Schwer­punkt Big Data

Warum Ver­si­che­rer Daten brau­chen

Wer Menschen versichert, muss wissen, wie groß deren Risiko ist. Deshalb sammeln die Versicherer Daten. Begonnen haben sie damit schon weit vor der Erfindung des Computers. Von Dennis Schmidt-Bordemann

Versicherungen mit einem Glücksspiel gleichzusetzen, wäre sicherlich verkehrt. Dennoch hat beides etwas miteinander zu tun. Denn das moderne Versicherungswesen begann letztendlich mit einem Würfelspiel: Der Chevalier de la Mére, ein professioneller Glücksspieler, wunderte sich, warum er bei einem Spiel mit zwei Würfeln weitaus öfter verlor, als er vermutet hatte – und wendete sich mit seinem Problem an einen Freund, den Mathematiker Blaise Pascal. Dieser ging dem Zufall mit wissenschaftlicher Neugier auf den Grund und legte mit seinen Erkenntnissen Mitte des 17. Jahrhunderts den Grundstein für die Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Damit bereitete der französische Universalgelehrte zugleich den Weg für die moderne Versicherungswirtschaft. Ihr Geschäftsmodell besteht aus der Absicherung von Risiken – und die Wahrscheinlichkeitsrechnung ist ein unverzichtbares Hilfsmittel, um den Eintritt eines Ereignisses abschätzen zu können. Und um in der Folge berechnen zu können, wie hoch die Prämien sein müssen und wie viel Geld die Versichertengemeinschaft für den Fall der Fälle vorhalten muss.

Je mehr Informationen, desto beherrschbarer werden die Risiken

Für die Berechnung brauchen Versicherer Daten. Viele Daten. Denn eines der ehernen Gesetze der Wahrscheinlichkeitsrechnung – das Gesetz der großen Zahl – besagt, dass man die Wahrscheinlichkeit für den Eintritt eines Ereignisses umso genauer berechnen kann, je mehr gleichartige Vorfälle man beobachtet. Das ist der Grund, warum es heute relativ einfach ist, die Wahrscheinlichkeit eines Pkw-Unfalls abzuschätzen, obwohl Autos erst seit gut 100 Jahren über die Straßen rollen, es aber immer noch schwer fällt, die Wahrscheinlichkeit seltener Ereignisse wie zum Beispiel einer großen Flut einigermaßen präzise vorherzusagen.

Um dem Zufall auf die Spur zu kommen, sammeln die Versicherer seit jeher Daten. So legte zum Beispiel 1693 der Engländer Edmond Halley die ersten Sterbetafeln vor und kalkulierte auf ihrer Grundlage Prämien für Lebensversicherungen. Bald darauf trug das britische Sun Fire Office vom chilenischen Valparaíso über Hamburg bis Hongkong akribisch Informationen über Stadtbrände zusammen. Und die US-Lebensversicherer ermittelten anhand von Kundendaten bereits vor 100 Jahren Gesundheitsrisiken. Diese Fälle zeigen: Die heutige Versicherungswirtschaft wäre undenkbar ohne die jahrhundertelangen Forschungen von Mathematikern, Medizinern und Naturwissenschaftlern, die sich der Vermessung der Welt verschrieben haben.

Datenflut geht einher mit besseren Speichermöglichkeiten

Mit der Flut an Daten wuchsen jedoch auch die Anforderungen an die Speicherung und Verarbeitung der Informationen. Am Anfang waren das handgeschriebene Karteien und Archive, dann kamen Schreib- und Lochkartenmaschinen hinzu. In den 1950er-Jahren folgten die ersten, viel bewunderten „Elektronengehirne“ und schließlich moderne Computer mit immer größerer Speicher- und Rechenleistung. Die Entwicklung der modernen Informationstechnologie hat die Versicherungswirtschaft verändert – und ein weiterer großer Wandel steht ihr noch bevor.

Seit der Öffnung des Internets Anfang der 1990er-Jahre hat sich das Datenvolumen in der weltweiten Kommunikation jedes zweite Jahr verdoppelt. Drei Zettabyte an Informationen flossen 2014 durch die Datenkanäle – das sind dreitausend Billionen Megabyte. Oder Schätzungen zufolge ungefähr die dreifache Zahl aller Sandkörner an allen Stränden dieser Erde. Und während vor 20 Jahren noch fast alle Daten analog „gespeichert“ wurden – etwa in Büchern und Aktenschränken – wird heute der Großteil aller Informationen digital erfasst.


Big Data verspricht noch genauere Risikoanalyse

So entstehen gewaltige, digitale und vernetzte Datenberge. Und diese lassen sich mithilfe neuer Fördertechniken – Advanced Analytics genannt – detailliert auswerten. Das Versprechen der Visionäre: Informationen zu Tage zu fördern, die dabei helfen, Risiken noch besser zu erkennen und einzuschätzen. Kein leichtes Unterfangen: Denn es handelt sich oft nicht um klar strukturierte Informationen aus einer Datenbank, sondern um Zahlen unterschiedlicher Qualität und Herkunft, die erst vereint und auf sinnvolle Zusammenhänge untersucht werden müssen. Für die Versicherer ist Big Data gleichwohl eine Chance, ihren Kunden noch besser zugeschnittene oder gar neue Produkte anbieten zu können. Denn Daten sind der Rohstoff für Versicherungen – das bewies einst schon Edmond Halley mit seinen Sterbetafeln.

Zur Startseite
Auch inter­essant