf, wie ein Stück Vergangenheit, steht ein Makita-Radio. Bluetooth. Mitgebracht. Wer braucht in einem selbstfahrenden Bus schon ein Radio?!

Der Bus steht schon zehn Minuten, hinter ihm stauen sich die Autos

Die fünf Fahrgäste hätten wahrscheinlich nichts gegen ein bisschen Unterhaltung. Der Bus steht schon zehn Minuten und Rempfer ist ein schweigsamer dunkelhaariger Mann Ende 20. Hinter dem blauen Bus stauen sich die Autos. Der Joystick auf der Ablage, mit dem der Operator den Bus steuern kann, bleibt unangetastet. „Warum soll ich eingreifen“, antwortet Rempfer auf die Frage eines Fahrgastes. „Ist doch ein autonomer Bus.“ Inzwischen hat er das System komplett heruntergefahren, die seitlich eingebaute Doppeltüre geöffnet. Benzindunst wirbelt durch das Innere als ein Oldtimer-Cabrio vorbeibraust.

Es hilft nichts. Auch nach dem Neustart findet der kleine Franzose das notwendige GPS-Signal nicht. Dann also doch zurück in die Zukunft: Der Operator greift zum Playstation-Controller. „Nee“, sagt Rempfer. „Xbox – sind schließlich zwei Microsoft-Rechner eingebaut.“ Sie bilden sozusagen das Gehirn des Navya, verarbeiten alle Daten. Sensoren überwachen das unmittelbare Umfeld, bilden eine unsichtbare Glocke um den Bus. Überquert ein Kind plötzlich die Fahrbahn? Kommt ein Radfahrer gefährlich nah? Vor allem auf solch spontane Situationen muss der Bus vorbereitet sein. Und bremsen.   

Das größte Hindernis seien jedoch gaffende Touristen, sagt Rempfer und grinst. Mittlerweile ist er ein bisschen aufgetaut und der Bus ruckelt auf seinen Daumendruck hin langsam vorwärts, der Elektromotor surrt leise. Fühlt sich an, als würde man live im Mario-Kart mitfahren. Immer wieder muss Rempfer die Richtung mit dem Joystick korrigieren. Einen Führerschein Klasse B und eine Woche Schulung – viel mehr braucht es nicht, um den Naf-Bus durch Keitums enge Straßen steuern zu dürfen. Bislang erledigen diesen Job drei professionelle Busfahrer der Sylter Verkehrsgesellschaft (SVG). Drei weitere sollen hinzukommen.

Wie ein Update von Windows 7

Großer oder kleiner Bus? „Der kleine könnte tatsächlich mehr Spaß machen“, sagt Rempfer. Wenn die Software besser funktionierte. Sanftes Abbremsen, selbstständiges Anfahren nach Rechts-vor-links-Halt. Viermal muss der Operator dem kleinen Franzosen auf die Sprünge helfen – so ist es geplant. Real werden es am Ende der Tour eher 15 Situationen sein, in denen menschliches Eingreifen notwendig ist. Mitunter reicht schon ein Ast, der das laserüberwachte Fahrzeug so erschreckt, dass es nur mit Zureden des Operators wieder anfährt.

In ein paar Wochen soll das alles flüssiger gehen.* Dann wird die französische Herstellerfirma die Strecke neu ausgemessen und ein Softwareupdate eingespielt haben, versichert Ralph Hirschberg. Er arbeitet beim Beratungsunternehmen EurA AG und leitet das Projekt NAF-Bus. „Es ist vergleichbar mit dem Aufspielen eines neuen Betriebssystems – etwa wie ein Update von Windows 7 auf Windows 8.“ Und neue Kameras sollen die Sensorik des Fahrzeugs verbessern.  

Bis es soweit ist, muss Rempfer selbst an den Steuerknüppel. Inzwischen hat er seinen Schützling zur nächsten der insgesamt sieben Haltestellen bugsiert. „Er hat wieder GPS! Vielleicht fährt er ja gleich los.“ Tut er – und zieht mit einem kräftigen Schwenk zurück in seine Spur. Das knapp fünf Meter lange Gefährt bewegt sich wie auf unsichtbaren Schienen. Abweichen kann der Navya davon nur, wenn der Operator eingreift. „Wir umfahren einfach keine Hindernisse“, erklärt Rempfer. „Wenn da eine Mülltonne auf der Straße steht, stehen wir auch – solange, bis sie jemand wegräumt.“

