Reformen als Gesamtpaket: Warum Deutschland eine Vision braucht
Statt einer langen Liste einzelner Vorschläge braucht Deutschland eine Reformagenda, die als Ganzes gedacht und mit einer klaren Vision verbunden wird. Dafür warb Prof. Dr. Stefan Kolev beim Versicherungstag 2026 des GDV in Berlin.
Wie sich Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz steigern lassen, war Thema des Impulses von Prof. Dr. Stefan Kolev, Wissenschaftlicher Leiter des Ludwig-Erhard-Forums für Wirtschaft und Gesellschaft, auf dem Versicherungstag 2026.
Ob Bürokratieabbau, Rentenreform oder Kündigungsschutz – die aktuelle Reformdebatte in Deutschland bestehe vor allem aus einer Aneinanderreihung einzelner Vorschläge, so der Wissenschaftliche Leiter des Ludwig-Erhard-Forums für Wirtschaft und Gesellschaft. Das sei politisch unklug, weil sich jeder einzelne Vorschlag leicht zerschießen lasse. Vor allem aber wirke jede neue „Sau, die durchs Dorf getrieben wird“ auf die Menschen verunsichernd. Die gemeinsam mit Prof. Markus K. Brunnermeier, Ph.D., Princeton, entwickelte und im April veröffentlichte Reformagenda setze daher bewusst auf einen Gesamtansatz: Maßnahmen in Berlin und in Brüssel gehörten zusammen, einzelne Punkte herauszupicken, reiche nicht. Die Resonanz aus Politik, Verbänden und Zivilgesellschaft sei groß gewesen.
„Umindustrialisierung" statt Deindustrialisierung
Reformen seien oft schmerzhaft. Deshalb sei es umso wichtiger, den Menschen zu erklären, wozu sie dienen. Als Antwort auf die reale Sorge vor einer Deindustrialisierung schlägt Kolev den Begriff der „Umindustrialisierung“ vor: Nahezu jeder Arbeitsplatz müsse sich immer wieder neu erfinden, um wettbewerbsfähig und für die junge Generation attraktiv zu bleiben. Das gelte für die Industrie ebenso wie für die Versicherungswirtschaft. Resilienz bedeute, ständig zu lernen, sich anzupassen und mit schöpferischer Zerstörung aktiv umzugehen.
Heckenschere statt Kettensäge
Radikale Ansätze wie die Kettensäge des argentinischen Präsidenten Javier Milei hält Stefan Kolev für Deutschland nicht für den richtigen Weg. Sie erinnerten eher an Revolution als an Reform und nützten wenig, wenn danach neue Bürokratie nachwachse. Stattdessen brauche es eine schwungvoll und energisch eingesetzte Heckenschere. Das Bild des Gartens trage dabei weiter: Ein Staat, der wie im französischen Garten jede Pflanze kontrolliere, glaube zu wissen, wohin der Fortschritt führe. Der liberale Gärtner des englischen Gartens hingegen setze den Rahmen und lasse Wachstum aus dem Zusammenspiel der Pflanzen entstehen. Passiv sei er deshalb nicht: Er beobachte verschiedene Beete und man lerne voneinander, etwa von Skandinavien, wie ein Sozialstaat Menschen nach einem Scheitern wieder auf die Beine helfe. Aufgabe des Staates sei es nicht, Fortschritt zu verordnen, sondern alle zu befähigen, ihren eigenen Fortschritt schneller, kreativer und anpassungsfähiger zu gestalten.
Wohlstand für die nächste Generation
Viele junge Menschen verlören derzeit das Vertrauen in den Standort Deutschland. Ein Grund sei das Preis-Leistungs-Verhältnis des Staates: In der Schweiz zahle man hohe Steuern und Abgaben, erhalte dafür aber eine entsprechende Leistung. Deutschland verlange ähnlich hohe Preise, die Leistungen tendierten jedoch zunehmend nach unten. Hinzu komme ein kultureller Aspekt: Begriffe wie Unternehmertum, Leistung und Eigentum müssten wieder positiv besetzt werden und der Kapitalmarkt solle als Ort gesehen werden, an dem ganz normale Menschen für ihre Zukunft vorsorgen. So wie Ludwig Erhard einst auf den Marktplätzen für die Soziale Marktwirtschaft geworben habe, brauche es heute Mut und Überzeugungsarbeit für eine offenere, marktfreundlichere Gesellschaft.
Eine alternde Gesellschaft müsse sich zur Aufgabe machen, der jungen Generation ein gutes Leben zu ermöglichen. Sonst wanderten junge Menschen ab oder zögen sich zurück. Politik dürfe und müsse dafür Visionen formulieren. Die Zeit dränge, so Kolev: vielleicht bis zur nächsten Bundestagswahl, im Zweifel nur bis zur nächsten Finanzkrise.