Positionen-Magazin
Reden wir über Sicher­heit mit Brand­meis­ter Ste­fan Geier

„500 Meter breite Feu­er­wand"

Vor einem Jahr loderte bei Lübtheen der größte Waldbrand aller Zeiten in Mecklenburg-Vorpommern. Seither hat sich viel getan, sagt Stefan Geier, der damalige Einsatzleiter.

Es war ein Feuer der Superlative: Auf einer Fläche von mehr als 1300 Fußballfeldern brannte vor einem Jahr der Wald bei Lübtheen in Westmecklenburg, tagelang kämpften bis zu 3000 Einsatzkräfte gegen die Flammen. Dass auf dem Gelände tonnenweise Munition aus dem Zweiten Weltkrieg schlummert, machte die Löscharbeiten zu einem gefährlichen Unterfangen, die Bundeswehr setzte Löschhubschrauber und Räumpanzer ein. Viel sei seither passiert, um die Siedlungen rund um den Wald besser zu schützen, sagt der damalige Einsatzleiter der Feuerwehr, Stefan Geier, im normalen Leben Tischlermeister in Ludwigslust. Doch von dem Gelände werde auch in Zukunft weiter Gefahr ausgehen.

Herr Geier, vor einem Jahr brannte dieser Wald auf einer Fläche von fast 1000 Hektar, es war der größte Löscheinsatz Ihres Lebens. Wie fühlt es sich an, jetzt wieder hier zu stehen?
Stefan Geier: Es ist schon heftig, das alles so zu sehen. Weite Teile des Waldes sind tot, völlig verkohlt, beim nächsten Sturm kippen die Bäume um. Im Grunde müsste man hier großflächig roden und neu aufforsten, aber das geht nicht.

Warum nicht?
SG: In der Nazizeit standen hier die Munitionsfabriken der Kriegsmarine. 1945 haben die Briten die Bunker gesprengt, dabei aber nur etwa die Hälfte des Arsenals vernichtet. Der Rest liegt seither kilometerweit verstreut in der Landschaft. Den Wald zu betreten ist lebensgefährlich. Deshalb konnten wir uns dem Brand an vielen Stellen nur bis auf 1000 Meter nähern, was die Löscharbeiten sehr erschwert hat. Ich habe noch nie ein Feuer in so vielen verschiedenen Farben gesehen wie hier. 


Ließen sich diese tödlichen Altlasten nicht entschärfen?
SG: Alle Kampfmittelräumer aus ganz Mecklenburg-Vorpommern würden dafür 180 Jahre brauchen. Das Ziel ist, die Flächen 1000 Meter rund um menschliche Siedlungen zu säubern – und das ist schon sportlich. 

Am 30. Juni 2019 kam der Alarm. Wann wurde Ihnen klar: Die Lage ist ernst?
SG: Das wusste ich in dem Moment, als ich den Namen Lübtheen auf meinem Pager las. Jeder Feuerwehrmann hier weiß, das bedeutet höchste Not. Es bleibt auf diesem Gelände nur ein sehr kleines Zeitfenster, in dem man noch was machen kann. Wird das Feuer zu groß, hat man keine Chance mehr. 

Klingt, als kämen solche Situationen häufiger vor.
SG: Waldbrände gab es hier schon immer, und jahrelang war das auch kein Problem, weil weite Teile des Areals bis 2013 als Truppenübungsplatz genutzt wurden. Die Bundeswehr hatte eigene Löschmannschaften, die hatten das gut im Griff. Aber als der Standort 2015 geschlossen wurde, wurde die Verantwortung auf die Ortswehren der umliegenden Gemeinden abgewälzt. 2018 hatten wir schon mal einen Großbrand, damals hat uns ein Unwetter mit heftigen Niederschlägen gerettet. 

2019 hatten Sie weniger Glück.
SG:
Wir standen einer Feuerwand gegenüber, die an einigen Stellen 500 Meter breit war und sich rasend schnell bewegte. So was hatte ich noch nie gesehen. Es hatte wochenlang nicht geregnet, die Wurzeln der Bäume brannten unter der Erde weiter, unter Wegen und Schneisen hindurch. Zudem drehte der Wind teilweise um 180 Grad, die Flammen änderten ständig die Richtung. 

Der Landrat rief den Katastrophenfall aus, die Bundeswehr kam mit Panzern und Hubschraubern. Wie kam es, dass Sie als Feuerwehrführer eines 450-Einwohner-Dorfes Einsatzleiter wurden?
SG: Es musste jemand machen, der das Gelände kennt, schließlich kann unter jeder Wurzel hier eine Bombe liegen. Der Kreisfeuerwehrchef war krank, sein Stellvertreter hatte gerade eine Knie-OP gehabt. Mein Kollege Wolfgang Krause und ich waren die nächsten in der Rangfolge. Wir haben uns in die Augen geguckt und gesagt, okay, wir machen̕s! Er hat die Leitung in der Nacht übernommen, ich tagsüber. 

Zeitweilig mussten Sie in 24 Stunden bis zu 3000 Einsatzkräfte koordinieren.
Geier: Wir hatten sehr gute Leute im Stab der Einsatzleitung bei uns, hinzu kamen Bundeswehr, THW, Behörden, Hilfsorganisationen. Alle haben traumhaft zusammengearbeitet und jede Maßnahme gemeinsam beschlossen. Einer allein kann das gar nicht leisten.

In der Lokalpresse wurden Sie als Held von Lübtheen gefeiert.
Geier: Das habe ich mir nicht ausgesucht. Ich betrachte mich nicht als Held, ich war ein Rad im Getriebe. Klar habe ich Verantwortung übernommen, aber wenn man so einen Job macht, weiß man, worauf man sich einlässt. 

Aber ein wenig stolz sind Sie schon?
Geier: Wir wollten Menschenleben und Gebäude schützen, das haben wir erreicht. Niemand kam zu Schaden.  Das macht einen schon sehr zufrieden. 

Der April und der Mai 2020 waren erneut sehr trocken. Kann sich eine solche Katastrophe wiederholen?
Geier: Von diesem Gelände wird immer Gefahr ausgehen, das ist allen sehr bewusst. Aber es hat sich viel getan. Wir haben eine 50 Meter breite Schneise um das belastete Gebiet geschlagen, um die Siedlungen besser zu schützen, an jeder Zufahrt wurden Löschwasserbrunnen gebohrt. Neue Brände werden wir nicht verhindern, aber jetzt haben wir erstmals das Gefühl, sie unter Kontrolle bekommen zu können.

Interview: Claus Gorgs

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