Positionen-Magazin
Kli­ma­wan­del

Die Erde schmilzt

Kaum eine Branche spürt die globale Erwärmung so direkt. Versicherer pochen auf die Einhaltung der Pariser Klimaziele - und wirken Klimafolgen entgegen, die schon heute nicht mehr abzuwenden sind

Man kann sich angenehmere Routen für einen Protestmarsch vorstellen. Doch die acht Männer, die sich im Nordosten Kanadas in dicke Schneeanzüge hüllen, wollen ein Zeichen setzen. Also wählen sie die härteste Strecke, die denkbar ist – 1000 Kilometer durch das Packeis zum Nordpol. Die spektakuläre Aktion soll die Welt auf das drängendste Umweltproblem überhaupt aufmerksam machen: das Ozonloch.

„Wir wollen die Leute wachrütteln“, sagt der Polarforscher Arved Fuchs damals, im März 1989, in einem Interview mit der „Taz“. „So kann’s nicht weitergehen!“ Als die Männer gut 60 Tage darauf den Pol erreichen, sind die Medien voll von Berichten über die Expedition – und über das Ozonproblem.

Drei Jahrzehnte später ist Fuchs‘ Mission noch immer dieselbe. Er kämpft für die Zukunft des Planeten. Nur der Gegner hat sich geändert. Heute geht es nicht mehr darum, den Ozonkiller FCKW auszuschalten, sondern das Treibhausgas CO2 in den Griff zu bekommen. Ein Klimaprotestmarsch zum Nordpol kommt dafür allerdings nicht mehr infrage. Zwar wäre Fuchs auch mit 66 Jahren wohl noch fit genug. Doch das Eis ist zu dünn, er müsste weite Strecken schwimmen.

 

„Selbst das mehrjährige Eis, das früher den Sommer überdauert hat, ist fast vollständig verschwunden“, sagt der Berufsabenteurer, der vor wenigen Monaten von einer Segelexpedition aus der Region zurückgekommen ist. „Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Sie ist eine Art Frühwarnsystem. Aber wir reagieren nicht adäquat darauf. Und wenn überhaupt, dann sehr kleinmütig.“

Von „Fridays for Future“ bis „Grandpas for Future“: Klimaschutz bewegt die Massen

Dieser Kleinmut treibt inzwischen Menschen in aller Welt auf die Straße. Seit die Schwedin Greta Thunberg an einem Freitag vor knapp anderthalb Jahren die Worte „Skolstrejk för klimatet“ auf ein Pappschild schrieb und sich damit vor den Reichstag in Stockholm setzte, ist der Kampf fürs Klima auf bestem Weg, zu einer Massenbewegung zu werden. Was früher als Thema für Baumumarmer oder idealistische Ökozausel galt, hat die Breite der Gesellschaft erreicht.

Denn es sind bei Weitem nicht nur Schüler, die sich engagieren. Längst hat „Fridays for Future“ Ableger in der Wissenschaft („Scientists for Future“) in der Kunst („Artists for Future“), bei Rentnern („Grandpas for Future“) und in anderen gesellschaftlichen Gruppen. Seit Monaten bezeichnen die Deutschen in Umfragen die Themen Umwelt- und Klimaschutz als das Problem Nummer eins, noch vor der Flüchtlingskrise oder steigenden Mieten.

 

Und auch in der Wirtschaft ist das Thema angekommen – nicht zuletzt bei den Versicherern. Denn ihre Branche treffen die Folgen des Klimawandels so unmittelbar wie wenige andere. Das hat einen simplen Grund: So wie Forscher den Anstieg der Temperaturen in ihren Klimatabellen erkennen, können ihn die Versicherer in ihren Schadenstatistiken ablesen. Denn je stärker sich die Erde aufheizt, desto größer fallen die Zerstörungen durch Unwetterkatastrophen aus. Kein Wunder also, dass sich die Versicherer besonders für den Schutz des Klimas engagieren.

