See­not­ret­ter

Hilfe mit 4000 PS und 24 Kno­ten

Fast 400 Einsätze wurden vergangenes Jahr bei Windstärke 7 und mehr gefahren: Die Rettung von Menschen aus Seenot kann auf der deutschen Nord- und Ostsee zu einer hochriskanten Angelegenheit werden. Ein Besuch vor Ort.

Nordsee ist Mordsee? Das sehen die Leute um Michael Müller, Vormann auf dem Seenotkreuzer „Berlin“, differenzierter. Ihre Heimat ist der Hafen Laboe, Kieler Bucht. Ostsee. Am Pier schlecken die Touris ihr Eis, im Hafenbecken schwimmen die Ohrenquallen um die Wette, es geht betont entspannt zu im Schatten des berühmten Marinedenkmals. Draußen aber, auf der spiegelglatten und kaiserblauen Kieler Bucht, ist an diesem hochsommerlichen Donnerstag die Hölle los.

Rettungstechnisch ist die Ostsee im Sommer das mit Abstand heißeste Revier

 Segelboote aus allen Epochen und aller Herren Länder, der ein oder andere Surfer, gefühlt ganze Geleitzüge von Kreuzfahrtschiffen, Tankern und Fähren, Autotransportern und Spezialschiffen, staunende Badegäste zu Hunderten im Wasser am Rande der Fahrrinne und zu guter Letzt auch noch der berühmte Kieler Delphin. Es ist also alles angerichtet für die Leute der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, kurz: DGzRS, oder, etwas sprechfreundlicher, für die Seenotretter. Sie sind seit nunmehr 154 Jahren Tag für Tag, Nacht für Nacht auf Wache, Helden des maritimen Alltags, eine Erfolgsgeschichte ehrenamtlichen Engagements.

„Die meisten denken bei einem Seenotfall zuerst an die Nordsee“, sinniert Vormann Müller, 52. Menschen in Not in peitschender See, Wellenbrecher, Helgoland und die Untiefen bei Büsum.

Dabei ist, rettungstechnisch betrachtet, die Ostsee im Sommer das mit Abstand heißeste Revier. Müller ist „Vormann“, so nennt sich der Käpt’n bei den Seenotrettern. Seit 22 Jahren heißt sein Einsatzgebiet Kieler Bucht und Ostsee bis hinauf an die dänische Südküste. Hier kennt er natürlich jede Sandbank, fast jeden Mast. Und das will wirklich etwas heißen, denn die Kieler Bucht mit der Kieler Förde gehört, mit ihrer Zufahrt zum Nord-Ostseekanal und dem boomenden Fähr- und Kreuzfahrt-Hafen Kiel, zu den am stärksten frequentierten Seestraßen der Welt. 168 Alarmierungen gab es alleine im vergangenen Jahr für die Männer und Frauen auf der "Berlin“, so viele wie nirgends sonst auf einer der DGzRS-Stationen an Nord- und Ostsee. 

Über 3660 Kilometer deutscher Küstenlinie erstreckt sich das Seegebiet, für das die DGzRS zuständig ist. Von Borkum bis nach Usedom, auf 55 Stationen und der zentralen Rettungsleitstelle See in Bremen arbeiten rund um die Uhr insgesamt fast 1000 Experten, davon gut 800 ehrenamtlich. 60 Schiffe sind im Dienst, vom 46-Meter-Seenotrettungskreuzer bis zum 7,5 Meter Seenotrettungsboot. 38 Menschen haben die Retter im vorigen Jahr aus Seenot gerettet, 318 Menschen aus drohender Gefahr auf See befreit. Und wie jedes Jahr präsentieren sich die Retter auch in diesem Sommer der Öffentlichkeit am „Tag der Seenotretter“: diesmal am 28. Juli. Überall können dann Interessierte die Schiffe inspizieren, Rettungsvorführungen beobachten oder gar mit auf Fahrt gehen – Spender sind verständlicherweise besonders gerne gesehen.

Vollgas Richtung Norden, vorbei am Leuchtturm – hinaus auf die offene See

Selbstbewusst gehen die vier Männer der Stammbesatzung auf der Berlin an ihre Arbeit. Man könnte es auch Stolz nennen. Sie sind allesamt ausgebildete Seeleute, Maschinisten, Steuerleute, Kapitäne. Jeder weiß blind, was er zu tun hat. Müller etwa ist seit drei Jahrzehnten auf See, schon vor 22 Jahren hat er den Job auf dem Frachter an den Nagel gehängt und bei der DGzRS angeheuert – und keinen Tag bereut. „Was Besonderes“, sagt er hanseatisch sparsam und legt „den Hebel auf den Tisch“. Die beiden MTU-Motoren mit zusammen 4000 PS geben unmittelbar Antwort. Für Landratten: Vollgas Richtung Norden, 24 Knoten, vorbei am Leuchtturm Kiel mit seiner Lotsenstation, hinaus auf die offene See.

An diesem Tag bleibt es bei einer von geschätzt 3000 Revier- und Kontrollfahrten, die die Schiffe des Vereins im Jahr unternehmen. Dieses Mal ist das einzige Ereignis eine Boje, die bei einer Übung der „Steppke“, das stets Huckepack mitgeführte Tochterboot der „Berlin“, über Bord geht. „Praktikantin“ Maike, studierte Nautikerin und hauptberuflich Funkerin in der Rettungsleitstelle See des Vereins in Bremen, kurz MRCC, holt die Boje nach scharfer Rechtskurve mit einem Haken zurück an Bord. Das erinnert an das berühmte Person-über-Bord-Manöver aus dem ersten Segelkurs.

