Positionen-Magazin
Sol­vency II

Alles bleibt anders

Zum Jahreswechsel greift das neue europäische Aufsichtsregime Solvency II. Das sorgt für viel Bürokratie, neue Strukturen und zwingt die Versicherer, verstärkt darüber nachzudenken, was sie tun – und was sie künftig besser lassen.

Wie das Wetter in 35 Jahren wird, weiß niemand. Trotzdem versuchen sich Klimaforscher daran, entscheidende Trends schon heute zu erkennen. „Was ich hier mache, ähnelt einer langfristigen Wettervorhersage“, sagt Nils Dennstedt, wobei er häufig sogar 80 Jahre in die Zukunft rechnet. Für besonders verlässlich hält der Leiter der versicherungsmathematischen Abteilung der Provinzial NordWest Lebensversicherung seine Prognosen nicht, wohl aber für unverzichtbar: Solvency II will es so.

Nonstop rechnen die Computer

Solvency II heißt die europaweit größte Reform des Versicherungsaufsichtsrechts. Künftig muss jedes Unternehmen einschätzen, ob es finanziell ausreichend ausgestattet ist, um die Ansprüche seiner Kunden zu bedienen. Dabei hat jeder Versicherer allgemeine, branchen- und unternehmensspezifische Risiken zu betrachten.

Für Lebensversicherer wie die Provinzial NordWest heißt das: Sie müssen auf Basis demografischer Annahmen regelmäßig vorrechnen, dass ihr Haus selbst extreme Ereignisse verkraften könnte, die statistisch nur alle 200 Jahre auftreten. „Die Zahlen zu liefern, die die Aufsicht künftig interessieren, ist zunächst einmal eine immense Rechenarbeit“, sagt Dennstedt. 24 Stunden liefen seine Computer nonstop, um einmal vollständig durchzurechnen, ob das Haus die neuen Solvenzkapitalanforderungen nach Maßgabe aller möglichen Modellannahmen erfüllt. Dank neuer Computer geht das jetzt zwar schneller, doch fertig ist Mathematiker Dennstedt mit den Berechnungen trotzdem so gut wie nie: „Sobald unvorhergesehene Ereignisse dazu kommen, wie derzeit die Diskussion um manipulierte Abgaswerte und deren Effekt auf die Kapitalmärkte, setzt man wieder neu an.“

Dabei ist Solvency II mehr als Technik und Formeln und Bürokratie. Wenn ab 1. Januar 2016 nach mehr als acht Jahren eines zwischendurch quälend langsamen Gesetzgebungsprozesses endlich ein einheitliches europäisches Aufsichtsregime für die Branche gilt, beginnt tatsächlich eine neue Ära: für Produktentwickler, für Kapitalanlagestrategen sowie für alle, die sich zu kümmern haben um die Regeln und Praxis guter Unternehmensführung, oder neudeutsch: Governance und Compliance.

Solvency II wird die Praxis, Organisation und Kultur vieler Unternehmen substanziell verändern, vermutet Götz Treber, Leiter der Abteilung Risikomanagement beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Solvency II schafft vor allem Transparenz über viele Zusammenhänge, die bisher nicht so offensichtlich waren“, sagt Treber. „Doch was die einzelnen Versicherer daraus machen, bleibt letztlich weiter ihre unternehmerische Entscheidung.“ Wobei sich zeigt: Sobald es weniger um das Was geht als um das Wie, sprießen aus einem juristisch- technischen Regelwerk auf einmal höchst menschliche Fragestellungen.

