Positionen-Magazin
Zwi­schen Low-Code und No-Code

Wenn Digi­ta­li­sie­rung auch mal ohne Pro­gram­mie­rer aus­kommt

Apps und digitale Prozesse selbst bauen, statt auf die IT-Profis zu warten. Mit diesem Versprechen werben Low-Code-Plattformen um alle, die sich bei ihren Digitalisierungsplänen von knappen Ressourcen ausgebremst fühlen. Wie Versicherer den Trend nutzen.

Viel zu viel Papier. Das war die wichtigste Erkenntnis für Andreas Mehl, als er nach den Gründen für die Unzufriedenheit von Außendienstmitarbeitern suchte. Der 49-Jährige leitet den Fachbereich Zeitwertkonten bei der R+V Versicherung und bekam von den Vertriebsmitarbeitern regelmäßig zu hören, wie umständlich und langwierig es sei, einen Neukunden auf dem Portal für Lebensarbeitszeitkonten der Versicherung anzulegen. Seitenweise Formulare auf Papier ausfüllen, Rückfragen per Telefon oder Anschreiben klären, Dokumente einscannen, Daten erfassen und ins versicherungsinterne IT-System einpflegen: „Das alles dauerte gern mal bis zu fünf Wochen“, berichtet Mehl. So mancher Unternehmenskunde war dadurch schon genervt, bevor es richtig losging. Mehl war klar: Der sogenannte Onboarding-Prozess muss bequemer und digitaler werden – und vor allem schneller. 

Die Ressourcen der Entwickler sind knapp, weil unzählige Projekte gleichzeitig laufen 

Üblicherweise hätte sich der Fachbereichsleiter nun an die zentrale IT-Abteilung gewandt und die hauseigenen Spezialisten gebeten, eine Lösung zu programmieren. Das Problem: Die Umsetzung solcher Aufträge dauert lange, denn wie bei allen großen Versicherern laufen bei der R+V derzeit unzählige Digitalisierungsprojekte gleichzeitig. „Die Ressourcen der IT-Experten, vor allem der Entwickler, sind knapp, da gibt es intern immer eine große Konkurrenz“, sagt Mehl. Stattdessen wandte sich Mehl an eine neue interne Einheit, den Bereich „Digitale Transformation“. Hier wird mit kreativen, agilen Methoden nach alternativen Lösungsmöglichkeiten gesucht, ungewöhnliche Ideen und mutige Experimente inklusive. Der Vorschlag der Trendsetter im Bereich digitalisierte Versicherung folgte prompt: Versucht es doch mal mit einem No-Code- oder Low-Code-Anbieter! 

 Dahinter verbirgt sich ein Technologietrend aus den USA, der inzwischen auch hierzulande Fuß fasst. Die Idee: Wenn in Unternehmen zunehmend digital, agil und abteilungsübergreifend gearbeitet wird, dürfen die Verantwortung und die Arbeit nicht einfach bei der IT-Abteilung abgeladen werden. Häufig wissen die Fachabteilungen und Projektteams zudem selbst am besten, welche digitalen Lösungen sie brauchen – es fehlt allein das technische Know-how. „Low-Code-Tools ermöglichen es Mitarbeitern ohne Vorkenntnisse, beim Programmieren selbst aktiv mitzuwirken, mehr Verantwortung oder neue Aufgaben zu übernehmen“, erklärt Anna-Lena Schwalm vom IT-Marktforschungsunternehmen Crisp Research. „Unternehmen bekommen so die Möglichkeit, digitale Geschäftsprozesse direkt aus der Fachabteilung heraus zu entwickeln.“ 

 Mitarbeiter aus dem Marketing, dem Vertrieb oder dem Controlling konstruieren dabei mithilfe vorgefertigter, visuell dargestellter Software-Bausteine eigene Apps und digitale Workflows. „Sie können diese Anwendungen entsprechend den eigenen, gewohnten Abläufen visualisieren und gestalten. Der Code dahinter generiert sich selbst“, erklärt Schwalm. So kann jeder Mitarbeiter zum sogenannten Citizen Developer werden, die Abhängigkeit von externen Entwicklern reduzieren und die Kollegen in der IT-Abteilung entlasten. „Die Idee hat immensen Charme“, sagt R+V-Fachbereichsleiter Mehl. Ein passender Anbieter war schnell gefunden: Das israelische Start-up EasySend hat sich darauf spezialisiert, kunden-orientierte Formulare, manuelle Antragsprozesse und Papierdokumente in einen einfachen, digitalen Workflow zu verwandeln, durch den Kunden Schritt für Schritt direkt am PC oder Smartphone geleitet werden.  

 

Auf die Begeisterung folgte Ernüchterung:  War der Prozess zu komplex? 