Wobei es ein Fehler wäre, die Schadenssummen eins zu eins in Relation zum Klimawandel zu setzen. Denn in den vergangenen Jahrzehnten ist der Wohlstand auf der Welt gewachsen. Wo früher bei einem Hochwasser vielleicht bloß ein Radio kaputtging, steht heute Heimelektronik im Wert von vielen Hundert, wenn nicht Tausenden Euro. Und noch etwas treibt die Summen in die Höhe: „Der Anteil der Klimaschäden, gegen die eine Versicherung abgeschlossen wurde, nimmt zu“, erklärt Ernst Rauch, Chef-Klima- und Geowissenschaftler der Munich Re. Bereinigt man die Schadenzahlen um diese Effekte, sei der Trend dennoch eindeutig: „Es wird trotz gelegentlicher Ausschläge nach unten teurer.“ Der vom Menschen verursachte Klimawandel habe „einen entscheidenden Einfluss auf Wettergeschehnisse und trägt zu steigenden Schäden bei“. 

Bis Mitte des Jahrhunderts könnten die Schäden um 50 Prozent zunehmen

Frankreichs staatlicher Rückversicherer Caisse Centrale de Réassurance (CCR) hat im vergangenen Jahr in einer umfassenden Studie die Auswirkungen des Klimawandels auf die Versicherungswirtschaft untersucht. Demnach muss sich die Branche bis zum Jahr 2050 auf bis zu 50 Prozent höhere Schäden einstellen. 35 Prozent gehen direkt auf den Klimawandel zurück, 15 Prozent auf die zunehmende Verstädterung: Wenn mehr Menschen auf engem Raum zusammenleben, fallen Schäden durch Extremwetterereignisse in diesen Gebieten höher aus.

Oliver Hauner, Leiter Sachversicherung des GDV, weist zudem auf ein Problem hin, das einer gewissen Tragik nicht entbehrt. Weil der Gesetzgeber im Kampf gegen den CO2-Ausstoß Immobilienbesitzer auffordert, Häuser und Wohnungen energetisch zu sanieren, steigt deren Anfälligkeit für Unwetter. Hagelkörner etwa durchschlagen die teuren Fassadendämmungen, deren Kunststoff-Dämmplatten anschließend als Sondermüll entsorgt werden müssen. Zudem macht die Schwere der Schäden an Immobilien immer häufiger einen Hotelaufenthalt der Bewohner während der Instandsetzung notwendig, was die Schadenssummen ebenfalls in die Höhe treibt.

 

Vor allem Starkregenereignisse haben die Assekuranz in den vergangenen Jahren in Atem gehalten. Münster 2014, Simbach und Braunsbach 2016, Goslar und Berlin 2017: Immer wieder kam es zu Unwettern mit extremen Niederschlägen und gewaltigen Zerstörungen. In einer gemeinsamen Studie mit dem Deutschen Wetterdienst (DWD) hat der GDV deshalb herauszufinden versucht, in welchen Regionen des Landes das Risiko für solche Katastrophen besonders hoch ist. Dazu hat der DWD den Niederschlag aus den Jahren 2001 bis 2018 ausgewertet und anschließend die Schadensstatistiken der Versicherungswirtschaft darübergelegt.

Kurz, aber heftig: Besonders folgenreiche Unwetter treten oft lokal begrenzt auf

Aus Sicht von Andreas Becker, Leiter des Referats für Niederschlagsüberwachung und des Weltzentrums für Niederschlagsklimatologie im DWD, liefert die Studie vor allem drei überraschende Ergebnisse. Erstens: Die größten Schäden verursachen nicht lange Unwetterperioden, in denen es mehr als neun Stunden lang regnet, sondern kurze, heftige Regenfälle, die lokal sehr begrenzt sind. Zweitens: Gerade diese Ereignisse können wie zufällig praktisch jeden Ort in Deutschland treffen, losgelöst von der Topografie. Und drittens: Besonders viele dieser Ereignisse gibt es in trockenen Phasen, wie zuletzt im Dürrejahr 2018.

