Reden wir über Sicher­heit mit BER-Chef Engel­bert Lütke Dal­drup

„Nach mensch­li­chem Ermes­sen dürfte nichts mehr schief­ge­hen“

Berlins Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup über die finalen Sicherheitschecks vor der Eröffnung des BER, das Gefühl, in Corona-Zeiten in die Luft zu gehen, und die drei größten Risiken an einem Airport

Nach dem Gesetz der Serie wäre sein Scheitern nur eine Frage der Zeit gewesen: Als Engelbert Lütke Daldrup im März 2017 als Chef des Flughafens Berlin Brandenburg (BER) antrat, hatten nicht weniger als sechs Vorgänger hingeworfen oder waren von den Gesellschaftern geschasst worden. Der ursprünglich geplante Eröffnungstermin lag bereits ein ganzes Jahrzehnt zurück und eine nicht enden wollende Reihe von Pannen hatte den Airport über Deutschland hinaus zum Gespött gemacht. Doch Lütke Daldrup brachte das Projekt auf Kurs. Selbst der Ausbruch der Corona-Pandemie auf den letzten Metern konnte ihn nicht stoppen. Im Interview gibt sich der 63-Jährige dennoch nicht triumphal, sondern nüchtern-sachlich.

Siebenmal wurde die Eröffnung des BER verschoben. Klappt es diesmal wirklich?
Engelbert Lütke Daldrup:
Nach menschlichem Ermessen dürfte nichts mehr schiefgehen. Das Gebäude ist seit April von den Behörden freigegeben, seit Mai sind wir mit allen Prozesspartnern im Testprogramm, an dem bis Mitte Oktober insgesamt 9000 Komparsen beteiligt sind. So finden wir die kleinen Fehler und üben die Prozesse immer wieder ein. Ende August gab es die bisher größte Übung: Mit der Deutschen Bahn haben wir erfolgreich die Evakuierung des Terminal 1 und des Bahnhofs darunter geprobt, mit 800 Komparsen. 

Im August hat der BER den bisher größten Sicherheitscheck abgeschlossen, das sogenannte Cleaning. Wie lief es?
ELD:
Sehr gut. Wir sind der Eröffnung einen weiteren wichtigen und notwendigen Schritt näher gekommen. Jetzt haben wir einen Luftsicherheitsbereich wie alle anderen Verkehrsflughäfen in Deutschland auch. Beim Cleaning waren mehr als 200 Beschäftigte unserer Flughafensicherheit mit den Kolleginnen und Kollegen von Bundespolizei und Brandenburger Landespolizei im Einsatz, etwa um mit Sprengstoffdetektoren und Spürhunden 970 Hektar Außenflächen und 280.000 Quadratmeter Terminalfläche nach gefährlichen und verbotenen Gegenständen zu durchsuchen. In dieser Form, Größe und Intensität hat es das bislang noch an keinem deutschen Flughafen gegeben. 


Und? Sind sie fündig geworden?
ELD:
Es wurden einige von Handwerkern vergessene Werkzeuge sichergestellt, wie Cuttermesser, Schraubenzieher und Sägen, aber kein Sprengstoff, keine Munition, keine Drogen.  

Was sind aus Ihrer Sicht die drei größten Risiken an einem Flughafen?
ELD: Ein Flugzeugabsturz, ein Terroranschlag, ein Brand. Aktuell auch Covid-19, weil uns die Corona-Krise schwer trifft, wir hart sparen müssen und über Jahre auf die Hilfe unserer Gesellschafter angewiesen sein werden.  

Der Brandschutz war eines der größten Probleme beim Bau des BER. Wie haben Sie es gelöst?
ELD: Wir haben jetzt eine sehr effiziente Brandschutzanlage mit 30.000 Brandmeldern und 80.000 Sprinklerköpfen. Hinzu kommen ein elektroakustisches Warnsystem und gut geschulte Räumungshelfer, die dafür sorgen, dass Passagiere bei Feuer das Gebäude schnell verlassen können. Wegen der Brandschutzprobleme war der BER vier Jahre ununterbrochen im Visier der Behörden, jetzt sind wir der wohl bestgeprüfte Flughafen weltweit. 

Aufgrund der Corona-Pandemie stand der Flugverkehr lange still. Wann sind Sie das letzte Mal geflogen?
ELD:
Vor wenigen Wochen.  

Wie fühlte es sich an, dicht an dicht im Flieger zu sitzen? Eigentlich heißt die Devise doch: Abstand halten.
ELD
: Ich habe mich sicher gefühlt. Die Maschine war zu 100 Prozent ausgelastet. Jeder trug eine Maske, das hat die Crew streng kontrolliert. Die Passagiere stiegen Reihe für Reihe ein und auch wieder aus. Das Gepäck holten wir nacheinander aus den Fächern, so gab es kein Gedränge. Die Prozesse dauerten zwar etwas länger, aber nur durch umfassende Hygienemaßnahmen können sich Passagiere sicherer fühlen. Und nur so gewinnen wir das Vertrauen der Fluggäste zurück.

 
Für die Luftfahrt sind Schnelligkeit und Sicherheit gleichermaßen wichtig. Geht das überhaupt?
ELD:
Es gibt heute hochmoderne Technik, die Sicherheitskontrollen erheblich beschleunigt. So können Passagiere an einer einzelnen Kontrollspur ihr Handgepäck nebeneinander und nicht mehr nacheinander auflegen, sodass niemand mehr warten muss. So verdoppeln wir die Kapazitäten. Auch die Leistungsfähigkeit der neuen Röntgengeräte ist gestiegen. Sie machen etwa Flüssigkeiten sichtbar, ohne dass der Gast seine Tasche ausräumen muss. 

Auch Ihr Job birgt viele Risiken. Jüngst gab es eine Anzeige gegen Sie wegen des Verdachts der Bilanzfälschung. Wie sind Sie als Geschäftsführer versichert?
ELD: Die Staatsanwaltschaft Cottbus kam zu dem Schluss, dass kein Anfangsverdacht vorliegt. Es kam somit zu keinen Ermittlungen. Generell sind die Flughafengesellschaft und die Geschäftsführung  wie allgemein üblich gegen diverse Risiken versichert, unter anderem über eine D&O-Versicherung. 

Worauf achten Sie als Erstes, wenn Sie einen fremden Flughafen betreten?
ELD: Das Wichtigste sind die Fluchtwege. Als Profi schaue ich auch an die Decke und sehe sofort, ob es Brandmelder, Sprinkler, Belüftungs- und Entrauchungsklappen gibt. Davon mache ich aber nicht abhängig, ob ich fliege. Ich bin kein ängstlicher Mensch.

Interview: Eli Hamacher

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