Positionen-Magazin
Inter­view mit Metro­mile-CEO Dan Pre­ston

„Deutsch­land steht ganz oben auf der Liste”

Mit künstlicher Intelligenz und kilometergenauer Abrechnung will das US-Start-up Metromile die Autoversicherung digitalisieren. CEO Dan Preston glaubt, dass bald jeder seine Kfz-Police per Knopfdruck am Armaturenbrett abschließt.

Am Eingang der Metromile-Zentrale in San Francisco steht eine silberne, leicht verbeulte Autotür. Darauf pappt ein Sensor, Kabel schlängeln sich in eine Datenbox. Immer wieder haben die Metromile-Entwickler Gegenstände gegen die Tür prallen lassen und so ein Erkennungssystem für Bagatellschäden entwickelt: Hat wirklich ein Einkaufswagen das Auto gestreift? Oder war der Versicherte selbst schuld? Die Tür steht exemplarisch für das Geschäftsmodell des 2011 gegründeten Insurtechs für Kfz-Policen. Metromile versteht sich als Technologieanbieter, die Schadensabwicklung basiert auf künstlicher Intelligenz (KI) – der Chef ist selbst Informatiker. 

​​​​​​​Mr Preston, seit 2016 verfügt Metromile über eine eigene Versicherungslizenz und hat seither seinen Prämienumsatz fast verzwanzigfacht, obwohl Sie bisher nur in acht US-Bundesstaaten aktiv sind. Telematiktarife bieten viele, was ist das Besondere bei Ihnen?
Dan Preston: 
Bei unserem Modell zahlen alle Kunden eine niedrige Basisrate und darüber hinaus nur für die gefahrenen Kilometer. Wenigfahrer subventionieren also nicht das erhöhte Risiko »Deutschland steht ganz oben auf der Liste« der Vielfahrer. Das führt zu deutlich niedrigeren Kosten.

Wie kommt das?
DP:
Weil wir über Telematikdaten aus mehr als zwei Milliarden gefahrenen Meilen verfügen, können wir Risiken besser bepreisen. Selbstfahrende Funktionen und Carsharing breiten sich immer mehr aus, und nur wir verstehen, dass kein gefahrener Kilometer dem anderen gleicht. Ein autonom zurückgelegter Kilometer sollte anders versichert und bepreist werden als ein vom Menschen gefahrener.

Die Kilometererfassung läuft über eine kleine Box im Auto, zusätzlich gibt es eine App. Wieso ist die nötig?
DP: Über die App können unsere Kunden die gesamte Schadenabwicklung mit dem Handy erledigen – bei den meisten anderen Versicherern kann man den Prozess so lediglich starten. Bestimmte Schadensarten wickeln wir sogar innerhalb von Stunden ab. Überdies hat unsere App einige nützliche Zusatzfunktionen. Sie warnt beispielsweise, wenn ein Strafzettel droht.

Weil Sie wissen, wo das Auto parkt?
DP:
Genau. Der Versicherte erfährt auch mehr über den Zustand seines Wagens. Wenn die Motorkontrollleuchte blinkt, gehen wir via App Schritt für Schritt durch, was das heißt und ob das Auto in die Werkstatt muss. Die App stellt auch den Kontakt zur Werkstatt her, hilft beim Budgetieren von Reisen und beim Aufspüren gestohlener Fahrzeuge. Klassische Versicherer finden etwa 40 Prozent aller entwendeten Autos wieder, bei uns liegt die Quote bei 95 Prozent, weil wir das Auto tracken.

Wie reagieren die Kunden?
DP:
Wir stehen noch am Anfang, aber die Leute sprechen auf unser Angebot an, vor allem jüngere Generationen. Die sind überall auf der Suche nach digitalen Dienstleistungen, die übers Handy genutzt werden können. Das ist in allen Kategorien der überwältigende Trend. Unternehmen wie wir, die nahtlos und digital über diese Produkte nachdenken, werden das stärkste Wachstum verzeichnen.

Die drei größten US-Autoversicherer machen Milliardenumsätze, davon ist Metromile noch weit entfernt.
DP
: Der Abstand wird schrumpfen. Die Top Ten der US-Versicherungskonzerne werden sich in den kommenden fünf Jahren maßgeblich verändern – in allen Versicherungskategorien.

Wie reagiert die etablierte Konkurrenz?
DP:
Die Versicherer reagieren schneller als die Finanzdienstleister auf die Fintech-Start-ups, aber nicht sehr energisch. Wir sehen jedenfalls bisher keine große Bedrohung durch die klassischen Konzerne. Was nicht heißt, dass sie die Insurtechs nicht ernst nehmen.

Werden die großen Versicherer erfolgreiche Start-ups am Ende aufkaufen?
DP:
Bisher gab es keine größeren Zukäufe, aber der Markt ist noch jung. Die große Frage wird sein: Werden die neuen Firmen die klassischen Versicherer verdrängen oder werden sie als Plattformen der Konzerne enden? Es wird sicher eine Kombination geben, aber soweit ich es überblicke, wird vor allem der erste Fall eintreten.

