Altersvorsorge neu denken: Wie Deutschland den Lebensstandard im Alter sichern kann
Wie sichern wir den Lebensstandard im Alter in einer Gesellschaft, die sich immer schneller verändert? Darüber diskutierten Prof. Dr. Jutta Allmendinger, Dr. Dina Frommert und Dr. Thilo Schumacher beim Altersvorsorge-Panel des GDV Insurance Summit im Futurium Berlin. Im Mittelpunkt standen das Zusammenspiel der drei Säulen der Altersvorsorge, die Rolle des Kapitalmarkts, finanzielle Bildung sowie die Frage, wie Vorsorge einfacher, verständlicher und breiter zugänglich werden kann.
Wie kann die Gesellschaft den Lebensstandard im Alter sichern, während sich Lebensläufe, Familienstrukturen und Arbeitsmärkte stetig verändern? Diese Leitfrage prägte das Altersvorsorge-Panel beim GDV Insurance Summit am 5. Mai 2026 im Futurium Berlin. Moritz Schumann, stellv. Hauptgeschäftsführer des GDV, betonte in seiner Begrüßung: „Wir sprechen nicht nur über Rentenmodelle oder Finanzierungsfragen, sondern darüber, wie eine vielfältige und dynamische Gesellschaft Sicherheit schafft, ohne Chancen für die Zukunft zu verbauen.“
Drei Expertinnen und Experten diskutierten aus unterschiedlichen Perspektiven: Prof. Dr. Jutta Allmendinger, Dr. Dina Frommert von der Deutschen Rentenversicherung und Dr. Thilo Schumacher, Vorstandsvorsitzender der AXA Konzern AG.
Mehr als nur Demografie
Der demografische Wandel ist allgegenwärtig – doch er erzählt nur einen Teil der Geschichte. Jutta Allmendinger forderte dazu auf, den Blick zu weiten: „Wir brauchen viel mehr als nur den Fokus auf die Finanzen.“ Die Lebenserwartung unterscheide sich zunehmend nach Bildung und Geschlecht, gut gebildete Männer leben im Schnitt zehn Jahre länger als weniger gebildete. Hinzu kommen Ost-West-Unterschiede. Familienstrukturen wandeln sich: Wer betreut Menschen ohne eigene Kinder? Zudem werde das Thema Pflege laut Allmendinger in der Alterssicherungsdebatte systematisch unterschätzt: „Wenn wir über Rentenversicherung sprechen, müssen wir die Pflege mitdenken. Viele werden sich die Pflege künftig nicht mehr leisten können.“
Ihre Schlussfolgerung: Es brauche Voraussetzungen, damit auch Frauen mit Kindern mehr Möglichkeiten zur Vorsorge haben – durch stärkere Frauenerwerbstätigkeit und eine höhere Pflegebeteiligung der Männer. Und: „Das Wichtigste ist, dass man auf Transparenz setzt und in die Schulen finanzielle Bildung reinbringt und das lehrt."
Die gesetzliche Rente: stabiler als ihr Ruf
Dina Frommert widersprach der in der öffentlichen Debatte verbreiteten Krisenerzählung klar: „Ein großer Teil, wo wir uns selber im Weg stehen, ist unsere Betrachtungsweise." Ein Kollaps der gesetzlichen Rentenversicherung lasse sich aus den Zahlen nicht ableiten. Das System stehe deutlich besser da, als es häufig dargestellt werde.
Frommert betonte zugleich, dass es für eine gute Absicherung im Alter auch die zweite und dritte Säule in der Alterssicherung brauchet. Aber die Diskussion über Kapitalmarktanteile müsse offener und transparent geführt werden: „Nicht nur Chancen, auch Risiken gehören auf den Tisch. Für Menschen mit geringem Einkommen sind Risiken ein ganz zentrales Thema.“
Ihr Hauptanliegen: ein klares Zielbild für das Gesamtversorgungsniveau. „Man kann nicht ein Drei-Säulen-System haben und nur eine Säule ausweisen.“ Das System brauche eine klare Zieldefinition und messbare Kriterien, was es insgesamt leisten soll.
Kapitalmarkt und betriebliche Vorsorge: Pflicht ohne Zwang
Dass der Kapitalmarkt in der Altersvorsorge keine Frage des Ob, sondern des Wie sei, machte Thilo Schumacher deutlich: „Kapitalmarkt ist zwingend notwendig, um eine Altersvorsorge hinzustellen, damit die Leute die Altersvorsorge bekommen, die sie sich wünschen." 78 Prozent der Menschen wollten ihren Lebensstandard im Alter sichern – das sei ohne Kapitalmarkt kaum erreichbar.
Ein konkreter Reformhebel: das Opting-out in der betrieblichen Altersversorgung. „Bei der bAV haben wir das Problem, dass sich kleine Unternehmen mit einer viel zu komplexen bAV beschäftigen müssen. Das kann es nicht sein." Die Lösung liege in einem einfachen Basisprodukt und in der automatischen Einbeziehung mit Widerspruchsmöglichkeit, so dass die bAV wirklich in der Breite ankomme. Dazu müsse die bAV einfacher, digitaler und portabler werden.
Schumacher forderte zudem mehr Ehrlichkeit im Umgang mit dem Thema: „Wir wissen doch, dass die gesetzliche Rente nicht reicht." Mit der Reform der privaten Altersvorsorge komme es nun darauf an, noch mehr Menschen für zusätzliche Vorsorge zu erreichen und verständlich über ihre Möglichkeiten zu informieren.
Das entscheidende Zusammenspiel
Einigkeit bestand darin, dass die eigentliche Herausforderung nicht in einzelnen Säulen liegt, sondern in ihrem Zusammenspiel. Thilo Schumacher brachte es auf den Punkt: „Kampf der Säulen – das ist falsch. Wir müssen überlegen, welchen Teil welche Säule erledigen soll."
Frommert ergänzte: Es brauche ein klares Ziel und eine klare Evaluation. Und Allmendinger plädierte dafür, dieses Gesamtbild auch für Menschen mit unterschiedlichen Ausgangsbedingungen verständlich zu machen – durch Transparenz, Bildung und ehrliche Kommunikation.
Der GDV sieht in diesen Ansätzen wichtige Anknüpfungspunkte für die laufende Rentenkommission – insbesondere beim Opting-out in der bAV, bei der Stärkung der finanziellen Bildung und beim Aufbau eines gemeinsamen Zielbilds für das Gesamtversorgungsniveau.