Ver­hal­tens­ko­dex für Ver­si­che­rungs­ver­trieb

Ver­si­che­rer müs­sen Arbeits­wei­sen über­den­ken

Seit einem Jahr gilt der weiterentwickelte Verhaltenskodex. Derzeit läuft die Umsetzung in den Unternehmen. Schon bald werden die ersten Ergebnisse in Form der Testate zu sehen sein.

Vor 30 Jahren wäre so ein Projekt wie der GDV-Verhaltenskodex für den Vertrieb allein schon eine logistische Herausforderung gewesen: „Wenn wir das damals gemacht hätten, hätten wir einen Kleinlaster vollgepackt mit Dokumenten zum Wirtschaftsprüfer schicken müssen“, sagt Jana Siering. Sie leitet bei der R+V Versicherung das Projekt, das sich um die Umsetzung des Verhaltenskodexes kümmert. Das Internet erleichtert immerhin die Arbeit. Über verschlüsselte Verbindungen werden die Dokumente mit den Wirtschaftsprüfern ausgetauscht. Und zu versenden gibt es einige: zum Beispiel Produktinformationsblätter, Prozessbeschreibungen, Musterverträge oder Schulungsunterlagen.

Die R+V Versicherung zählt zu den mehr als 200 Unternehmen, die bislang dem verschärften Verhaltenskodex für den Vertrieb beigetreten sind. Er trat Mitte 2013 in Kraft mit dem Ziel, die Beratungsqualität im Versicherungsvertrieb weiter zu stärken. Die Firmen verpflichten sich darin beispielsweise zu einem fairen Umgang mit Kunden, zu bedarfsgerechter Beratung und verständlichen Produkten. Ein wesentlicher Unterschied des Kodex zu den schon 2010 aufgestellten Verhaltensregeln ist seine größere Verbindlichkeit. Dafür sorgt nicht zuletzt die Kontrolle durch Wirtschaftsprüfer. Sie überwachen, ob die Vertriebsregeln der Unternehmen tatsächlich dem Kodex entsprechen.


War der Beitritt zum Kodex ein formaler Akt, hat mit der Umsetzung der Verhaltensregeln die eigentliche Arbeit begonnen. Die Versicherer müssen die elf Richtlinien des Kodex in ein individuelles Regelwerk übersetzen. Die Zeit drängt: Bis spätestens Ende April 2015 müssen die ersten Unternehmen ihre Prüfberichte vorlegen. „Für die Unternehmen ist das kein Pappenstiel“, betont Christof Hasenburg, Wirtschaftsprüfer bei KPMG. Neue Dokumente müssen geschrieben, neue Anforderungen an die Vermittler formuliert und neue Kontrollsysteme eingeführt werden. „Die Unternehmen müssen sich überlegen, wie sie die allgemeinen Vorschriften konkret in ihrem Haus umsetzen und in ihre Prozesse integrieren“, sagt Hasenburg.

Versicherer müssen Arbeitsweisen überdenken

Die Umsetzung des Kodex beschränkt sich nicht nur auf neue Vorgaben für die Vertriebspartner. Die verschärften Verhaltensregeln erzwingen auch tiefgreifende Änderungen bei den Unternehmen selbst. Beispiel Verständlichkeit: Um zu gewährleisten, dass Produkte anschaulich vermittelt werden, ist es mit einer besseren Schulung der Vertriebspartner nicht getan. Die Versicherer müssen dazu auch ihre Arbeitsweisen überdenken – angefangen von der Produktkonstruktion bis hin zur Gestaltung der Produktinformationsblätter. Ein Patentrezept gibt es nicht. „Jedes Unternehmen kann und muss hier seinen eigenen Weg finden“, sagt Jürgen Bürkle, Leiter Recht und Compliance der Stuttgarter Lebensversicherung. Vor allem müssen die Strukturen und Prozesse auch zum eigenen Unternehmen passen und umsetzbar sein. „Weil wir im Vertrieb auf freie Versicherungsvermittler setzen, sind die Herausforderungen für uns eben andere als für Versicherer, die ihre Produkte über gebundene Vermittler vertreiben“, sagt Bürkle.

Am Ende steht noch die Überwachung der Regeln: Die Wirtschaftsprüfer interessieren sich insbesondere dafür, mit welchen Kontrollsystemen die Unternehmen die Einhaltung ihrer selbst gesetzten Regeln sicherstellen. Auch dabei gibt es Spielräume. „Mit welchen Mitteln der Versicherer das macht, ist seine individuelle Entscheidung“, sagt Gunter Lescher von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers. „Aber der Versicherer muss angemessene Maßnahmen für sich festlegen und dem Wirtschaftsprüfer zeigen, dass er diese auch in seinem Unternehmen implementiert hat.“

Prüfergebnisse werden auf GDV.DE veröffentlicht

Der GDV wird die eingereichten Testate auf seiner Internetseite veröffentlichen, ebenso die dazugehörigen Compliance-Management-Beschreibung der Unternehmen für den Vertrieb. Von Dauer sind die Testate nicht, um auch eine langfristige Verbindlichkeit zu erwirken. Nach zwei Jahren müssen sich die Versicherer erneut einer Prüfung unterziehen. Außerdem ist die Arbeit mit der erstmaligen Umsetzung nicht abgeschlossen. Für Bürkle ist das nur folgerichtig: „Compliance ist eben kein Zustand, sondern ein permanenter Prozess“, sagt der Experte der Stuttgarter Lebensversicherung. Siering von der R+V sieht aber auch abseits des Testats noch Handlungsfelder: Das neue Regelwerk müsse im Unternehmen nachhaltig gelebt und dem Vertrieb vermittelt werden, damit der Kodex auch beim Kunden seine Wirkung entfalte. „Es darf im Unternehmen keinen mehr geben, der von den Anforderungen des Verhaltenskodex noch nichts gehört hat“, sagt sie.

Text: Henning Engelage
 

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