Wie gehen andere Verkehrsteilnehmer oder Fahrgäste mit so einem Verhalten um? Eines der Ziele des Forschungsprojekts ist eine Akzeptanzanalyse, die die Uni Kiel auf Basis der gesammelten Erkenntnisse erstellen will. „Aus unserer Sicht ist die Resonanz extrem positiv“, schildert Projektleiter Hirschberg die Erfahrungen der ersten Wochen. Der Bus befördere rund 120 Passagiere täglich, eine Auslastung von 90 Prozent. „Wir sind überrascht, dass der Bus derart gut ankommt. Das hatten wir so nicht erwartet.“

Wie streitet man mit einem Auto ohne Fahrer?

In der Praxis ist das eine Frage der Perspektive. Kurz vor dem Ende der Runde durch das beschauliche Inselörtchen kommt der Bus wieder zum Halten. An einer Engstelle steht ein kleiner Roadster in der Gegenspur. Der Fahrer wartet. Und wartet. Er beginnt zu schimpfen und zu gestikulieren. Die Fahrgäste im Bus wirken amüsiert. Rempfer bleibt stur. „Wir haben auch schon Porsches und Ferraris rückwärtsfahren sehen“, erzählt er. Seine Erkenntnis nach ein paar Wochen Live-Betrieb: Autofahrer müssten erst lernen, mit einem Auto ohne Fahrer zu kommunizieren. Aggressionen, Kräftemessen, Aussitzen – all das führe zu nichts. Hat jetzt auch der Roadster-Fahrer begriffen und setzt ein paar Meter zurück. Sofort setzt der Bus hinterher, schafft sich Raum, bis die Fahrzeuge aneinander vorbeisind. „Da ist er recht penetrant“, sagt Rempfer. Es klingt fast wie Anerkennung für die Maschine.


Manchmal wünscht sich Rempfer, die Polizei würde im Bus mitfahren. „Mit den Verstößen, die sie hier ahnden könnte, ließe sich die Ortskasse ordentlich aufbessern.“ In diesem Moment taucht hinter dem Bus eine Radfahrerin auf. Sie hat ein Handy am Ohr. Dann überholt sie rechts über den Gehweg.   

Die Versicherungsprämie ist ähnlich hoch wie bei herkömmlichen Bussen

Trotz solcher Manöver: Passiert ist bislang noch nichts, Unfälle sind ausgeblieben. Das hatte Ute Bohlmann auch nicht anders erwartet. Sie betreut bei der Signal Iduna die Fahrzeuge der SVG. „Natürlich ist es für uns spannend, wie sich der Bus im realen Betrieb bewegt.“ Wie jeder andere Bus der SVG ist der kleine Blaue haftpflicht- und vollkaskoversichert. „Vom Wert her bewegt sich der Bus im Rahmen eines herkömmlichen Linienbusses.“ Entsprechend verhalte es sich mit der Prämie.

Das Unfallrisiko des Navya erscheint überschaubar. „Der Bus ist recht langsam unterwegs und hat einen Operator an Bord, der jederzeit eingreifen kann“, erläutert Bohlmann. Und die unterschiedlichen Sensoren – Laser für die Ferne, Radar für den Mittel- und Ultraschall für den Nahbereich – sind so eingestellt, dass der Navya eher zu früh als zu spät bremst. Was die Verkehrstauglichkeit mitunter ein wenig einschränkt: Im Finale, beim Einbiegen in den großen Kreisverkehr am Ortsausgang, muss Operator Artur Rempfer jedenfalls noch einmal ans Gamepad. Die anderen Autos seien einfach zu schnell im Kreisel unterwegs. Oder der Navya zu langsam.

Apropos – durch die unvorhergesehene Pause während der Tour fällt die nächste Runde einfach aus. Halb so wild. Zumal der Navya wahrscheinlich ohnehin Gelegenheit für so manche Extrarunde bekommt. „Wir überlegen derzeit, aufgrund des großen Zuspruchs das Projekt um ein halbes Jahr zu verlängern“, sagt Projektleiter Hirschberg.  Der autonome Bus auf Sylt würde dann also bis Ende 2020 durch Keitum rollen. An der Haltestelle warten schon die nächsten Passagiere.

Text: Simon Frost

* Inzwischen ist ein Update eingespielt – und tatsächlich: beispielsweise beim selbstständigen Anfahren ist der Bus mutiger geworden.

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