Positionen-Magazin
Inter­view VIG-Chefin Eli­sa­beth Stad­ler

„Frauen füh­ren im Schnitt erfolg­rei­cher“

Mathematikerin, Chefin der Vienna Insurance Group – und erfolgreich in einer Männerdomäne: Elisabeth Stadler über das Versichern von Kohlekraftwerken, die Debatte um einen Provisionsdeckel – und ihre Vorliebe für einen britischen Geheimagenten.

Dass die Vienna Insurance Group kein kleiner Versicherer ist, merkten die GDV-Reporter Thomas Wendel und Jörn Paterak schon an den Besucherausweisen: Mit den Nummern 153.000 und 153.001 passierten sie die Zugangsschranken am Empfang des Konzernsitzes in der Wiener Innenstadt. Danach ging es recht gemächlich nach oben: Zum Interview in die Vorstandsetage im VIG-Hochhaus kommt man auch heute noch am besten per Paternoster – selbst wenn die modernen Aufzüge nebenan sicher ein paar Sekunden Zeit sparen.

Frau Stadler, der deutsche Satiriker Jan Böhmermann hat im ORF gesagt, es könne nicht sein, dass Österreich von einem 32-jährigen Versicherungsvertreter regiert werde. Sehen viele Ihrer Vermittler aus wie der inzwischen gestürzte Bundeskanzler Sebastian Kurz?
Elisabeth Stadler:
 Finden Sie wirklich, dass er aussieht wie ein Versicherungsvertreter? Ich nicht. Hinzu kommt: Der Vertrieb hat sich längst gewandelt. Das typische Vertreterklischee findet man heute kaum mehr.

Wie hoch ist der Anteil weiblicher Vermittler in Ihrem Unternehmen?
ES:
Hier dominieren in der Tat Männer, mit rund 75 Prozent. Über die gesamte Branche ist das Verhältnis der Geschlechter zwar ausgeglichen, aber Frauen sind vor allem in der Verwaltung beschäftigt. Dabei sind sie gerade im Vertrieb sehr erfolgreich – und das sehr konstant.

Konstant?
ES:
Bei den Männern gibt es regelrechte Umsatzwellen: Sie sehen genau die Sommermonate oder die Winterferien. Frauen arbeiten viel konstanter das ganze Jahr über durch. 

Ist das nicht ein Argument, im Vertrieb die Frauenquote zu steigern? 
ES: Das versuchen wir. So sprechen wir berufliche Wiedereinsteigerinnen an, die sich zuvor für ihre Kinder eine Auszeit genommen haben. Gerade im Vertrieb sind Frauen oft überzeugender und empathischer – es fällt ihnen leichter, ein Vertrauensverhältnis zum Kunden aufzubauen. Zudem ist die freie Zeiteinteilung sehr attraktiv für weibliche Vermittler. Denn wann ist der Vermittler beim Kunden? Eher doch am Abend oder am Wochenende. Das sind die Zeiten, wo berufstätige Ehemänner zu Hause sind und sich um die Kinder kümmern können.

Sehen Sie ein grundsätzliches Nachwuchsproblem im Vertrieb? 
ES:
Ja. Das gibt es überall. Alle suchen. 

Hat das eher demografische Gründe, oder hat die Branche ein Imageproblem?
ES:
Das Image früherer Tage spielt sicher eine Rolle. Das hat aber mit der Realität nichts mehr zu tun: Heute müssen Außendienstmitarbeiter den Kunden über alles aufklären, bedarfsgerecht beraten, Protokolle führen, Stichwort: Beratungsrichtlinie IDD. 

Nun steht mit Ihnen nicht nur eine Frau an der Spitze des größten Versicherungskonzerns in Österreich und dem gesamten mittel- und osteuropäischen Raum – auch der VIG-Vorstand ist zu 50 Prozent weiblich besetzt. 
ES:
Wir haben da ohne Zweifel eine Vorreiterrolle. Das merke ich auch bei Bewerbungen. Wenn uns Frauen gegenübersitzen, sagen die oft: Bei der VIG möchte ich arbeiten, weil Frauen hier bessere Chancen haben als anderswo. Ich hoffe, dass sich das bis in den Vertrieb durchzieht. 

