Positionen-Magazin
Inter­view mit Deutsch­land-Chef von Assa Abloy

„Abso­lute Sicher­heit gibt es nicht“

Nach dem Einbruch zahlt die Versicherung. Aber so weit muss es nicht kommen, und dafür sorgt Assa Abloy mit Sicherheitsschlössern und Zutrittskontrollen. Deutschland-Chef Stefan Fischbach über Schutz, Panzerknacker und übertriebenes Sicherheitsdenken. 

Ikon oder Yale, diese Marken haben Klang. Weniger bekannt ist das Unternehmen dahinter, der schwedische Konzern Assa Abloy. Das Deutschlandgeschäft wird vom schwäbischen Albstadt aus geführt, und zwar sehr dezent. Denn den Sitz eines Herstellers für Sicherheitstechnik stellt man sich irgendwie anders vor. Lichtschranken oder Fingerabdruckscanner sucht der Besucher vergebens, wenn er durch die Empfangshalle schreitet und sich in das Büro des Deutschland-Chefs begibt. Und auch Stefan Fischbach selbst ist überhaupt kein verschlossener Typ.

Herr Fischbach, Ihr Eigenheim sieht bestimmt aus wie eine Festung, oder?
Stefan Fischbach: Unsinn! Wer will denn in einer Festung leben? Ich habe einige gute Produkte von uns verbaut. Aber darüber sollte man am besten gar nicht reden. Sicherheit ist ein sensibles Thema.

Gilt das auch für Ihre Kunden?
SF: Ja. Zu unseren Kunden zählen viele große Unternehmen, für die Sicherheit wichtig ist, zum Beispiel Wasserwerke oder Stromversorger. Die wollen nicht, dass jeder bei ihnen ein- und ausgehen kann. Ebenso wenig möchten sie, dass jeder weiß, wie sie sich absichern. Diskretion ist wichtig bei uns.

Dürfen Sie uns denn verraten, wie Sie die Sicherheit Ihrer Produkte testen?
SF: Das passiert in mehreren Stufen. In Berlin zum Beispiel arbeiten drei Leute von uns, wir nennen sie „die Panzerknacker“. Sie sitzen in einem Raum zwischen Schraubstöcken und Bohrmaschinen und suchen die Schwachstellen in jedem Produkt, das neu auf den Markt kommen soll.

Wo lernt man Schlösser knacken?
SF: Ganz unterschiedlich. Es gibt zum Beispiel Vereine, die Wettbewerbe im Schlösserknacken veranstalten.

Ein ungewöhnliches Hobby …
SF: Stimmt. Und einige dieser Sportler haben ihr ausgefallenes Hobby zum Beruf gemacht. Von ihnen können wir viel lernen. Das ist wichtig, denn unsere Kunden verlangen größtmögliche Sicherheit – und kontrollieren das auch. Vor Kurzem haben wir einen Auftrag bekommen von einer sehr bekannten deutschen Firma, die ihre gesamte Infrastruktur neu ausrichtet. Deren IT-Sicherheitsabteilung prüft jeden einzelnen unserer Arbeitsschritte. In modernen Zutrittskontrollsystemen steckt ja jede Menge Elektronik.

Mit der Sie sich ja auskennen müssen. Daher nachgefragt: Revolutioniert die Elektronik Ihre Branche?
SF: Die Elektronik wird auf jeden Fall wichtiger. Es gibt Hotels, die senden ihren Gästen nach der Buchung einen Code aufs Handy, mit dem sie ins Zimmer kommen können. Einchecken entfällt. Oder nehmen Sie unsere multifunktionale Türverriegelung für Mehrfamilienhäuser. Da ist nachts oft die Haustür verriegelt. Kommen spät Gäste, mussten die Bewohner bislang mit dem Schlüssel runterlaufen und aufmachen. Jetzt können sie von oben per Knopfdruck entriegeln und wieder schließen.

Wie wirkt sich der Elektroniktrend auf Ihre Entwicklungskosten aus?
SF: Assa Abloy gibt fast drei Prozent des Umsatzes von jährlich 6,5 Milliarden Euro für neue Produkte aus. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind es sogar fast sechs Prozent. Die Entwicklung einer elektromechanischen Schließanlage kostet vier bis fünf Millionen Euro. Wir machen fast ein Drittel unseres Umsatzes mit Produkten, die nicht älter als drei Jahre sind. Zum Glück ist unser Konzern finanziell stark genug. Kleine Mittelständler haben es schwer, da mitzuhalten.