Ist die Häufung solcher Regenunwetter in den jüngsten Jahren nun ein Beleg dafür, dass der Klimawandel Deutschland erreicht hat? Auf die Frage reagiert DWD-Experte Becker zurückhaltend: Der untersuchte Zeitraum von 18 Jahren sei zu kurz, um seriöse Aussagen über die Niederschlagsentwicklung zu treffen. Dazu müsse man 30 oder besser noch 50 Jahre auswerten. Fundiert seien dagegen bereits die Erkenntnisse der Klimaforschung zur Entwicklung der Temperaturen auf der Erde. Die Wahrscheinlichkeit für Hitzewellen in Europa etwa habe sich im Vergleich zur vorindustriellen Zeit mindestens verfünffacht.

Und das ist nicht die einzige alarmierende Erkenntnis der Wissenschaft, die inzwischen als gesichert gilt. Der Weltklimarat IPCC hat im vergangenen Jahr eine Studie darüber vorgelegt, wie sich eine um zwei Grad wärmere Welt von einer unterscheidet, in der die Temperaturen um 1,5 Grad steigen. Eine Zwei-Grad-Marke ist die Obergrenze, auf die sich die Weltgemeinschaft beim Klimagipfel 2015 in Paris verständigt hat. Dass in der Abschlusserklärung davon die Rede ist, den Anstieg „möglichst“ sogar auf 1,5 Grad zu begrenzen, ist dem Druck von südlichen Ländern zu verdanken, in denen der Klimawandel bereits deutlich spürbar ist.

Die Differenz von einem halben Grad klingt marginal, doch das ist sie nicht, wie die IPCC-Studie zeigt. Beispiel Hitzewellen: Bei einem Temperaturanstieg von 1,5 Grad ist damit zu rechnen, dass jedes zweite Jahr so heiß wird wie das bisherige globale Rekordjahr 2016. In einer zwei Grad wärmeren Welt wären es neun von zehn Jahren. Oder Dürreperioden im Mittelmeerraum: Deren Dauer nimmt mit der Erderhitzung zu – bei 1,5 Grad auf 2,6 bis 2,8 Monate im Jahr, bei zwei Grad auf bis zu 3,2 Monate. Aber nicht nur am Mittelmeer wird es trockener. Die Dürre von 2018 hat klar gemacht, dass auch Deutschland nicht verschont bleibt.

Deutschland ist weit entfernt, die Klimaziele zu erreichen – zum Verdruss der Industrie

Es gäbe weitere solcher Beispiele. Sie alle zeigen: Bei 1,5 Grad wären die Folgen hart, aber gerade noch beherrschbar. Bei zwei Grad womöglich nicht mehr. Umso irritierender nimmt sich ein Befund aus, den das Netzwerk „Climate Transparency“ kurz vor dem Klimagipfel in Madrid veröffentlicht hat. Demnach sind die 20 wirtschaftlich stärksten Staaten der Welt für 80 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich, doch keiner dieser Staaten tut genug, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Auch Deutschland nicht.

Überhaupt Deutschland. Wenn zu den Wesensmerkmalen einer guten Geschichte unvermutete Wendungen, Katastrophen und Cliffhanger zählen, dann hat die deutsche Energiepolitik das Zeug zum Bestseller. Anfang des Jahrtausends machte das Land mit dem beherzten Einstieg in die erneuerbaren Energien international Furore, der Begriff „Energiewende“ schaffte es sogar ins Englische. Doch von dem Elan ist wenig geblieben. „Wir sind international längst zu einem Nachzügler geworden. Andere Länder tun mehr für den Klimaschutz“, sagt die Ökonomin Claudia Kemfert, Energieexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. In den meisten Sektoren sind die Emissionen seit 1990 kaum gefallen, im Verkehr stiegen sie sogar. Lediglich im Energiesektor gab es nennenswerte Erfolge. Doch auch hier sind die Aussichten trübe. Während der Kohleausstieg noch in weiter Ferne liegt, ist der Ausbau der Windkraft praktisch zum Erliegen gekommen. Seine Klimaziele für 2020 hat Deutschland längst stillschweigend ad acta gelegt. Sehr zum Verdruss der Industrie. Selbst der BDI mahnt das ihm eigentlich nahestehende Bundeswirtschaftsministerium inzwischen zu mehr Ehrgeiz beim Klimaschutz.