Gerade in der Finanzbranche sind Frauen in Führungspositionen sehr selten. Worauf führen Sie das zurück? 
ES:
 In der Finanzbranche kommt man an der Mathematik nicht vorbei. Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, war das nicht gerade das Lieblingsfach der Mädchen. Technische und mathematische Berufe ziehen eher Männer an. 

Es war aber offenbar Ihr Lieblingsfach – Sie haben Versicherungsmathematik studiert. Wie viele weibliche Kommilitoninnen hatten Sie? 
ES
: Wir waren nur zwölf Absolventen. Davon war ein Drittel Mädchen. 

Was ist aus den anderen geworden?
ES:
Zwei waren mal bei uns beschäftigt und haben sich anschließend in Richtung IT und Beratung verändert, eine ist Hausfrau und Mutter. 

Können Frauen große Veränderungen besser managen als Männer? 
ES:
Frauen führen Unternehmen im Schnitt erfolgreicher. Das ist statistisch durch viele Studien belegt. So hat das Peterson Institute for International Economics einmal 21.980 Unternehmen in 91 Ländern untersucht. Ergebnis: Profitable Unternehmen mit mindestens 30 Prozent Frauen in der Führungsebene erzielen einen um einen Prozentpunkt höheren Nettogewinn als vergleichbare Firmen ohne Frauen in der Chefetage. Auch deshalb versuchen wir, mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen. Wir haben in den rund 50 Konzerngesellschaften der VIG bereits viele weibliche CEOs. In Osteuropa ist das verbreiteter als in Westeuropa. (Anm. der Red.: Frau Stadler führte im Gespräch mehrere Studien an: Web-Links* am Ende des Interviews) 

Woran liegt das?
ES:
Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus haben viele der früheren männlichen Führungskräfte ihre Position ausgenutzt. Korruption war weit verbreitet. Frauen galten dafür als weit weniger anfälliger. Deshalb ist auch der Anteil an weiblichen Führungskräften bei uns in Mittel- und Osteuropa höher als in Österreich. 

Wie stehen Sie persönlich zum Risiko? Checken Sie als Mathematikerin alles vorher ab? 
ES: 
Das unterscheidet Frauen doch eher von Männern: Wir sind nicht so risikobereit. Das gilt auch für mich. Grundsätzlich sondiere ich viel und überlege mir genau die Auswirkungen. 

Dann ist das also eine Facette des weiblichen Führungsstils? 
ES:
Das meine ich, und es passt zu unserer Geschäftsphilosophie. Wir verfolgen eine sehr konservative Anlage- und Rückversicherungsstrategie. 

Genderneutral gefragt: Was macht eine gute Führungskraft aus? 
ES:
Kompetenz. Nicht nur fachliche, auch soziale Kompetenz. Das Bild der Führungskraft wandelt sich: Wir brauchen keine Starmanager mehr, sondern Teamplayer, die ihre Mitarbeiter um deren Meinung bitten und gemeinsam mit ihnen die Strategie entwickeln und umsetzen. Es gibt ja heute viel flachere Hierarchien: Viele Spezialisten kommunizieren bereits direkt mit dem Vorstand. Die benötigen keine Hierarchien und Personalführung mehr wie früher. 

Sind Sie auf Ihre heutige Position direkt zugesteuert? 
ES:
So funktioniert das nicht. Ich sage immer: Karriere ist gesteuerter Zufall. Man kann natürlich immer signalisieren, dass man größere Verantwortung übernehmen möchte. Auf der anderen Seite muss man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Den Job als CEO eines großen internationalen Konzerns gibt es nur alle paar Jahre einmal zu besetzen. Man muss also genau zu einem solchen Zeitpunkt bereit und verfügbar sein. 