Garantieren moderne Lösungen endlich absolute Sicherheit gegen Einbrecher?
SF: Nein. Absolute Sicherheit gibt es nicht, trotz aller Elektronik. Die regelt ja nur den Zutrittsprozess. Den entscheidenden Schutz bietet nach wie vor ein Schloss aus Metall. Das wird auch in Zukunft so bleiben – in Unternehmen und in Wohngebäuden.

Dann haben auch Sie privat eine Hausratversicherung?
SF: Ja, natürlich. Zwar können Sie mit hochwertigen Schlössern und Zutrittskontrollen den Aufwand für Einbrecher erhöhen, aber mit der entsprechenden Zeit und den notwendigen Mitteln kommen sie überall rein. Deshalb halte ich nichts von übertriebenem Sicherheitsdenken. Für private Eingangstüren empfehle ich ein hochwertiges, geprüftes Schloss mit gutem Zylinder.

Ein einziges Schloss soll reichen?
SF: Wenn es von uns kommt schon. Einige unserer Schlösser werden sogar in bombensicheren Türen verbaut. Die gibt es etwa in Botschaften oder Kernkraftwerken. Einmal haben wir zu Testzwecken so eine bombensichere Tür sprengen lassen. Ergebnis: Die Tür war weg und unser Schloss funktionierte immer noch.

Im Ernstfall wäre der Weg also trotz Ihres guten Schlosses frei gewesen?
SF: Wie gesagt: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Das muss man akzeptieren. Wir haben bei uns einen Slogan: „Unlock your life – öffne Dein Leben.“

Für einen Schlosshersteller ein erstaunlicher Spruch.
SF:
Was nützen fünf Schlösser an der Eingangstür, die Sie alle aufschließen müssen, um reinzukommen? Wo bleibt da die Lebensqualität? Wir sagen: Nur wer sich wohlfühlt, fühlt sich auch sicher. Deshalb wollen wir keine Geschäfte mit der Angst machen. In unserer Werbung werden Sie keine Männer mit Sturmmaske finden. Das ist nicht unser Stil – vielleicht auch, weil wir ein schwedischer Konzern sind. Da ist man zurückhaltender.

Wenn jemand von Ihnen wissen will, wie er sein Haus vernünftig vor Einbrechern schützen kann, was raten Sie ihm?
SF: Wichtig ist, dass die Fenster gesichert sind – etwa durch einen Pilzkopfbeschlag, damit man sie nicht aufhebeln kann. Dazu ein abschließbarer Fenstergriff.

Die mit den kleinen Schlüsseln, die man immer verliert?
SF: Manche Leute lassen diese Schlüssel sogar im Fenstergriff stecken. Dann reicht ein kleines Loch im Rahmen, um das Schloss zu öffnen. Deshalb haben wir jetzt auch Lösungen mit Code-Tastatur fürs Fenster im Angebot. Da müssen Sie sich nur die Zahlenkombination merken. An der Eingangstür brauchen Sie dazu noch einen vernünftigen Schließzylinder mit Mehrpunktverriegelung.

Was kostet das?
SF: Für 1500 bis 2000 Euro können Sie eine Menge machen. Wenn wertvolle Gemälde an der Wand hängen, sollten Sie ein bisschen mehr tun.

Glauben Sie, die Menschen haben heute mehr Angst als früher – vor Einbrechern, Terroristen, Gewalttätern?
SF: Wer mehr besitzt, fürchtet eher, etwas zu verlieren. Mit dem steigenden Wohlstand wächst auch die Angst. Das merken wir in unserem weltweiten Geschäft, aber auch in ganz anderen Bereichen der Gesellschaft. Zum Beispiel an den Eltern, die ihre Kinder jeden Tag zur Schule fahren, damit ihnen bloß nichts passiert. Ich habe als Junge am ersten Schultag den Weg gezeigt bekommen, und dann bin ich allein los.

Ist die wachsende Angst vor Wohnungseinbrüchen nicht berechtigt?
SF: Doch. Die Gesamtzahl der Einbrüche hat sich in Deutschland in den vergangenen 30 Jahren verdoppelt. Doch viele Menschen gehen von falschen Voraussetzungen aus. Sie denken zum Beispiel, dass nur nachts Gefahr besteht. Doch 40 Prozent der Wohnungseinbrüche finden tagsüber statt. Erfreulich ist, dass ein immer größerer Teil der Einbrüche misslingt. Scheiterten 2003 noch 30 Prozent der Einbrüche, waren es 2014 schon 40 Prozent. Nach Aussage der Polizei liegt das an der verbesserten Sicherheitstechnik.

Interview: Heimo Fischer
Bild: Jörg Eberl/Action Press

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