Positionen-Magazin
Aus­bil­dung in der Ver­si­che­rungs­bran­che

Vom Azubi zum digi­ta­len Exper­ten

Die Digitalisierung verändert die Versicherungsbranche radikal. Das soll sich von 2022 an auch stärker in der Ausbildung widerspiegeln. Experten arbeiten an einer Reform, die eine Karriere in der Versicherungswelt für Berufsstarter noch interessanter machen dürfte.

Ein Bildschirm voller Video-Call-Teilnehmer, ein paar kurze Hallos in die Runde, Abstimmung der Agenda und rein in die Sitzung: Anfang September trafen sich 18 Sachverständige per Webkonferenz zur ersten von sechs Sitzungen, in denen es um die Reform der Ausbildung von Kaufleuten für Versicherungen und Finanzen ging. Zugeschaltet waren Vertreter der Arbeitgeber- und der Arbeitnehmerseite, des Bundesinstituts für Berufsbildung, der des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sowie der Kultusministerkonferenz. Dass ihr Treffen virtuell stattfand, war der Corona-Pandemie geschuldet. Ein passenderes Forum für ihr Thema hätten sie allerdings auch nicht finden können. Denn nichts verändert die Versicherungswelt so massiv wie die Digitalisierung. Digitale Inhalte sollen deshalb künftig stärker in die Ausbildung einfließen. 

Die Zeit drängt: Seit Inkrafttreten der aktuellen Ausbildungsordnung 2006 hat mit Megatrends wie Big Data und der Digitalisierung ein fundamentaler Wandel in der Versicherungswirtschaft eingesetzt. Und das ist nicht der einzige Grund, warum die Ausbildung modernisiert werden muss. Die Reform ist auch deshalb zwingend, weil die Branche vor einem Generationswechsel steht: Rund 42 Prozent der Versicherungsvermittler in Deutschland sind über 55 und gehen in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand. Soll der Nachwuchs das Geschäft erfolgreich in die Zukunft führen, muss er auf die veränderten Anforderungen vorbereitet sein. Mit entsprechenden Inhalten könnte die Ausbildung zudem stärker auf die junge Generation Z zugeschnitten werden und damit mehr Nachwuchs anlocken (siehe „Wo die coolen Kerle wohnen“ in Positionen #3_2020).

IT-Kompetenzen kommen in der alten Ausbildungsordnung zu kurz

Die Versicherungswelt gilt bei vielen jungen Leuten als angestaubt. Die wenigsten wissen, wie sich die Kultur und die Arbeitsstrukturen in der Branche zuletzt gewandelt und sich damit den Wünschen heutiger Berufsstarter angenähert haben. Die Branche biete sowohl sicherheitsorientierten Menschen ein attraktives Umfeld als auch denjenigen, die Herausforderungen suchen, schreibt Johannes Wagner von der Start-up-Cooperation der Versicherungskammer Bayern in seiner Kolumne. „Die neue Ausbildungsordnung wird viele neue Lerninhalte umfassen, mit denen sich junge Menschen identifizieren können“, sagt Vesna Kranjcec-Sang, Projektleiterin und Koordinatorin der Sachverständigen Arbeitgeber seitens des Berufsbildungswerks der Deutschen Versicherungswirtschaft (BWV). 2016 haben sie und ihre Kollegen für die Studie „Kompetenzlabor“ Experten befragt, welche Entwicklungen die Branche künftig bestimmen und in die Ausbildung einfließen sollten.

