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Regulierung

Versicherungswirtschaft: Vom Risikoträger zum Risikoversteher

Was kommt, wenn die einfachen Nachhaltigkeitsthemen erledigt sind und der politische Rückenwind nachlässt? Das war das Thema eines Panels beim TransVer Day, dem Nachhaltigkeitstag der Versicherer, in Berlin.

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© Christian Kruppa / GDV

Auf dem Panel „Innovation ermöglichen. Nachhaltigkeit verantworten.“ diskutieren Judith Grewe, Bereichsleiterin Nachhaltigkeit der LVM, Dr. Benjamin Hübel, Fixed Income Portfolio Manager der HUK-Coburg, und Prof. Katharina Reuter, Geschäftsführerin des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft, über Erfahrungen und Ausblick. Moderiert wurde die Runde von Clara Pfeffer (v.l.n.r.).

Nachhaltigkeit hat es in der politischen Debatte derzeit schwer. Beim Podium auf dem TransVer Day am 15. Oktober 2026 im Berliner Futurium herrschte dennoch Zuversicht. Denn für Versicherer ist Nachhaltigkeit keine Frage politischer Konjunktur, sondern Teil ihres Geschäftsmodells. Wer Risiken trägt, muss sie verstehen.

Nachhaltigkeit ist als Thema in der Reifephase

Auf dem Podium diskutierten Judith Grewe, Bereichsleiterin Nachhaltigkeit bei der LVM, Dr. Benjamin Hübel, Fixed Income Portfolio Manager bei der HUK-Coburg, und Prof. Dr. Katharina Reuter, Geschäftsführerin des Bundesverbands Nachhaltige Wirtschaft. Moderiert wurde die Runde von Clara Pfeffer.

Grewe, die schon beim ersten TransVer Day dabei war, sieht das Thema in der Branche deutlich gereift. Vor sechs Jahren sei noch gefragt worden, ob Nachhaltigkeit und Versicherung überhaupt zusammenpassten. Heute sei es selbstverständlich, dass Photovoltaikanlagen und Wallboxen mitversichert würden. Außerdem habe die Branche ihren Hebel in der Kapitalanlage erkannt. Die naheliegenden Schritte seien gemacht. Nun gehe es um schwierigere Felder wie den Schadenbereich, etwa Reparatur statt Ersatz. Dafür brauche es gesellschaftliche Akzeptanz und politische Rahmenbedingungen.

Hübel widersprach dem Eindruck, grüne Investitionen hätten an Attraktivität verloren. Entscheidend seien langfristig tragfähige Geschäftsmodelle, die der Markt noch nicht vollständig eingepreist habe. Ausschlusskriterien seien inzwischen ein Hygienefaktor. Besonders wirksam sei dagegen das Engagement, also der direkte Austausch mit den Unternehmen, in die investiert werde.

Die Risiken kommen so oder so

Reuter bezeichnete die politische Delegitimierung von Klimaschutz und Nachhaltigkeit als großes Problem, das bis zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern durchwirke. Zugleich sei die Wirtschaft vielerorts schon weiter. Auch die Aufsicht werde an ihrer Risikoperspektive festhalten.

Grewe räumte ein, das Thema sei unbeliebter geworden. Umso wichtiger sei die Haltung in den Unternehmen. Das Geschäftsmodell der Versicherer hänge davon ab, dass die Welt versicherbar bleibe.

Hübel stellte klar, dass ein politischer oder gesellschaftlicher Backlash an der Risikolage wenig ändere. Mehr Klimapolitik bedeute mehr Transitionsrisiken, etwa durch steigende CO₂-Preise. Weniger Klimapolitik führe zu mehr physischen Risiken, zum Beispiel für Fabriken in Regionen mit extremer Hitze. Weil sich die Erwärmung beschleunige, befasse sich die HUK-Coburg verstärkt mit physischen Klimarisiken. 

Der strategische Ausbau der Kreislaufwirtschaft als Zukunftsthema

Als Beispiel für die nächste Stufe nannte Grewe ein Pilotprojekt der LVM mit gebrauchten Kfz-Ersatzteilen. Dafür brauche es Sachverständige und Werkstätten als Partner. Die Reaktionen der Kundinnen und Kunden seien noch unterschiedlich. Hürden seien die Wirtschaftlichkeit und die Verfügbarkeit gebrauchter Teile. Das Potenzial sei aber groß, gerade angesichts der hohen Inflation im Werkstattbereich und des Ziels resilienterer Lieferketten. Die Branche müsse entscheiden, ob sie solche Ökosysteme mitgestalten oder sich von den Fahrzeugherstellern abhängig machen wolle.

Reuter sieht darin im Kleinen, was der Wirtschaftsstandort im Großen leisten müsse: Abhängigkeiten von Rohstoffen verringern. In der Kreislaufwirtschaft gingen Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit zusammen. Für innovative Geschäftsmodelle fehlten Versicherern allerdings historische Datenreihen, das erfordere Mut. Hübel ordnete die Kreislaufwirtschaft als Anlagethema ein, das noch in den Kinderschuhen stecke. Strukturelle Hindernisse sehe er nicht.

Bilanz ziehen und Aufräumen bei der Regulierung

Bei der Messung von Portfolioemissionen habe die Regulierung durch mehr standardisierte Daten geholfen, sagte Hübel. Lückenlos seien die Daten aber noch nicht. Nach Jahren mit SFDR, Taxonomie und CSRD sei es Zeit, Bilanz zu ziehen und nachzusteuern.

Mit Blick auf die EU-Richtlinie gegen Greenwashing (EmpCo) beobachtet Hübel, dass Unternehmen wegen der rechtlichen Risiken zurückhaltender kommunizieren. Der Anteil grüner Anleihen wachse dennoch weiter. Grewe bestätigte, dass die EmpCo viele Häuser vor Herausforderungen stelle. Die Haltung nach innen bleibe aber bestehen.

Reuter hätte sich vor dem Inkrafttreten eine Praxisphase gewünscht. Weniger Regeln bedeuteten nicht automatisch weniger Last, sondern oft mehr Planungsunsicherheit. Sie warb dafür, dass sich progressive Stimmen aus der Wirtschaft zusammenschließen und zeigen, was möglich ist. 

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