Unter­schätzte Gefahr

Star­kre­gen kann jeden tref­fen

Flusshochwasser betrifft im Regelfall nur ufernahe Gebiete. Heftige Niederschläge können sich hingegen überall in Deutschland ereignen – mit teils verheerenden Folgen.

In Leegebruch laufen die Pumpen noch immer. Mehr als acht Monate nach den heftigen Niederschlägen Ende Juni 2017 kämpfen viele Einwohner weiter mit den Folgen. Extreme Regenmengen hatte den örtlichen Wasserspiegel so weit erhöht, dass bis heute Feuchtigkeit in die Keller eindringt.

Für die Bewohner der Gemeinde nördlich von Berlin eine neue Erfahrung: Dass sich nach einem Wolkenbruch die Wiesen in Morast verwandeln, haben sie oft erlebt. Aber überflutete Flächen, und in der Folge monatelange Straßensperrungen? Zum Verhängnis wurde den Einwohner letztlich die Lage der Gemeinde in einer Senke – eingekesselt von einer Autobahn und einer Bundesstraße. Vor allem aber der viele Regen. Ungefähr 250 Liter pro Quadratmeter gingen innerhalb von 24 Stunden nieder, gut ein Drittel der sonst üblichen jährlichen Regenmenge. 

Starkregen kann überall niedergehen 

Der Fall zeigt eindrucksvoll, welch verheerende Folgen extreme Niederschläge haben können. Und dass sie selbst dort zu erheblichen Schäden führen, wo man es nicht sofort vermuten würde: abseits großer Flüsse oder enger Täler.

 Genau das ist der wesentliche Unterschied zu Flusshochwassern. Diese entstehen aus dem Gewässer selbst und treffen regelmäßig nur die ufernahen Bereiche, Starkregen kann jedoch überall in Deutschland niedergehen. Sicher fühlen kann sich niemand. „Es kann einen nahezu überall treffen“, sagt der Meteorologe Sven Plöger. 

Kanalisation der Städte für Wassermassen nicht ausgelegt

 Selbst in größeren Städten können heftige Niederschläge große Schäden anrichten: Als große Teile Leegebruchs im Juni 2017 im Wasser versanken, standen zeitgleich in Berlin etliche Straßenzüge, U-Bahn-Höfe, Tunnel und Unterführungen unter Wasser. Auch Tausende Keller liefen voll. Insgesamt verursachte Tief „Rasmund“ allein in Berlin und Brandenburg Sachschäden von rund 60 Millionen Euro.

 Dass extreme Wassermassen die Städte überfordern, ist der Normalfall. Denn die Abwasserkanäle sind meist so dimensioniert, dass sie nur solche Regenmengen problemlos abführen können, die statistisch alle zwei bis fünf Jahre auftreten. Jahrhundertniederschlägen wie 2014 in Münster, als binnen sieben Stunden fast 300 Liter auf den Quadratmeter herabregneten, sind sie nicht gewachsen. Nirgendwo in Deutschland. Da sich Kanalisationssysteme nicht beliebig vergrößern lassen, planen viele Städte mittlerweile geordnete oberirdische Überflutungswege und ergänzende Überlauf- bzw. Rückhaltebecken.


Zerstörungskraft der Fluten steigt mit Fließgeschwindigkeit

Denn die Regenmassen fließen bei heftigen Schauern vor allem oberirdisch ab. Kommen dann noch Hanglagen hinzu, erreicht das strömende Wasser eine hohe Geschwindigkeit – und die Zerstörungskraft wächst. Das macht Starkregen besonders für Orte, die an kleinen Bächen oder in engen Tälern liegen, so gefährlich. 

Im Mai 2016 trafen beispielsweise extreme Niederschläge die Gemeinden Braunsbach und Simbach am Inn. Die kleinen Flüsse, die sich normalerweise sanft durch die Orte schlängeln, verwandelten sich in kürzester Zeit zu reißenden Fluten, die sich mit hohem Tempo durch die Gemeinden walzten. Die traurige Bilanz: aufgerissene Straßen, eingestürzte Häuser und sogar Tote.

Vorwarnzeit ist sehr kurz 

Starkregen führt auch deshalb häufig zu hohen Schäden, weil die Vorwarnzeit sehr kurz ist. Ein Rhein-Hochwasser infolge der Schneeschmelze in den Alpen lässt sich relativ gut vorhersagen. Den Anwohnern bleibt noch genügend Zeit, um sich vorzubereiten und ihr Hab und Gut in Sicherheit zu bringen. Anders bei extremen Wolkengüssen: Die Meteorologen wissen zwar, wann ein Tiefdruckgebiet eine Region erreicht. Wo und wieviel es genau regnet, können sie aber nicht exakt vorherbestimmen. „Starkregenereignisse sind sehr lokal, die haben vielleicht eine Breite von 20 Kilometern“, sagt Plöger.

 Auch die Einwohner von Leegebruch ahnten nichts von der bevorstehenden Tragödie. Zu allem Überfluss gingen die sintflutartigen Regenfälle an einem Donnerstagnachmittag nieder. Da waren die meisten Einwohner ohnehin auf Arbeit – und konnten daheim nichts mehr retten.

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