Positionen-Magazin
Inter­view mit EU-Kom­missa­rin für Finanz­dienst­leis­tun­gen Mai­red McGuin­ness

„Wir set­zen den Gold­stan­dard für grüne Anlei­hen“

Seit einem Jahr ist Mairead McGuinness als EU-Kommissarin in Brüssel für Finanzdienstleistungen zuständig. Im Interview erklärt sie, was der Kapitalmarkt zur Klimaneutralität beitragen kann, wie das Aufsichtsregime für Versicherungen reformiert werden soll und welche Lehren sie aus der Corona-Pandemie zieht.

Frau Kommissarin, Sie haben Ihr Amt im Oktober 2020 angetreten, mitten in der Pandemie. Was ist das Wichtigste, das Sie aus diesem besonderen ersten Jahr mitnehmen?
Mairead McGuinness:
Die Corona-Krise ist ein Weckruf. Wir müssen besser auf Krisen vorbereitet sein und wir müssen widerstandsfähiger werden. Europa hat beispiellose Anstrengungen unternommen, um die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise zu bewältigen. In vielen EU-Ländern fließen jetzt viel mehr öffentliche Gelder in die Gesundheitssysteme. Wir haben erkannt, dass wir in der Vergangenheit nicht genug investiert haben und ein stärkeres europäisches Engagement im Gesundheitswesen brauchen, denn Viren machen nicht an nationalen Grenzen halt.

Das allein reicht offensichtlich nicht aus. Die EU investiert auch Milliarden in die Stärkung der Wirtschaft.
MM:
Die Bemühungen um den Aufschwung sind eine große Chance, ein besseres Europa zu schaffen. Wir müssen ein nachhaltigeres und widerstandsfähigeres Europa aufbauen. Wir brauchen mutige Maßnahmen zur Bewältigung des Klimawandels und zur Dekarbonisierung. Daher wird ein großer Teil des Konjunkturprogramms für Europa in nachhaltige Projekte fließen. Das ist absolut sinnvoll. Aber wir alle wissen, dass öffentliche Gelder nicht ausreichen werden, um unsere ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen, und wir zusätzlich private Investitionen mobilisieren müssen. Ich weiß, dass es in der Versicherungsbranche ein starkes Interesse gibt, in den grünen Wandel zu investieren.

Das stimmt, aber viele Anleger wünschen sich mehr Klarheit darüber, was genau nachhaltige Investitionen sind.
MM: Im April haben wir ein Paket für nachhaltige Investitionen vorgestellt, das ich für bahnbrechend halte und das mit der Zeit Früchte tragen wird. Wir haben die erste Reihe von technischen Screening-Kriterien für unsere EU-Taxonomie verabschiedet, die eine Klassifizierung nachhaltiger Investitionen ermöglichen. Dies wird einheitliche Definitionen liefern, sodass Industrie und Investoren dieselbe Sprache sprechen und Geld in nachhaltigere Projekte fließen kann. Das ist das Ziel.

Aber wie kommen Anleger an diese wichtigen Informationen heran?
MM:
Es wird Offenlegungspflichten für investitionswillige  Unternehmen geben, was den Anlegern ermöglicht, fundierte Entscheidungen zu treffen. Dafür haben wir einen Vorschlag für
eine Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verabschiedet, welche die bisherige Richtlinie zur nichtfinanziellen Berichterstattung ersetzen wird. Unser Ziel ist, Klarheit zu schaffen, was genau die Unternehmen berichten müssen. Wir wollen die derzeitige Zersplitterung in der Nachhaltigkeitsberichterstattung bereinigen.

Im Juli hat die EU-Kommission die neue Strategie für nachhaltige Finanzen vorgestellt. Was sind die Kernpunkte?
MM:
Unsere Vorschläge tragen dazu bei, den Ehrgeiz zu steigern, damit die Finanzbranche ihre Rolle beim Green Deal und bei der Klimaneutralität bis 2050 in vollem Umfang wahrnehmen kann. Zudem stellen wir einen geordneten, fairen Übergang sicher.

Was genau schwebt Ihnen vor?
MM:
Wir wollen die Wirtschaft beim Übergang zur Nachhaltigkeit unterstützen, auch bei den Zwischenschritten. So erwägen wir, die bestehende grüne Taxonomie um eine Zwischenlösung zu ergänzen, die es ermöglichen würde, spezielle Anleihen für die Übergangsphase zu entwickeln. Damit würde ein umfassenderer Rahmen für nachhaltige Finanzierungen geschaffen, in den auch kleine und mittlere Unternehmen sowie Kleinanleger einbezogen wären. Wir denken außerdem über grüne Hypotheken und Kredite nach und schauen uns soziale Investitionen an, die über den Bereich Klima hinausgehen.

Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf die Kapitalmärkte
MM:
Die Klimakrise ist ein Risiko für die Finanzstabilität. Es geht daher auch um die Frage, wie die Widerstandsfähigkeit des Finanzsektors verbessert werden und wie er selbst zur Nachhaltigkeit beitragen kann. Die Versicherungsbranche wird hier meiner Meinung nach eine Schlüsselrolle spielen. Ferner haben wir die globale Entwicklung im Blick: Die Europäische Union ist im Bereich der nachhaltigen Finanzierung führend, aber wir wollen mehr Länder mit ins Boot holen. Europa wird die Klimakrise nicht allein lösen.