Es scheint, als ob viele Unternehmen längst weiter wären als die Politik. Das produzierende Gewerbe trimmt seine Fabriken auf Effizienz, der Handel seine Lieferketten auf Grün. Und auch die Finanzwirtschaft legt Klimapläne auf. Zwar ist ihr direktes CO2-Einsparpotenzial begrenzt, weil in Banken und Versicherungen vergleichsweise geringe Emissionen anfallen. Doch sie verfügt über einen mächtigen Hebel: den Kapitalmarkt. „Wenn unsere Welt drei bis fünf Grad heißer wird, ist sie nicht mehr versicherbar“, erklärte Thomas Buberl, Vorstandschef der Axa-Versicherung, kürzlich im Deutschlandfunk. Es liegt also im Eigeninteresse der Assekuranz, wenn sie zum Vorreiter beim sogenannten Divestment wird, beim Umschichten von Kapital aus klimaschädlichen in klimafreundliche Anlageformen. „Wir wollen ein 1,5-Grad-kompatibles Investitionsportfolio haben“, erklärte denn auch Thomas Liesch, Nachhaltigkeitsexperte der Allianz, im selben Beitrag. Das rührt auch an der Versicherbarkeit von Klimarisiken – und an der Frage, ob sich Hausbesitzer künftig Versicherungen gegen Naturgefahren noch leisten können.

GDV-Experte Hauner macht sich auch deshalb für größere Anstrengungen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels stark. Er vergleicht die Situation mit der Lage der Feuerversicherung vor gut 150 Jahren. Damals sei man bei der Versicherbarkeit von Gebäuden an Grenzen gestoßen, weil die Häuser größer und die Wohnverhältnisse beengter wurden. In der Folge stiegen sowohl die Zahl der Brandopfer als auch die Schadenssummen im Fall eines Feuers dramatisch. Erst die Einführung wirksamer Brandschutzvorkehrungen im Baurecht habe die Situation entschärft.

Ähnliches würde er sich heute für die Klimafolgenanpassung wünschen. Kellerfenster und Lichtschächte ließen sich mit wenig Aufwand gegen Starkregen schützen, Schäden könnten so vermieden werden. Vor U-Bahn-Eingängen gebe es mancherorts kleine Schwellen, die verhinderten, dass Regenfluten ungehindert in die Bahnhöfe liefen. „Warum sind solche Maßnahmen nicht überall Standard? Es sind oft ganz simple Dinge, die einen großen Effekt haben“, sagt Hauner.

Ist die Speicherung von CO2 im Untergrund ein Instrument zum Klimaschutz?

Um das Thema Klimafolgenanpassung wird in den kommenden Jahren und Jahrzehnten niemand herumkommen. Denn selbst wenn es gelingen sollte, den Treibhausgasausstoß global drastisch zu senken, wird es an vielen Orten der Erde ungemütlicher werden, wie der Bericht des Weltklimarats IPCC gezeigt hat. Gänzlich stoppen lässt sich der Prozess nämlich nicht.

Vielleicht ist es deshalb nötig, noch einen dritten Weg neben der Klimaanpassung und der Treibhausgaseinsparung zu beschreiten: CCS, die Filterung und anschließende Speicherung von CO2 aus der Luft. In Pilotanlagen klappt das bereits, etwa in der Schweiz. Norwegen will CO2 im großen Stil in erschöpften Erdgasfeldern unter der Nordsee speichern. Doch noch ist die Technologie nicht marktreif und in Deutschland ist sie nach Protesten von Anwohnern praktisch verboten. Inzwischen mehren sich allerdings die Stimmen, das Verbot zu überdenken, um treibhausgasneutral werden zu können. „Das kann man nach meiner festen Überzeugung nur schaffen, wenn man bereit ist, Kohlendioxid zu speichern“, erklärte im Mai selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel.

 

Ein solcher Kurswechsel wäre vermutlich im Sinn von Greta Thunberg, die gesagt hat: „Wir retten die Welt nicht, wenn wir uns an die Spielregeln halten. Die Regeln müssen sich ändern.“

Text: Volker Kühn


Eine übersetzte Fassung dieses Textes finden Sie auf unserer englischen Website.

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