Die VIG ist stark in Osteuropa und auf dem Balkan engagiert – selbst in Weißrussland. Fast scheint es, als wollten Sie das Habsburger Reich wieder errichten. 
ES:
Wir glauben an Osteuropa: Die Länder haben sehr großes Wachstumspotenzial. In vielen Staaten Mittel- und Osteuropas geben die Menschen pro Kopf bislang nur 200 oder 300 Euro im Jahr für Versicherungen aus – in Deutschland sind es 2800 Euro und in Österreich mehr als 2000 Euro. 


Fürchten Sie keine politischen oder wirtschaftlichen Umwälzungen? 
ES:
Natürlich passiert immer wieder etwas. Ob in Polen, Ungarn oder gerade eben in Rumänien, da kann es schon einmal schwierig werden. Aber wenn man so wie wir sehr breit in 25 Ländern aufgestellt ist, kann man die eine oder andere Turbulenz in der Gesamtperformance gut ausgleichen. Die Diversität unseres Konzerns fängt so etwas ab. Selbst in Bosnien-Herzegowina, was wirklich ein schwerer Markt ist, haben wir nach zwei Jahren ein positives Ergebnis erzielt. 

Ist das Label „Österreich“ da hilfreich? 
ES:
Wir Österreicher sind den Menschen aus diesen Ländern mental schon sehr ähnlich. Die Vergangenheit verbindet, und Wien wird von der Beratungsgesellschaft Mercer seit neun Jahren in Folge zur lebenswertesten Stadt der Welt gekürt. 

Als Chefin tragen Sie viel Verantwortung, auch über das Tagesgeschäft hinaus. Halten Sie es angesichts des Klimawandels für richtig, noch Kohlekraftwerke zu versichern? 
ES:
Nachhaltigkeit ist extrem wichtig. Wir gehen deshalb stärker in grüne Investitionen. Wir versichern auch keine neuen Kohlekraftwerke mehr. Andererseits sind wir in Ländern tätig, deren Energiegewinnung stark von der Kohle abhängig ist, wie zum Beispiel Polen oder Tschechien. Wir haben zwar keine großen Bestände an Kohleversicherungen in diesen Ländern. Aber wir brauchen dort Übergangsregelungen, die es derzeit noch nicht gibt. Unsere Aufgabe sehe ich darin, diesen Prozess zu begleiten. 

Wo sehen Sie Handlungsbedarf auf europäischer Ebene? 
ES:
Wir brauchen ein einheitliches Europa. Wir müssen einig auftreten und eine gemeinsame Strategie haben: Dann wären wir deutlich kraftvoller. Versicherer trifft der Klimawandel ja vergleichsweise stark. Wir werden irgendwann einmal die Schäden bezahlen müssen. Damit müssen wir uns mehr befassen. Aber ohne die Politik werden wir das nicht regeln können. 

Stark trifft Versicherer auch die Digitalisierung. Sie haben rund 50 Gesellschaften in 25 Ländern. Ist da Chaos in den IT-Systemen nicht programmiert? 
ES:
Wir haben früher wie die meisten Versicherer versucht, ein gemeinsames IT-System für alle Länder und alle Sparten aufzusetzen. Und wir sind damit gescheitert wie alle anderen auch. Jetzt setzen wir gemeinsame Prozesse und IT-Systeme für Tochterunternehmen in Ländern auf, die sich rechtlich und sprachlich ähnlich sind. Das funktioniert. 

Fürchten Sie die großen Internetkonzerne als Wettbewerber von morgen? 
ES:
Wir sind nicht allein auf der Welt. Ich glaube aber nicht, dass uns Internetkonzerne verdrängen. Sie werden eher versuchen, sich zwischen uns und den Kunden zu stellen. Das gilt sowohl für die Vertragsanbahnung als auch für die Leistungsabwicklung. Dass sie wirklich versuchen, das komplette Versicherungsgeschäft mit all seinen Regeln und regulatorischen Hürden zu übernehmen, kann ich mir nicht vorstellen. 