Anleihen sind eine der wichtigsten Anlageklassen für Versicherer. Welche Wirkung erhoffen Sie sich von dem neuen Standard für Green Bonds?
MM:
Europa ist im Bereich grüne Anleihen schon heute führend. Etwa die Hälfte der weltweiten Emissionen 2020 fand in der EU statt – und etwa jeder zweite Green Bond ist in Euro denominiert, was unsere Währung zur beliebtesten für grüne Anleihen macht. Diesen Trend wollen wir stärken. Bisher machen grüne Anleihen nur zwischen zwei und vier Prozent des gesamten Bondmarkts aus. Die Entwicklungschancen sind also beträchtlich.

Womit rechnen Sie?
MM:
Unser Vorschlag wird den Goldstandard auf dem Markt für grüne Anleihen setzen. Er wird Unternehmen und Behörden helfen, grüne Anleihen zur Kapitalbeschaffung zu nutzen und gleichzeitig die strengen Nachhaltigkeitsanforderungen der EU-Taxonomie zu erfüllen, sowie Anleger vor Greenwashing schützen. Es ist ein freiwilliger Standard, der signalisiert, dass eine Anleihe strenge Umweltkriterien erfüllt. So können Anleger, die in einen europäischen Green Bond investieren, sicher sein, dass ihre Investition zu den Klimazielen beiträgt. Unsere Strategie stellt sicher, dass die EU bei der nachhaltigen Finanzierung weltweit führend bleibt, und wird dazu beitragen, dass auch der Rest der Welt mitzieht.

Die EU-Kommission hat im September auch Reformvorschläge für Solvency II vorgelegt, den Regulierungsrahmen für Versicherer. Worum geht es dabei?
MM:
Versicherungen spielen eine wichtige Rolle im Leben der Menschen und sie verfügen über ein Vermögen von mehr als zehn Billionen Euro – fast drei Viertel der EU-Wirtschaftsleistung. Die Branche muss daher eine zentrale Rolle bei den vor uns liegenden gesellschaftlichen Veränderungen spielen. Bei der Überprüfung von Solvency II geht es darum, den Regulierungsrahmen zu modernisieren, um diesen Herausforderungen gerecht zu werden. Es besteht kein Bedarf für eine Generalüberholung, stattdessen haben wir punktuelle Überarbeitungen vorgenommen.

Mit welchem Ziel?
MM
: Wir wollen, dass die Versicherer ihr Potenzial als langfristige Investoren voll ausschöpfen und dass es für sie weniger kostspielig ist, in Eigenkapital zu investieren, wenn solche Investitionen mit einer langfristigen Perspektive getätigt werden. Wir werden auch den Rahmen verbessern, damit volatile Märkte nicht zu kurzsichtigen Investitionsentscheidungen führen. Außerdem wollen wir sicherstellen, dass die Versicherungsnehmer geschützt sind und die Versicherer genügend Kapital für alle relevanten Risiken vorhalten. Das Niedrigzinsumfeld soll sich in den Kapitalanforderungen und der Bewertung langfristiger Verpflichtungen der Versicherer gegenüber den Versicherungsnehmern besser widerspiegeln. Das gilt auch für Rentenprodukte.

Was ist mit dem grünen Wandel? Sie sprachen davon, dass die Versicherer dabei eine Schlüsselrolle spielen sollen.
MM:
Die Versicherungsbranche muss ihren Beitrag zum klimaneutralen Wandel verstärken. Versicherer müssen das Risiko des Klimawandels bei ihren Anlage- und Versicherungstätigkeiten in vollem Umfang einbeziehen. Wir beauftragen die Aufsichtsbehörde Eiopa, zu prüfen, ob hier eine differenzierte aufsichtsrechtliche Behandlung gerechtfertigt wäre und ob das Naturkatastrophenrisiko nach aktuellem Stand der Klimawissenschaft noch angemessen berücksichtigt ist. 

Wird es Belohnungs- oder Bestrafungsfaktoren für bestimmte Anlagen geben?
MM:
Aktuell ist das nicht vorgesehen. 

Es gibt Kritik, kleinere Anbieter würden überreguliert. Wie reagieren Sie darauf?
MM: Wir wollen den Rechtsrahmen verhältnismäßiger und einfacher gestalten, insbesondere für kleine Versicherer mit begrenzten Risiken. Unser Vorschlag wird sicherstellen, dass viele kleinere inländische Versicherer von Solvency II ausgenommen werden. Ferner wollen wir Erleichterungen für weniger risikoreiche Unternehmen einführen.

Sorgen Sie auch für kritische Phasen vor?
MM:
Wir haben zwar ein robustes Regelwerk, Finanzkrisen sind jedoch nie ausgeschlossen. Daher ergänzen wir Solvency II um Abwicklungsmaßnahmen, die es ermöglichen, schnell zu reagieren, wenn Versicherer ins Straucheln kommen. Der neue Legislativvorschlag über Sanierung und Abwicklung soll in schlechten Zeiten bessere Ergebnisse für die Kunden sichern, ohne das Finanzsystem oder den Steuerzahler zu überlasten. Alles in allem haben wir, denke ich, ein ausgewogenes Paket, das langfristige Investitionen anregt und gleichzeitig den aufsichtsrechtlichen Rahmen stärkt. Langfristig wird das frei werdende Kapital bis zu 30 Milliarden Euro betragen. Ich möchte aber klarstellen, dass dieses Kapital kein Geschenk an die Versicherungsbranche ist. Wir fördern die Investitionsfähigkeit, was der gesamten Wirtschaft zugutekommen wird. Damit kommen wir unserer Verpflichtung aus dem Aktionsplan für die Kapitalmarktunion nach, der für die Finanzierung des Aufschwungs und des Übergangs zu einer umweltfreundlicheren und digitaleren Wirtschaft unerlässlich ist.

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