Bevor es loslegen konnte, musste sich Mehls Team natürlich zunächst den Segen der hauseigenen IT-Sicherheitsexperten holen. Ein außereuropäisches Start-up statt eines etablierten IT-Dienstleisters als Partner, Nicht-IT-Mitarbeiter im Entwicklungsprozess: „Das ist schon ein großer und ungewöhnlicher Schritt, das hatte es so noch nicht gegeben“, sagt Michael Strohkendl. Der IT-Kundenmanager der R+V begleitete das Projekt, um sicherzustellen, dass sich die cloudbasierten, externen Anwendungen überhaupt in die IT-Infrastruktur des Hauses einbinden lassen. Nach einem ersten Proof of Concept und mehreren Sicherheitschecks gab er grünes Licht.

Doch auf die erste Begeisterung folgte schnell Ernüchterung: „Wir hatten uns für unser erstes No-Code-Projekt gleich einen sehr komplexen Prozess ausgesucht“, sagt Mehl. „Vielleicht etwas zu komplex.“ Es galt, viele verschiedene Personengruppen und Arbeitsschritte abzubilden: Welcher Akteur darf zu welchem Zeitpunkt des Onboardings in welcher Reihenfolge welche Informationen in die digitalen Formulare eingeben? Wer soll sie prüfen, wer die Dokumente hochladen?“ Auch wenn das Baukastensystem der App bewusst einfach gestaltet ist: „Die Ersteinrichtung des komplexen Prozesses war dann doch nur mit Unterstützung und Hilfe des Dienstleisters möglich“, sagt Mehl. „Wir sind an unsere Grenzen gestoßen.“ Jetzt, wo die Anwendung fertig entwickelt ist und stabil läuft, hofft Mehl, dass sie nötige Anpassungen selbst vornehmen können, ohne weitere externe Hilfe. Ähnliche Erfahrungen machten viele Unternehmen, berichtet Low-Code-Expertin Schwalm. „Das Low-Code-Prinzip findet nicht von allein einen Platz im Unternehmen.“ Es brauche technische und organisatorische Vorarbeit an der IT-Architektur sowie an den organisatorischen Abläufen und Prozessen, damit die Low-Code-Tools effizient eingesetzt werden könnten. Dies gilt insbesondere für stark regulierte Branchen wie die Versicherungswirtschaft. 

 

Inzwischen sind sowohl der Fachbereichsleiter als auch der IT-Manager No-Code-Fans

Nach „einfach mal schnell selbst eine App bauen“ klingt das nicht. Ein Reinfall war das Projekt aber auch keinesfalls, betont Projektleiter Mehl. „Wir haben sehr viel gelernt.“ Und sowohl die Kunden als auch die Außendienstler seien vom Ergebnis begeistert. Statt wie bisher fünf Wochen dauere der Onboarding-Prozess für Firmenkunden jetzt nur noch wenige Tage. Das Ausfüllen der digitalen Antragsformulare könne in einer halben Stunde am Smartphone erledigt werden. „Außerdem hat das Projekt viel Interesse im Unternehmen geweckt, in ganz unterschiedlichen Abteilungen.“ Nun gelte es, die Learnings gezielt für weitere Projekte zu nutzen. Lektion Nummer eins: „Wir werden No-Code zunächst für eher simple Prozesse nutzen“, sagt IT-Manager Strohkendl. So könnten beispielsweise Bewerber, wenn sie nach einem Vorstellungsgespräch bei der R+V nach Hause fahren, per WhatsApp automatisch den Link zu einem digitalen Formular zugeschickt bekommen, mit dem sie sich ihre Fahrtkosten erstatten lassen können. „Eine solche Anwendung kann man mit einem No-Code-Tool wie EasySend innerhalb weniger Stunden zusammenbauen – und gerade junge Bewerber wissen diesen digitalen Service zu schätzen.“

Lektion Nummer zwei: „Wir werden mehrere Kollegen gezielt im Umgang mit dem No-Code-Tool schulen“, so der 51-Jährige. Denn viele Mitarbeiter aus den Fachabteilungen hätten Berührungsängste gehabt, sich in ungewohnten IT-Umgebungen wie einer No-Code-App zu bewegen. Nicht jeder traue sich zu, ein Citizen Developer zu werden und die eigenen Ideen in einer digitalen Umgebung zu verwirklichen. „Wir haben festgestellt, dass sich die Kollegen mehr Unterstützung wünschen.“ Insbesondere jüngere Mitarbeiter könnten sich durch gezielte Schulungen und weitere Low-Code-Projekte frühzeitig an eine Rolle als Citizen Developer gewöhnen und irgendwann ganz selbstverständlich an eigenen digitalen Tools arbeiten. So lasse sich der Kulturwandel zum digitalen Dienstleister schneller vorantreiben. Unter dem Strich sind inzwischen sowohl der Fachabteilungsleiter Mehl als auch der IT-Experte Strohkendl echte No-Code-Fans: Der Mehrwert liege auf der Hand, finden beide: „Man muss sich nur genau anschauen, für welche Prozesse und Workflows das geeignet ist, wie weit die Mitarbeiter sind und wo die praktischen Grenzen dieser Tools hier und heute liegen.“

Text: Sarah Sommer




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