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Gesellschaft

Zwischen Abschreckung und Resilienz: Wie Deutschland sich auf eine unsichere Welt einstellen muss

Die geopolitische Weltlage hat sich fundamental verändert. Darauf muss sich Europa einstellen, ohne auf die USA zählen zu können. Das war die Kernbotschaft eines Vortrags der Sicherheitsexpertin Dr. Claudia Major beim GDV Insurance Summit in Berlin.

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© Christian Kruppa

Dr. Claudia Major, Senior Vice President Transatlantic Security beim German Marshall Fund

Claudia Major, die Senior Vice President Transatlantic Security beim German Marshall Fund ist, konfrontierte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Beginn mit einer ungewohnten Frage : Wissen Sie, wo der nächste Bunker ist? Und wären Sie vorbereitet, die nächsten Wochen darin zu verbringen? Sie skizzierte drei große Risikofelder, auf die sich Deutschland und Europa einstellen müssen: Klimawandel und Naturkatastrophen mit zunehmenden Extremwetterereignissen, Hitzewellen und Wasserknappheit; Angriffe auf kritische Infrastrukturen durch Cyberkriminalität, Sabotage und terroristische Akte; sowie geopolitische Spannungen und geoökonomischer Revisionismus – also das gezielte Ausnutzen von Abhängigkeiten als Machtinstrument.

Besonders eindringlich fiel die Analyse der europäischen Sicherheitslage aus. Die kooperative Sicherheitsordnung, auf die Europa nach dem Kalten Krieg gesetzt hatte, existiere nicht mehr. An ihre Stelle sei eine konfrontative Ordnung getreten. „Unsere Lebensversicherung USA kündigt gerade – aber die Welt wird immer gefährlicher, und wir haben keine richtige Nachfolgeversicherung", sagte Major. Russland sei nicht nur kriegswillig, sondern rüste gezielt auf – Bundesverteidigungsministerium und Generalinspekteur gingen von einer russischen Einsatzbereitschaft ab etwa 2029 aus. Das bedeute nicht zwingend einen Angriff, aber es erwachse daraus eine klare Aufgabe: Abschreckung durch den Aufbau eigener Verteidigungsfähigkeit.

Bedrohungen sind heute hybrid

Daneben warnte sie ausdrücklich vor dem hybriden Charakter moderner Bedrohungen. Russland operiere längst unterhalb der Kriegsschwelle – durch Sabotage, Desinformation, Cyberangriffe auf Wirtschaft und politische Parteien sowie gezielte Angriffe auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Offene Gesellschaften seien durch ihre Freiheiten verwundbar – Meinungsfreiheit, Forschungsfreiheit, Pluralität. Diese Verwundbarkeit müsse besser anerkannt und geschützt werden.

Die Antwort darauf sei ein Dreiklang aus Abschreckung, Verteidigung und Resilienz. Technisch bedeute das: Diversifizierung, alternative Versorgungswege, Vorbereitung auf Ausfälle. Die Politikwissenschaftlerin ging in dem Zusammenhang auch auf den mehrtägigen Stromausfall in Berlin Anfang des Jahres ein: „Wenn ich weiß, wie ich auf einen Stromausfall reagiere, dann agiere ich. Dann bin ich kein Opfer, sondern ein selbstständiger Akteur." Gesellschaftlich erfordere das Medienkompetenz, finanzielle Bildung, Vertrauen in Institutionen und sozialen Zusammenhalt. Eine gespaltene Gesellschaft, so die zentrale These, sei leichter zu destabilisieren.

Abschließend plädierte Major gegen Fatalismus: „Die Zukunft ist nicht festgelegt. Wir müssen aufpassen, nicht in ein deterministisches Kurzschlussdenken zu verfallen, sondern Zukunft als einen Raum verschiedener Möglichkeiten verstehen. Und in diesem Raum sollten wir erstrebenswerte Ziele identifizieren und auf diese hinarbeiten." Deutschland habe in den vergangenen Jahren bewiesen, dass Wandel möglich ist – von 3,5 Prozent Verteidigungsausgaben bis zur dauerhaften Truppenstationierung in Litauen. Die entscheidende Voraussetzung dafür sei eine mentale Zeitenwende, also die Bereitschaft jedes Einzelnen, Verantwortung zu übernehmen und sich nicht wegzuducken.

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