Inter­view mit GDV-Haupt­ge­schäfts­füh­rer Jörg Asmus­sen

„Wir wer­den nach­hal­ti­ger und digi­ta­ler wer­den"

Es geht Jörg Asmussen um nicht weniger als die gesellschaftliche Relevanz und Akzeptanz der Versicherungsbranche – und um ihre Wettbewerbs- und Zukunftsfähigkeit. Der neue Hauptgeschäftsführer des GDV über Transparenz im Lobbyismus, die fällige Revolution bei der Riester-Rente und Diversität, die über die Geschlechterfrage hinausgeht

Herr Asmussen, wie ist Ihr erster Eindruck nach sechs Monaten beim GDV? 
Jörg Asmussen: Der Start inmitten der Corona-Pandemie war sicher ungewöhnlich: Die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Homeoffice, kaum Dienstreisen, niemandem bisher die Hand geschüttelt ... Aber man muss das Beste aus einer solchen Situation machen. Das würde jedes Versicherungsunternehmen von seinen leitenden Angestellten zu Recht verlangen, und so ist es hier auch. Ich bin wie erwartet auf einen funktionierenden, schlagkräftigen Verband getroffen, mit vielen sehr sachkundigen und motivierten Kolleginnen und Kollegen. Meine Aufgabe wird es sein, dies auch in Zukunft sicherzustellen. Mein Dank gilt meinem Vorgänger, Herrn von Fürstenwerth, für die ebenso produktive wie angenehme Einarbeitungszeit. Ohne sein positives „Role Model“ hätte ich dem Headhunter sicher gleich einen Korb gegeben. 

Warum sind Sie Lobbyist geworden?
JA: Ich denke, Interessenvertretung ist legal und legitim, sie muss aber transparent sein. Daher unterstütze ich die Einführung eines Lobbyregisters, denn nur wo GDV draufsteht, sind gesammelte Versicherungsinteressen drin. Das ist völlig transparent. Das Register muss aber für alle gelten, nicht nur für Verbände, auch für Anwälte, PR-Firmen sowie für Arbeitgeber und Gewerkschaften. 

Warum fiel Ihre Wahl auf die ach so langweiligen Versicherungen?
JA: Die deutsche Versicherungsbranche ist ein leistungsfähiger, vielfältiger Sektor: regional verankerte  Unternehmen und Weltmarktführer, Hunderte Jahre alte Traditionsfirmen und Insurtechs, die deutschen Töchter europäischer Versicherer, Erst- und Rückversicherer, alle Rechtsformen in einen Verband. Der GDV und damit auch ich sind die gebündelte Interessenvertretung all dieser Unternehmen. Diese Einigkeit macht uns stark, auch wenn die interne Positionsfindung manchmal länger dauert. Ich werde hart dafür arbeiten, dass diese Einigkeit und Stärke erhalten bleibt. Und ich finde die Herausforderungen hoch spannend. 

Welche Herausforderungen sehen Sie?
JA: Es gibt Pflichtthemen- und Kürthemen. Um nicht missverstanden zu werden: Beide Themenblöcke werden, wie Helmut Schmidt es einmal gesagt hat, mit der gleichen „nüchternen Leidenschaft zur praktischen Vernunft“ bearbeitet. Zeitnah anstehende Pflichtthemen sind der Solvency-II-Review sowie eine Reform der Riester-Rente mit einem einfachen, online vertreibbaren Standardprodukt und abgesenkten Garantien. Die strategischen Kürthemen sind die Digitalisierung und die Nachhaltigkeit. Wir werden grüner  und digitaler werden, Schritt für Schritt. 

Nachhaltigkeit und Digitalisierung sind Ihre großen strategischen Themen?
JA: Ja, diese beiden Megatrends werden nicht nur den Versicherungssektor, sondern den gesamten  Finanzsektor in den kommenden Jahren prägen. Hier entscheidet sich sowohl die gesellschaftliche Relevanz und Akzeptanz unseres Sektors, als auch seine Wettbewerbs- und damit Zukunftsfähigkeit. Hier werden regulatorische Rahmenbedingungen gesetzt, zum Beispiel bei den Kriterien für nachhaltige Investments oder bei der kommenden EU-Gesetzgebung über künstliche Intelligenz. Bis zur Januarsitzung des Präsidiums wollen wir eine ambitionierte Nachhaltigkeitsstrategie erarbeiten.  

 Ist die Bewältigung der Corona-Krise aktuell nicht wichtiger als der Kampf gegen den Klimawandel?
JA: Beide Krisen sind unterschiedlich, man sollte sie nicht gegeneinander ausspielen. Der Klimawandel verschwindet auch während der Pandemie nicht. Dürre gepaart mit Starkregenperioden ist in Deutschland inzwischen die Regel. Hier sind die Versicherungsunternehmen und auch der GDV aktiv. Die durch die Pandemie ausgelöste weltweite Rezession bietet auch eine Chance für eine grüne Transformation der Wirtschaft, Stichwort: Green Recovery Plan der EU-Kommission.

Apropos EU: Welche Rolle spielt Europa in Ihrem neuen Job?
JA: Ich bin überzeugter Europäer. Europa ist für mich mehr als nur der Binnenmarkt, sondern eine Wertegemeinschaft mit Demokratie, Achtung der Menschenrechte, Pressefreiheit und sozialer Absicherung. Die EU und die Euro-Zone sind, bei allen Unzulänglichkeiten, das Beste, was uns passieren konnte, und unsere geostrategische Antwort auf den wachsenden Wettstreit zwischen den USA und China. Für den Versicherungsbereich im engeren Sinne heißt das: Der Binnenmarkt ist für viele Unternehmen heute der Heimatmarkt. Wir haben Versicherer mit europäischem Headquarter von globaler Bedeutung. Und die EU-Gesetzgebung bestimmt rund 90 Prozent unserer regulatorischen Rahmenbedingungen. Daher ist das GDV-Büro in Brüssel integraler Bestandteil unserer täglichen Arbeit, auch meiner.

 

Ist es noch zeitgemäß, dass sowohl im GDV-Präsidium als auch in der Geschäftsführung nur Männer sitzen?
JA: Ich denke, es gibt genügend Studien und Erfahrungen, die zeigen, dass diverse Teams bessere Ergebnisse erzielen. Daher bin ich froh, dass zwei qualifizierte Frauen für das Präsidium des GDV kandidieren. Wir werden die Geschäftsführung verkleinern auf einen Hauptgeschäftsführer und zwei Stellvertreter. Eine dieser drei Stellen ist im Moment vakant, und wir suchen nach einer weiblichen Besetzung. Wichtig ist aber, auf Englisch kann man das knackiger formulieren: „Diversity goes beyond gender.“ Es gibt viel mehr Diversität als nur die Geschlechterfrage. 

Und was machen Sie so, wenn Sie nicht für den GDV arbeiten?
JA: Das mache ich ja immer, wenn ich wach bin... (lacht). Ich verbringe am liebsten Zeit mit meiner Frau und meinen beiden Töchtern, treibe altersgerechten Sport wie Joggen, Radfahren und Yoga, liebe Krimis und Burgunder- Weißweine und baue Gemüse im Garten an. Das schafft die notwendige Kraft und Gelassenheit für den Job. Ich freue mich auf die Aufgabe und die Zusammenarbeit mit den Mitgliedsunternehmen und der GDV-Mannschaft.

Interview: Jörn Paterak & Thomas Wendel

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