Positionen-Magazin
Inter­view mit Renate Köcher

„Wenig ent­spannt“

Nur eine Minderheit der 30- bis 59-Jährigen glaubt, ihren Lebensstandard im Alter halten zu können, beobachtet Renate Köcher. Deutschlands bekannteste Meinungsforscherin sieht einen zu kurzen Planungshorizont.

Frau Köcher, wie tickt die heutige Generation Mitte? 
Renate Köcher:
Die Zufriedenheit mit der finanziellen Situation ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich angestiegen. 44 Prozent geben an, dass es ihnen heute besser geht als vor fünf Jahren, nur 16 Prozent sehen sich als Wohlstandsverlierer. Kritischer bewertet die Generation Mitte die gesellschaftliche Entwicklung. Die Mehrheit diagnostiziert hier vor allem negative Trends, insbesondere zunehmende Aggressivität, mehr Egoismus, sinkende Bereitschaft, Regeln zu akzeptieren, weniger Toleranz und zunehmende Polarisierung. 

Wo nimmt die Generation Mitte Polarisierungstendenzen wahr, was trennt nach ihrem Eindruck die Menschen? 
RK:
Vor allem die Schichtzugehörigkeit, die Herkunft – also, ob jemand aus Deutschland stammt oder zugewandert ist –, aber auch die politischen Überzeugungen. Der Schichtzugehörigkeit messen die Deutschen generell große Bedeutung bei; sie wollen nicht, dass eine Schicht zurückbleibt. Deswegen wird der Begrenzung sozialer Unterschiede und der Förderung von Kindern aus sozial schwächeren Gruppen immer große Bedeutung zugeschrieben. Dass die politischen Überzeugungen die Menschen trennen, wird heute von der mittleren Generation viel stärker empfunden als früher. 


Erwarten die Menschen, im Alter ihren Lebensstandard halten zu können?
RK:
Nur eine Minderheit blickt ihrer finanziellen Situation im Alter völlig entspannt entgegen. Die Hälfte der Generation Mitte erwartet, dass sie im Alter nur über die Runden kommt, wenn sie sehr sparsam lebt. 20 Prozent befürchten, dass sie ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenen Mitteln bestreiten können; in den schwächeren sozialen Schichten sind es sogar 52 Prozent. 

Haben die Menschen begriffen, dass sie stärker privat vorsorgen müssen?
RK: Die Mehrheit weiß, dass die staatliche Rente allein in der Regel nicht oder nur eingeschränkt ausreicht. Entsprechend halten 59 Prozent es für dringlich, private und betriebliche Altersvorsorge stärker zu fördern. Knapp die Hälfte der mittleren Generation befürchtet, dass ihre eigene Vorsorge nicht ausreicht. Das hat mit geringen finanziellen Spielräumen zu tun, aber auch mit einem zu kurzen Planungshorizont. Die große Mehrheit ist überzeugt, dass sich die finanzielle Zukunft nur über wenige Jahre planen lässt. Entsprechend plant nur eine Minderheit langfristig und systematisch. 

Was hat Sie bei den Befragungen persönlich am meisten überrascht? 
RK:
Wie diffus die Vorstellungen der meisten sind, wie ihre finanzielle Situation im Alter aussehen wird. Die Rentenhöhe ist durch die regelmäßigen Mitteilungen in etwa bekannt; was sie darüber hinaus zur Verfügung haben, da traut sich die Mehrheit der Befragten kein Urteil zu.

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