Klingt fast, als wären Bürokratie und Regulierung ein Schutzwall. 
ES:
In gewisser Weise ist das so. Man darf aber nicht vergessen, dass es etwa in Amerika auch Wettbewerbsverzerrungen gibt, weil dort Regeln nicht so streng sind wie bei uns. Und wenn es ein bisschen weniger Regulatorik gäbe, wäre mir das auch nicht unangenehm. Die Regulatorik kostet uns viele Ressourcen, die finanziert werden müssen. Wir werden künftig nicht all diesen Mehraufwand selbst tragen können. Somit werden wohl auch die Kunden an den Kosten partizipieren müssen. 

Indem Sie die Provisionen deckeln, wie es in Deutschland diskutiert wird? 
ES:
Dass Vertriebsmitarbeiter für ihre Tätigkeit entlohnt werden sollen, versteht sich von selbst. In den vergangenen Jahren sanken allerdings die Kapitalerträge. Versicherer hatten also weniger Einnahmen. Auch die Kunden haben geringere Gewinnbeteiligungen erhalten, nur die Provisionen für die Vermittler sind relativ stabil geblieben. Zwei von drei Beteiligten haben also Einbußen, während die Situation für den dritten Partner unverändert ist. So gesehen sind Deckelungen logische Überlegungen. Wir verfolgen die Debatte in Deutschland intensiv – im Normalfall kommt Ähnliches dann früher oder später auch nach Österreich. 

Die Riester-Rente ist bislang aber noch nicht nach Österreich gekommen. 
ES:
Unsere jetzigen Pensionisten, wie Rentner in Österreich ja genannt werden, sind in einer sehr, sehr komfortablen Lage. Private und betriebliche Vorsorge spielt bei uns im Land bei Weitem nicht die Rolle wie in Deutschland oder der Schweiz. Das wird sich aber über kurz oder lang ändern müssen, weil sich Österreich die Staatszuschüsse, die ins Pensionssystem gesteckt werden, in Zukunft nicht mehr leisten kann. 

Warum kommt die private Altersvorsorge in Österreich nicht richtig voran? 
ES:
Das ist ähnlich wie beim Klimawandel: Die Probleme scheinen noch zu weit weg zu sein. Vielleicht fehlt hier ein österreichischer Gerhard Schröder. 

Wie sieht der Versicherer von morgen aus? 
ES:
Wenn ich das schon so genau wüsste ... 

Unterhalten Sie Labs, um es herauszufinden? 
ES:
Ja, mehrere. Und die Länder in Osteuropa sind Westeuropa in dieser Hinsicht voraus. So betreiben wir in Polen einen großen Hub, wo viele Kollegen auch ohne direkten Versicherungsbezug an neuen Lösungen arbeiten. Weitere Labs haben wir in Tschechien geplant, und in Wien haben wir unser erstes konzerneigenes Start-up „viesure“ gegründet. 

Muss man die Suche nicht eigentlich im Silicon Valley starten? 
ES:
Ich habe in New York Start-ups besucht. Es ist sicher bereichernd, auch im Silicon Valley zu sein. Aber es gibt bei uns in Österreich ebenfalls viele neue Ideen. 

Wie groß ist der IT-Etat der VIG? 
ES:
Wir geben rund 100 Millionen Euro im Jahr für IT-Investitionen aus. Die Hälfte davon fließt in Digitalisierungsmaßnahmen. Bei uns laufen derzeit mehr als 150 Digitalisierungsprojekte gleichzeitig. Bei rund 500 Millionen Euro Jahresgewinn der VIG-Gruppe ist das schon ordentlich Geld, das wir in die Absicherung unserer Zukunftsfähigkeit investieren. 

Sind Sie eigentlich James-Bond-Fan? 
ES:
 Fan nicht unbedingt. Ich schaue mir die 007-Filme aber ab und zu gern an. Warum?

Es gibt eine Diskussion darüber, ob der nächste Bond weiblich sein sollte … 
ES:
Hier sehe ich dann doch lieber einen Mann.

Interview: Jörn Paterak, Thomas Wendel


* Im Gespräch verwies Elisabeth Stadler auf mehrere Studien:
Studie des Peterson Institute for International Economics
Studie der Investmentgesellschaft Quantopian
Studie der Nordea Bank zu weiblichen CEOs

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