Könnten die großen Versicherer nicht selbst Technologie entwickeln wie Sie?
DP:
Wir haben unterschiedliche Fähigkeiten. Viele große Versicherer sehen ihre IT-Abteilung als Technologie. Aber zwischen IT und Softwareentwicklung besteht ein großer Unterschied. Unsere fundamentalen Fähigkeiten sind Machine Learning, KI und andere Technologien, die wir selbst entwickeln. Eine IT-Abteilung macht etwas ganz anderes: Sie findet die besten Technologiepartner für das Unternehmen. Das ist auch wichtig, aber hat nichts mit Produktentwicklung wie unserer zu tun. 

Mit Lemonade wagt sich erstmals ein US-Insurtech nach Deutschland. Wäre das auch ein Weg für Metromile? 
DP:
Hausrat und Privathaftpflicht, wie Lemonade sie anbietet, sind beim Schadenmanagement etwas einfacher als Kfz-Policen. Wir haben in unserem Heimatmarkt gelernt, dass es von zentraler Bedeutung ist, dass man den Markt sehr gut versteht und gute Kontakte zu den Regulierern pflegt. Lemonade hat mit Axa einen europäischen Partner gefunden, der in den lokalen Märkten hilft. Für uns ist es aus den genannten Gründen nicht sinnvoll, im Ausland eigene Versicherungsfirmen aufzubauen. Als Technologieunternehmen besteht unsere Strategie darin, unsere Technologie international zu vertreiben.

Wie gehen Sie vor?
DP:
Zum einen lizenzieren wir AVA, unser KI-System für die Schadenabwicklung, an Versicherungsträger weltweit. Mit AVA können Versicherer das Kundenerlebnis verbessern, die operative Effizienz steigern und die Einsparungen an die Kunden weitergeben. Das kann zu zusätzlichem Wachstum und einem Wettbewerbsvorteil auf demHeimatmarkt führen. Unser erster Lizenznehmer ist Tokio Marine Holding, Japans größter Kompositversicherer, der die Technologie über sein gesamtes Portfolio hinweg in seine bestehenden Versicherungsprodukte integriert. Andere Versicherer werden voraussichtlich im nächsten Jahr starten.

Gibt es Interesse aus Deutschland?
DP:
Das ist derzeit noch vertraulich. Aber Deutschland steht auf jeden Fall ganz oben auf der Liste.

Verfolgen Sie noch weitere Ansätze zur Internationalisierung?
DP:
Wir führen mit fast allen Autoherstellern weltweit Gespräche, auch mit deutschen. In einem ersten Schritt geht es darum, eine nahtlose, kilometerbasierte Kfz-Versicherung direkt in die Autos zu integrieren. Wir schicken den Versicherten dann kein Gerät für die Kilometererfassung mehr, sondern der Autokäufer meldet sich per Handy bei uns an. Dann ist Metromile direkt mit dem Fahrzeug verbunden. Fast jedes heute verkaufte Auto enthält eine solche Programmierschnittstelle. Versicherungsprodukte könnten dann per Knopfdruck auf dem Armaturenbrett oder via Smartphone abgeschlossen werden. 

Wann wird diese Technik verfügbar sein?
DP:
Wir haben unsere Plattform darauf ausgelegt, diese Integration in spätestens drei Jahren zu ermöglichen. Wenn die Autohersteller ihre Plattformen in einem nächsten Schritt weiter öffnen, können wir ihnen helfen, neuartige Versicherungsprodukte anzubieten, bei denen teilautonome Funktionen oder Sicherheitsanwendungen der Autos genutzt werden.

Könnten die Hersteller auch Policen unter eigenen Namen verkaufen?
DP:
Es ist vorstellbar, dass ein Autokonzern ein White-Label-Produkt etwa von uns unter seinem Namen vertreibt. Viele dürften es aber bevorzugen, den Kunden eine Auswahl an Versicherern im Auto-Display anzubieten.

Metromile erfasst die Mobilitätsdaten seiner Kunden. Haben die Amerikaner keine Angst vor Überwachung?
DP:
Die Sichtweise hinsichtlich Datensicherheit und Privatsphäre unterscheidet sich in der Tat von Land zu Land. In vielen Fällen sind die Leute aber bereit, ihre Daten zu teilen, wenn sie den Wert dessen, was sie dafür bekommen, höher einschätzen als den Schutz ihrer Daten.

Nach etlichen Datenskandalen, wie etwa bei Facebook, denken viele Kunden anders.
DP:
Wir überlegen ständig, wie wir mit den erfassten Daten Produkte zum Nutzen der Kunden entwickeln – und wie wir sicherstellen, dass wir die Daten nicht in einer Art und Weise teilen, mit der sie nicht rechnen. Das erwarten die Menschen meines Erachtens in allen Ländern, auch wenn die Toleranzschwelle je nach Land unterschiedlich ist. Die Schwelle ist in den USA übrigens geringer, als es oft scheint. Und sie sinkt.

Werden große Internetkonzerne ins Versicherungsgeschäft einsteigen?
DP:
Damit rechne ich nicht. Ich könnte mir vorstellen, dass Konzerne wie Google oder Apple ihre Plattformen in die Autos bringen und wir dann die Versicherungsprodukte integrieren. Als echte Konkurrenz sehen wir nur die großen, klassischen Versicherer.

Interview: Helene Laube

Auch inter­essant