Vor allem bei den IT-Kompetenzen attestierten die Experten der aktuellen Ausbildungsordnung Defizite: Zum einen habe die Automatisierung viele Arbeitsfelder und -strukturen verändert. Mitarbeiter müssten künftig mehr noch als heute in der Lage sein, technische Systeme sowie die Funktionsweise einer IT-Architektur zu verstehen. Daneben werde Big Data wichtiger: Im Mittelpunkt der Arbeit stünden heute oft die Gewinnung von Kundendaten, der sensible Umgang damit und ihre Analyse, um neue Produkte zu entwickeln. Die Anpassung der Produktpalette mit Blick auf die sich verändernden Lebenswelten der Kunden werde in den kommenden Jahren das bestimmende Thema sein, auf das Mitarbeiter vorbereitet sein müssen. Manche der in Zukunft gefragten Qualifikationen lernen die Azubis heute schon in ihren Unternehmen – Multikanalfähigkeit etwa. Kaufleute für Versicherungen und Finanzen müssen alle Kommunikationswege beherrschen und kurze Bearbeitungszeiten gewährleisten. An diesen Stellen hinkt die aktuelle Ausbildungsordnung dem Alltag in den Unternehmen hinterher, hat Kranjcec-Sang festgestellt: „In vielen Betrieben sind die Auszubildenden dahingehend bereits gefordert und lernen in der Praxis schon sehr viel mehr dazu als vor einigen Jahren.“

Der Reformprozess kostet Zeit: Es gelten strikte Regeln 

Das ist auch der Grund, warum manche Unternehmen den laufenden Reformprozess kritisieren: Bis die Ausbildungsordnung zum neuen Lehrjahr im August 2022 in Kraft trete, sei in Sachen Digitalisierung schon wieder viel passiert, das die Betriebe den Azubis im Alltag selbst beibringen müssten. Dieses Dilemma trifft allerdings alle Branchen. Die Novellierung von Ausbildungsberufen ist in Deutschland streng geregelt und kann nicht einfach abgekürzt werden. Gerade die momentane bis Mitte 2021 laufende Phase, in der die konkreten Inhalte diskutiert und festgelegt werden, ist wichtig für ein Gelingen: Bei der Abstimmung am Ende der Sachverständigensitzungen gilt das Konsensprinzip. Nur wenn alle beteiligten Vertreter auf Arbeitnehmer- und Arbeitgeberseite, aus den Bundesministerien und der Kultusministerkonferenz mit den Inhalten einverstanden sind, kann die Ausbildungsordnung im Bundesanzeiger veröffentlicht und damit wirksam werden. 

Dass die Reform am Ende noch komplett gekippt werden könnte, gilt  aber als unwahrscheinlich. Zumindest die erste Fachrunde per Videoschalte hat sich laut Teilnehmern schon mal als effektiv erwiesen. „Wir sind sehr zufrieden mit dem Start des Neuordnungsverfahrens und glauben, dass der Zeitplan trotz Corona eingehalten werden kann“, sagt Michael Weyh, Geschäftsführer des BWV. Der Bildungsverband hat zudem auf die Empfehlungen der Betriebe reagiert. „Wir bieten seit Längerem ein ,Curriculum Digitale Kompetenzen‘ an, das Unternehmen als Hilfestellung nutzen können, um ihre Auszubildenden schon jetzt dahingehend zu schulen“,  sagt Kranjcec-Sang. Für bereits erfahrene Mitarbeiter der Branche bieten die einzelnen regionalen Berufsbildungswerke und die Deutsche Versicherungsakademie umfangreiche Angebote zu Digitalisierung und IT-Know-how.

Die Details werden noch verhandelt, das Ziel aber ist klar 

Wie die Ausbildung über den elementaren kaufmännischen Kanon hinaus am Ende aussieht, ist noch offen. Es könnte etwa Wahlqualifikationen oder andere Elemente geben. So ließen sich beispielsweise Versicherungsfachwissen mit IT-Know-how verbinden. Denkbar wäre sogar, dass die Ausbildung einen anderen Namen bekommt. Fest steht aber bereits, dass nicht nur digitale und kommunikative Kompetenzen der Azubis gestärkt werden sollen: „Eigenständigkeit, Entwicklungsmöglichkeiten und agile Arbeitsmethoden sind Themen, die sich wiederfinden lassen werden und die die junge Generation ansprechen“, sagt Kranjcec-Sang.

Text: Kathinka Burkhardt

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