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Ist ein höhe­res Ren­ten­ein­tritts­al­ter gerecht­fer­tigt?

In Deutschland ist eine hitzige Debatte über die Rente entbrannt. Muss die Altersgrenze von künftig 67 Jahren noch weiter angehoben werden? Ja, sagt Eckard Bomsdorf, Professor an der Universität Köln, schließlich lebten die Deutschen immer länger. Auf GDV.DE plädiert er dafür, dass Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Markus Hofmann vom Deutschen Gewerkschaftsbund warnt hingegen davor, die Latte noch höher zu hängen. Schon heute würden die meisten Menschen vor Erreichen des Rentenalters aus dem Erwerbsleben ausscheiden.

 
Mit der Lebenserwartung ist in den vergangenen Jahrzehnten auch die Rentenbezugsdauer kräftig gestiegen. Während diese 1960 noch rund zehn Jahre betrug, ist heute mit durchschnittlich 20 Jahren zu rechnen. Und die Lebenserwartung nimmt weiter zu, zugleich verändert sich die Altersstruktur der Bevölkerung gravierend. Unabhängig von der vorübergehend extrem hohen Zuwanderung wird sich das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern langfristig weiter verschlechtern. Ohne die bereits aktuelle schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre hätte in 25 Jahren ein Erwerbstätiger einen Rentner finanzieren müssen. Die Rente mit 67 ist daher allein aus diesem Grund schon richtig – von den positiven Wirkungen auf den Arbeitsmarkt ganz zu schweigen.

Die weiter steigende Lebenserwartung darf nicht dazu führen, dass lediglich die Zeit des Ruhestandes immer länger wird, während die Lebensarbeitszeit, in der die Beitragszahlungen vorgenommen werden, konstant bleibt oder – Stichwort Rente mit 63 – sogar noch verkürzt wird. Das kann kein Alterssicherungssystem ohne Änderungen verkraften – unabhängig davon, ob es umlagefinanziert oder kapitalgedeckt ist. Das populäre Argument gegen eine Erhöhung der Regelaltersgrenze, dass diese grundsätzlich eine riesige Rentenkürzung darstelle, gewinnt auch bei ständiger Wiederholung nicht an Wahrheitsgehalt.

Eine an die Lebenserwartung im Rentenalter gekoppelte Erhöhung des Rentenzugangsalters hat durchaus einen positiven Einfluss auf die Rentenhöhe – und natürlich auch auf den Arbeitsmarkt. Der Rentenwert steigt durch diese Maßnahme stärker als ohne die Verschiebung der Regelaltersgrenze, da das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern sich günstiger entwickelt. Das hat zudem einen positiven Einfluss auf das Rentenniveau. Zusätzlich steigen die Rentenansprüche der Arbeitnehmer, da sie eine längere Lebensarbeitszeit haben. Auch verlängert sich trotz der Erhöhung der Regelaltersgrenze die Rentenlaufzeit weiter und damit kommt es auch zu einer ständigen Erhöhung der insgesamt ausgezahlten Rente.

Betroffen wären von einer weiteren Erhöhung der Regelaltersgrenze auf keinen Fall die jetzigen Rentner oder die rentennahen Jahrgänge, deren Lobbyisten heute immer noch gegen die Rente mit 67 wettern, sondern die jüngeren Jahrgänge, denen dies zuzumuten ist und die sich auch darauf einstellen können. Die stufenweise Änderung des Rentenalters würde zudem geburtsjahrgangsspezifisch wirken, sie wäre damit ein echter Generationenfaktor in der Rentenberechnung.

Ziel könnte sein, die Regelaltersgrenze zukünftig als einen Fixpunkt zu setzen – verbunden mit der Möglichkeit, früher in (Teil-)Rente zu gehen und dennoch hinzuverdienen zu können, ebenso wie später aus dem Arbeitsleben aus- und in die Rente einzusteigen. Flexible Übergänge in den Ruhestand – bei gleichzeitiger Erhöhung der Regelaltersgrenze – würden allen helfen, sie sind aber nicht umsonst zu haben. Eines funktioniert nicht: Länger leben, weniger arbeiten und dennoch eine höhere Rente beziehen.

Ein höheres Renteneintrittsalter ist kein Allheilmittel, aber ein notwendiger Baustein auf dem Weg zu einer weiterhin sicheren und leistungsfähigen umlagefinanzierten Rente und zur Stabilisierung des Arbeitsmarktes.

 
Eine Anhebung der Regelaltersgrenze wäre nur eine verdeckte Rentenkürzung. Denn noch mehr Menschen wären entweder von höheren Abschlägen oder von verkürzten Rentenbezugszeiten betroffen. Schon wieder über noch höhere Altersgrenzen zu reden, geht völlig an der Realität vorbei. Die Altersgrenzen wurden bereits deutlich angehoben und sie steigen weiter. So können Versicherte ab Jahrgang 1952 im Regelfall frühestens mit 63 Jahren in Rente gehen und damit erst drei Jahre später als vor 1952 Geborene. Gleichzeitig steigt die Altersgrenze für den abschlagsfreien Zugang bis 2030 auf 67 Jahre.

Für die Beschäftigten bedeutet diese doppelte Anhebung des Rentenalters massive Einschnitte. Eine/einer von fünf Versicherten kommt aufgrund einer Erwerbsminderung gar nicht bis zum Rentenalter. Wieder andere sind zwar gesundheitlich auch angeschlagen, aber zu gesund für eine Erwerbsminderungsrente. Für sie bedeutet ein drei Jahre späterer Rentenbeginn, trotzdem länger zu arbeiten oder eben in die Erwerbslosigkeit zu gehen. Denn Personen jenseits der 55 oder gar 60 werden von den Arbeitgebern regelmäßig nicht mehr eingestellt.

Insgesamt muss es darum gehen, dass Beschäftigte überhaupt gesund bis zur Rente einen gutbezahlten, sozialversicherten Arbeitsplatz haben. Solange dies nicht der absolute Normalfall ist, verbietet sich jedweder Versuch, die unerreichbare Latte noch höher zu hängen. 2014 hat – von jenen, die überhaupt vor der Regelaltersgrenze gehen dürfen – nur jeder fünfte Mann und jede vierte Frau bis 65 gearbeitet. Alle anderen sind vorzeitig ausgeschieden.

Statt einer höheren Regelaltersgrenze brauchen wir sozial abgesicherte Übergänge in die Rente und zwar schon ab dem 60. Lebensjahr. Damit dies für die Beschäftigten auch tatsächlich realistisch ist, brauchen wir einen Kurswechsel in der Rentenpolitik. Zu allererst darf das Rentenniveau nicht weiter sinken. Denn mit sinkendem Rentenniveau können sich immer weniger Beschäftigte einen flexiblen Übergang oder gar eine vorzeitige Rente leisten. Langfristig muss das Rentenniveau deutlich erhöht werden. Das DGB-Rentenmodell zeigt, dass dies finanzierbar ist. Bevor die Politik also voreilig vielen Beschäftigten zusätzliche Probleme durch ein weiteres Hinausschieben der Regelaltersgrenze bereitet, sollten die Chancen des bestehenden Systems besser genutzt werden.

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