Die Testphase läuft ab

Auf die etwa Monika Köstlin passende Antworten sucht. Die Vorstandsvorsitzende des Kieler Rückversicherungsvereins muss nun eine Fülle von Meldungen an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) übermitteln, die dem eigenen Geschäft nicht unmittelbar dienen. Die menschliche hinter dieser technischen Herausforderung: Köstlins Leiterin des Rechnungswesens muss nun alle drei Monate zusätzlich eine neu angeschaffte Software mit den Ergebnissen von Schadenabwicklungsdreiecken und anderen Modellberechnungen füttern. „So eine BaFin-Meldung ist nicht an einem Vormittag ausgefüllt“, sagt Köstlin: „Wir können aber auch niemanden nur für die Bedienung der Technik beschäftigen.“ Also versucht sie, sich irgendwie mit Bordmitteln durch das Meldewesen zu kämpfen. Einerseits fühlt Köstlin sich vorbereitet auf den Stichtag 1. Januar, hat die Kieler Rück doch an verschiedenen Testläufen der BaFin teilgenommen. Andererseits hat sie bisher kaum Rückmeldungen bekommen. Köstlin hat den Eindruck, als würden alle Beteiligten derzeit abwarten: Niemand will einen Fehler begehen, niemand sich zu weit aus dem Fenster lehnen. „Wer weiß, vielleicht wäre es besser, von Januar bis Mai eine Urlaubssperre zu verhängen“, scherzt Köstlin.

Es liegt eine gewisse Bitterkeit in diesem Humor. Köstlin kennt aus ihrer zweiten Tätigkeit als geschäftsführender Vorstand des Verbands der Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit die Nöte von bundesweit rund 160 Klein- und Kleinstversicherern. Die sollen eigentlich vom Solvency-II- Regelwerk schonender behandelt werden, „doch wurde bisher versäumt, diesen Grundsatz durch konkretere Ausgestaltungen ausreichend mit Leben zu füllen.“

Kleinere Unternehmen wie die Kieler Rück fühlen sich nicht nur bei manchen Berechnungsfragen – der „Säule I“ des neuen Regimes – allein gelassen. Noch größere Unsicherheit herrscht bei ihnen über das, was die Aufsicht unter „Säule II“ vorschreibt: nämlich einen Nachweis darüber, dass das Führungspersonal in der Lage ist, mögliche Risiken zu kontrollieren.

Dabei gerät die Kieler Rück schnell an Grenzen. Köstlin muss vier Schlüsselfunktionen besetzen, die unabhängig voneinander operieren sollen. Sie braucht also getrenntes verantwortliches Personal für Risikomanagement, für Compliance, für Versicherungsmathematik und für die interne Revision. Ihr Problem: Bei der Kieler Rück arbeiten bloß acht Leute. Zwei hauptberuflich und aufgrund der schlanken Struktur entsprechend umfangreich operativ tätige Vorstände, ein ehrenamtlicher Vorstand und fünf weitere Angestellte, von denen zwei überdies nur in Teilzeit beschäftigt sind. „Doppelte Kontrollinstanzen sind für uns nur schwer darstellbar“, sagt Köstlin.

Woher die Kontrolleure nehmen?

Ihr Plan sieht nun so aus: Die Versicherungsmathematik leitet sie selbst, Risikomanagement und Compliance werden bei einem Mitarbeiter gekoppelt und die interne Revision wird ausgelagert – wobei der Ehrenamtler als Ausgliederungsbeauftragter fungiert. „Wir gehen davon aus, dass diese Ausgestaltung auch bei der Aufsicht auf Akzeptanz stoßen wird“, sagt Monika Köstlin zuversichtlich. Immerhin hat sie inzwischen derart viele Protokolldokumentationen und Unternehmensleitlinien bei der Kieler Rück schriftlich fixiert, dass sie hofft, so den Solvency-II- Ansprüchen zu genügen.

Dann gibt es noch die „Säule III“, das umfassende Meldewesen. „Für die Jahres- und Quartalsberichte sind jeweils Hunderte von Feldern auszufüllen“, sagt Sabine Pelzer, Leiterin des Risikomanagements bei der Deutschen Versicherungs- und Rückversicherungs-AG (Darag). Die Darag hat sich auf den Run-off von Schaden- und Unfallversicherern spezialisiert, übernimmt also deren inaktives Geschäft in die eigene Bilanz.