Es geht aber auch anders, viel gefährlicher: 13 tote Seenotretter zählt der Verein seit 1945, dazu kommen Hunderte verletzte Retter . Fast 400 Einsätze wurden vergangenes Jahr bei Windstärke 7 und mehr gefahren, die Rettung von Menschen aus Seenot kann auf der deutschen Nord- und Ostsee zu einer hochriskanten Angelegenheit werden. 

Und genau hier kommt die deutsche Versicherungswirtschaft ins Spiel. DGzRS und GDV, also der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, haben so manche Gemeinsamkeit, nicht nur die Sets erklärungsbedürftiger Kürzel: Seit nunmehr 68 Jahren unterstützt der GDV die Arbeit der Seenotretter mit einer kostenfreien Gruppenunfallversicherung. Die historisch seit jeher enge Verbindung zwischen Versicherungswirtschaft und Seefahrt bekommt hier nicht nur symbolisch Ausdruck. „Wir wollen damit auch ein Stück Respekt vor der Verantwortung der Crews und ihrer Familien zum Ausdruck bringen“, sagt Beate Weiße, die das Projekt für den GDV begleitet. Damit tritt sie in große Fußstapfen: Ohne Versicherung hätte es die moderne Seefahrt so sicher nicht gegeben, zurecht gilt London mit seinem ersten funktionierenden Versicherungsmarkt der Geschichte als Wiege des modernen Fernhandels und damit der ersten Welle der Globalisierung.


Doch das ist eine andere Geschichte. Die langjährige Zusammenarbeit zwischen GDV und DGzRS, begründet von engagierten Bremischen Versicherungskaufleuten in der Bremer Securitas, ist nur ein kleiner von unzähligen wichtigen und buchstäblich wertvollen Beiträgen für die Arbeit der Gesellschaft. Der Verein ist ausschließlich über private Spenden finanziert, das beginnt bei den rund 13.000 im ganzen Bundesgebiet verteilten Sammelschiffchen, die letztes Jahr gut 1 Million Euro an Bareinnahmen erbrachten. Doch damit ist das Budget der Organisation längst nicht gedeckt: Sie braucht fast 44 Mal so viel im Jahr, um über die Runden zu kommen. Das geht zu einem Löwenanteil nur über großzügige Spenden von Privatleuten, Unternehmen, Organisationen. Insofern ist der Verein ein in der deutschen Gesellschaft eher seltenes Beispiel für ein erfolgreiches bürgerschaftliches Engagement. Und es funktioniert auch nur deshalb, weil die deutschen Seenotretter der DGzRS seit Generationen verstanden haben, clever für ihre Sache zu trommeln.

Michael Müller, erster Mann auf der Berlin – was für ein Zufall: Sein Pendant in der großen Stadt, der Regierende Bürgermeister, heißt ja bekanntlich genau so. „Kenn‘ ich“, sagt der 52-jährige Kapitän knapp und lächelt weise. Schon so mancher Berichterstatter sei nicht umhingekommen, daraus eine Story zu entwickeln. Er selbst habe sich aber tatsächlich stark eingesetzt dafür, dass der vor drei Jahren für etwa 10 Millionen Euro neu in Dienst gestellte 28-Meter-Kreuzer den selben Namen bekommt wie sein Vorgänger. An einer großen Holztafel gleich neben dem Eingang zur Kombüse hängt die Tafel mit den Dutzenden von Spendern, die mehr als 5000 Euro für die Berlin gegeben haben.

Die Stadt Berlin nimmt die Patenschaft für die „Berlin“ sehr ernst

„Der Name Berlin hilft uns ohne Zweifel“, erzählt Müller. Schließlich nimmt auch der Berliner Senat die Sache mit der Patenschaft für das Rettungsschiff auf der Ostsee sehr ernst. Neulich war Müller mit Crew auf dem Sommerfest des Senats in Berlin, die Bande zur Hauptstadt und zum Regierenden Bürgermeister Michael Müller sind und bleiben eng. Viele Sommerfrischler aus der großen Stadt verbringen traditionell ihre Ferien in Laboe. Und gerade die geben gern Bares für Rares – etwa einen Besuch an Bord: Der weiß-rote Seenotrettungskreuzer ist einer der großen Touristenattraktionen des Seebades.

In Laboe ist der Schriftzug der Seenotretter allgegenwärtig. An der Schokoladenseite des Hafens durfte der Verein vor ein paar Jahren sein schickes Informationszentrum errichten, multimedial auf dem Stand der Zeit. Noch eine Touristenattraktion in weiß-rot. Die Gesellschaft hat vor wenigen Monaten ihre zentrale Ausbildungsakademie und ihr Know-how gebündelt, um die Berufs- und Sanitätsausbildung noch professioneller zu machen. 

Doch all das, die Millionen Euro, das viele Herzblut, die Tausenden Geretteten und all die tollen Geschichten in Radio, Print, Fernsehen und online, ja selbst der Bundespräsident als Schirmherr vermochten nichts daran zu ändern, dass die Seenotretter wie so viele andere ehrenamtliche Organisationen auch Nachwuchssorgen haben. Womit wir wieder bei den Dingen wären, die auch Versicherer und Seenotretter miteinander gemeinsam haben.

Text: Christoph Hardt


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