Positionen-Magazin
Reden wir über Sicher­heit mit dem Chef des Ber­li­ner Weih­nachts­markts am Breit­scheid­platz

„Die Pan­de­mie kann uns noch einen Strich durch die Rech­nung machen“

Vor vier Jahren erschütterte ein Terroranschlag den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz, jetzt kommt auch noch Corona hinzu. Der Nürnberger Christkindlesmarkt wurde deshalb bereits abgesagt. Der Berliner Marktchef Michael Roden über sein Sicherheitskonzept – und Adventsstimmung hinter Schutzmasken.

In diesem Jahr kommt es für Michael Roden doppelt dicke: Statt vor allem über den optimalen Mix aus Kulinarik, Kunsthandwerk und Karussells nachzudenken, beschäftigen den Betreiber des Weihnachtsmarktes an der Berliner Gedächtniskirche nun auch  Händlerabsagen und Hygienekonzepte. Seit dem Terroranschlag am 19. Dezember 2016, bei dem zwölf Menschen starben, gilt ohnehin schon Sicherheitsstufe 1. Und nun wurde auch noch der Nürnberger Christkindlesmarkt wegen Corona abgesagt. Kann da überhaupt Weihnachtsstimmung aufkommen?

Herr Roden, Sie wollen den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz eröffnen.Wird es klappen?
Michael Roden
: Die Pandemie kann uns immer noch einen Strich durch die Rechnung machen. Seit Mitte Mai arbeiten wir aber schon mit Bezirk und Senat an verschiedenen Konzepten, wie der Markt stattfinden könnte. Jetzt stecken wir mitten in den finalen Vorbereitungen.

Wie sieht das Konzept aus?
MR: Den geordneten Zugang zu den Buden regeln wir über abgetrennte Spuren, um den Mindestabstand einhalten zu können. Plexiglasscheiben schützen Verkäufer und Kunden. Wir stellen überall Ständer mit Desinfektionsmitteln auf. Und die Besucher müssen laut jüngstem Senatsbeschluss auch im Freien eine Maske tragen. Bei Bedarf verteilen wir den Mundschutz kostenlos. In Restaurants und sonstigen geschlossenen Räumen müssen sich die Gäste in eine Liste eintragen.

Im Gespräch war auch eine „Einzäunung“ des Weihnachtsmarktes, um an speziellen Zugängen die Zahl der Besucher kontrollieren zu können.
MR:
Das ist aktuell nicht geplant.

Weihnachtsstimmung wird bei den Händlern wohl kaum aufkommen.
MR:
Deren Angst ist natürlich groß, vor allem wegen des finanziellen Risikos. Gewöhnlich haben wir auf rund 5000 Quadratmetern Platz für 250 Buden. In diesem Jahr sind es nur 125. Ende September haben wir mit der Vermietung begonnen. Der Rücklauf der Verträge schwächelt. Ich schätze, dass wir nur rund 80 der 125 Buden vermieten. Vor allem Händler, die spezielle Weihnachtsartikel anbieten und diese schon im Frühjahr nach Ausbruch der Pandemie hätten ordern müssen, kommen nicht. 

Was passiert, wenn jemand einen Mietvertrag unterschrieben hat und der Senat die Weihnachtsmärkte doch noch absagt?
MR:
Dann muss er die Kosten tragen, es sei denn er hat eine Versicherung, die den Schaden übernimmt.

Wie ist Ihr Unternehmen versichert?
MR:
Wir haben natürlich eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen, eine Betriebsunterbrechungsversicherung haben wir aber nicht.

Sie sind Inhaber eines Schaustellerbetriebes in fünfter Generation. Wie lief das Geschäftsjahr bislang?
MR:
Wir haben schon viel erlebt: Dauerregen, Sturm. Aber die Pandemie ist einzigartig. Dass man plötzlich mit Arbeitsverbot zu Hause sitzt, war unvorstellbar. Gewöhnlich haben wir 60 bis 80 Veranstaltungen pro Jahr, darunter Volksfeste, aber auch Catering für Feiern. 2020 sind es drei.

Sie müssen Ihre Besucher nicht nur vor Covid-19 schützen. Seit dem Terroranschlag von 2016 mit zwölf Toten müssen Sie ein besonderes Sicherheitskonzept vorweisen.
MR:
Das Konzept für den Schutz des Breitscheidplatzes ist seit zwei Jahren unverändert. Mit Sandsäcken gefüllte Stahlgitterkörbe und so genannte TruckBlocs, mobile Zufahrtsbarrieren mit 1,60 Meter hohen Pollern, sollen verhindern, dass noch einmal ein Lkw in die Menschenmenge rasen kann. Das Geld für den Zufahrtsschutz kam aus dem Landeshaushalt. Andere Städte haben dieses Sicherheitskonzept inzwischen übernommen.

Wo waren Sie, als das Unglück passierte?
MR:
Wir hatten Fotos vom Weihnachtsmarkt aus der Präsidentensuite des benachbarten Waldorf Astoria gemacht und waren gerade in unser Restaurant, die Hirschstube, zurückgekehrt. Da knallte es. Wir haben dann sofort geholfen, Erste Hilfe geleistet, Kollegen versorgt, Tote abgedeckt, Angehörige der Opfer betreut, aufgeräumt – drei Tage lang. Der Weihnachtsmarkt blieb für zwei Tage geschlossen. Zu einigen Angehörigen habe ich immer noch Kontakt. 

Was ist Ihre nachhaltigste Erinnerung an diesen Tag?
MR:
Für mich ist es unfassbar, dass so etwas überhaupt möglich war. Es war ja schon alles sehr gut abgeschirmt und doch hat der Attentäter eine Lücke gefunden. Ich bin aber zum Glück kein Mensch, den die Bilder im Schlaf verfolgen. 

Wie schätzen Sie das Risiko eines erneuten Terroranschlags ein?
MR
: Hier wird es bestimmt keinen Anschlag mehr geben. Aber ein Attentäter kann sich ja jeden anderen, schlechter geschützten Ort aussuchen. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht.

Wie haben die Besucher in den Jahren nach dem Anschlag reagiert?
MR:
Wir hatten immer um die 1,5 Millionen Besucher, sie kamen aus der ganzen Welt, nach dem Anschlag waren es eher noch mehr.

Haben die Leute denn gar keine Angst?
MR:
Der Mensch ist neugierig. Er will wissen, wo was passiert ist. Es werden Fotos gemacht. Seit 2017 gibt es ein Mahnmal für die zwölf Opfer des Anschlags, einen 14 Meter langen „Goldenen Riss“, der den Betonboden durchzieht. In die Stufen wurden die Namen und Herkunftsländer der Toten eingraviert. Viele nutzen den Besuch auch, um zu gedenken. Und letztlich will man es sich auch nicht nehmen lassen, zu leben.

Kann bei so vielen Schutzmaßnahmen gegen Terror und Corona überhaupt Weihnachtsstimmung aufkommen?
MR:
Die Motive, aus denen die Menschen zu uns kommen, sind seit Jahren unverändert: Sie wollen die Atmosphäre schnuppern, lieben die Düfte, die Dekoration und möchten einfach nur gemeinsam entspannen bei Glühwein, Eierpunsch, Crêpes und Pilzpfanne. Der Zauber bleibt. Wenn das nicht so wäre, würde ich das nicht mehr machen.

Interview: Eli Hamacher

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