Auch für die Darag mit ihren immerhin 34 Mitarbeitern ist es schwierig, all die Ämter als separate Einheiten zu schaffen, die sich die Aufsicht zur internen Kontrolle wünscht. Versicherungsmathematik und Risikomanagement etwa sind im Alltag eng miteinander verzahnt. Die Aufsicht interessiert sich auch dafür, wer diese Aufgaben künftig wahrnimmt. Die Darag muss daher die Qualifikation ihres Führungspersonals nachweisen und melden, Lebenslauf und Führungszeugnis inklusive.

Als Spezialversicherer findet sich die Darag zudem nicht in allen vormodellierten Standardansätzen wieder. Solvency II sieht in solchen Fällen eine entsprechende Würdigung des jeweiligen Risikoprofils im ORSA (Own Risk and Solvency Assessment) vor, was Pelzer durchaus begrüßt. Zugleich merkt sie an, dass es teilweise aufwendig sei zu erklären, wo die Standardformel passt und wo nicht. So sinnvoll der Einsatz mathematischer Modelle auch ist, die Darag setzt bewusst auf den Einsatz von Experten und deren Einschätzungen.

Dabei erweist sich Solvency II, wenngleich von Juristen verfasst, grundsätzlich als geschmeidig. Die Versicherer sollen sich an die Prinzipien halten und sich nicht sklavisch an Paragrafen entlanghangeln. Das ist eine in ihrem Pragmatismus völlig neue Herangehensweise – gerade für das deutsche Aufsichtsrecht.

Jetzt ist Pragmatismus gefragt

Daher passiere inhaltlich weit weniger als formal, sagt Immo Querner, Finanzvorstand des drittgrößten deutschen Versicherungskonzerns Talanx. „In meinen Augen werden die faktischen Auswirkungen von Solvency II auf die Kapitalanlage von Versicherern vielfach überschätzt“, sagt Querner. Was die Aufsicht fordere, müsste die Branche sowieso aus eigenem unternehmerischen Interesse auch ohne Regulierung umsetzen.

Solvency II zwingt die Branche, erstmals Risiken mit der entsprechenden Kapitalausstattung zu verknüpfen. Sinkt also beispielsweise das Anlagevermögen durch sinkende Aktienkurse oder Kreditausfälle, ohne dass sich die Verbindlichkeiten entsprechend reduzieren, hat der Versicherer ein Problem, weil sein Eigenkapital zunehmend angeknabbert wird. „Das sind asymmetrische Risiken, die Solvency II dem Grunde nach völlig richtig artikuliert“, sagt Querner, „gerade da Versicherungen aufgrund der Deckungszusagen an ihre Kunden per se über einen hohen Verschuldungsgrad operieren.“

Das ist keine neue Erkenntnis. Versicherer hätten vielmehr auch schon früher gut daran getan, sagt Querner, derartige Risiken zu beachten. Jeder Versicherer könne im Rahmen der Solvency-II-Vorgaben auch weiterhin so handeln wie er wolle. Die Unternehmen müssten nur die Risikokosten tragen und entsprechend viel Kapital dafür vorhalten.

„Allerdings haben Versicherer mit ihren langfristigen Verbindlichkeiten auch klare Vorteile“, erklärt Querner. Wer wie Talanx das Kapital in Immobilien anlegt, in Private-Equity-Fonds oder in Infrastrukturprojekte wie Stromnetze oder Windparks, der muss sich darauf einstellen, viele Jahre in den Investitionen festzuhängen, also nur schwerlich ohne Verluste an sein Geld zu kommen. Kein Problem, sagt Querner, „wir wissen ziemlich genau, wann wir das Geld wieder brauchen.“

Begrenzte Risiken

Diversifikation ist ein weiteres Instrument, um Risiken zu begrenzen, ganz im Einklang mit Solvency II. Talanx hat in den vergangenen Jahren die Zahl seiner Vertragspartner für Kreditgeschäfte auf mehr als 800 vervierfacht. Das reduziere die Ausfallwahrscheinlichkeit deutlich, sagt Finanzvorstand Querner. Ergebnis: „Vieles von dem, was wir heute in der Anlagestrategie aus Eigeninteresse bereits umsetzen, entspricht auch dem, was Solvency II fordert.“

Wenn es bloß überall so einfach wäre.

Text: Olaf Wittrock

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