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Regulierung

„Auch wir sehen in den Berichtspflichten eine zusätzliche Belastung für die Unternehmen“

Auf dem Insurance Summit in Berlin stellte sich die BaFin-Exekutivdirektorin für Versicherungen, Julia Wiens, den Fragen von GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen. GDV.de dokumentiert das Gespräch.

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© GDV / Christian Kruppa

Die Finanzaufsicht BaFin und die Versicherer pflegen traditionell einen engen Austausch. Den diesjährigen Insurance Summit des GDV am 20. März in Berlin nutzte Julia Wiens, seit Januar neue BaFin-Exekutivdirektorin für Versicherungen, um auf aktuelle Regulierungsthemen einzugehen und die Schwerpunkte der Aufsichtsarbeit zu umreißen. Es war zugleich eine gute Gelegenheit für die neue Chefaufseherin, um sich einem breiten Publikum aus dem Sektor vorzustellen. Im Anschluss an ihre Rede nutzte GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen die Gelegenheit, ihr noch ein paar Fragen zu stellen. 

Frau Wiens, viele Versicherer beklagen die inzwischen sehr hohe Komplexität beim Nachhaltigkeitsreporting. Auch BaFin-Chef Mark Branson hatte sich zuletzt kritisch dazu geäußert. Gibt es ihrerseits Ideen, das zu vereinfachen?
Julia Wiens: Auch wir sehen in den Berichtspflichten eine zusätzliche Belastung für die Unternehmen. Und wir sehen auch, dass es sowohl den Versicherern als auch den Verbraucherinnen und Verbrauchern schwerfällt, den Grad eines grünen Produkts zu greifen. Außerdem gibt es die Gefahr des Greenwashings, auch das macht vielen Sorgen und verunsichert. Deswegen setzen wir uns dafür ein, die Regulierung zu vereinfachen und klarer, verständlicher zu machen.
 
Ein Kernstück der Regulierung ist der Solvency II-Review. Wie zufrieden sind Sie mit dem bislang bekannt gewordenen Ergebnis? Und welche Konsequenzen ziehen Sie als Aufsicht daraus?

Wiens: Wir sehen dadurch eine höhere Risikosensitivität, zum Beispiel beim Zinsänderungsrisiko. Das finden wir gut. Gleichzeitig bringt der Review jedoch eine deutliche Entlastung bei den Kapitalanforderungen – und das sehen wir eher skeptisch. Konsequenzen ziehen wir aber schon heute. Fast alle Versicherer in Deutschland nutzen das sogenannte Rückstellungstransitional, eine Übergangsmaßnahme unter Solvency II. Das führt zu Solvenzquoten, die nicht mehr sachgerecht sind. Auch ohne diese Übergangsmaßnahme sind die Versicherer im Allgemeinen ausreichend bedeckt. Daher prüfen wir eine Neuberechnung des Abzugsbetrags. Wir wollen aber erst die Auswirkungen auf die Branche sehen, ehe wir handeln. Deswegen haben wir die Branche um aktuelle Zahlen gebeten. 
Darüber hinaus sehen wir die Regelungen zur Proportionalität und die Vereinfachungen für kleine und nicht-komplexe Unternehmen positiv. Unabhängig von der Zahl der Unternehmen, die schlussendlich in diese Kategorie fallen, ist es gut, dass wir dies verankert haben. Mit Blick auf die Unternehmen, die nicht in die Kategorie fallen: Wir werden die bisherigen Regelungen zur Proportionalität pragmatisch anwenden.

Die IT-Sicherheit im Finanzsektor ist ein Dauerthema. Die BaFin hat mit ihren versicherungsaufsichtlichen Anforderungen an die IT (VAIT) ihre Position klargemacht. Nun kommen mit dem Digital Operational Resilienc Act (DORA) europäische Anforderungen hinzu. Was können die Unternehmen aufsichtlich erwarten? Und wie harmonieren VAIT und DORA zusammen?
Wiens:
Wir haben uns im Rahmen der VAIT-Prüfungen einen Überblick über die Branche verschafft und schauen uns nun an, wie sich die neuen Anforderungen unter DORA auswirken und welche praxisrelevanten Veränderungen sich ergeben. Ich denke, wer für VAIT gerüstet ist, hat für DORA schon einen guten Anfang gemacht. 

Und wenn DORA kommt, bleibt dann VAIT?
Wiens: Nein, das hat aus meiner Sicht keinen Sinn. 

Zum Abschluss noch eine Frage zur Konsolidierung des Versicherungsmarktes. Zuletzt gab es eine interessante Entscheidung der BaFin bezüglich der Übernahme von Lebensversicherungsbeständen. Haben Sie ihre Aufsichtspraxis geändert? Und was bedeutet das insbesondere für den Einstieg von Private-Equity-Investoren in den Versicherungssektor?  
Wiens: Wir haben unsere Aufsichtspraxis nicht grundsätzlich geändert. Aber natürlich haben wir die Diskussionen über Private-Equity-Investoren in den USA und Italien sehr genau verfolgt. Wir ziehen daraus nicht den unmittelbaren Schluss, dass Finanzinvestoren grundsätzlich keine geeigneten Investoren sind. Man muss sich immer den Einzelfall anschauen – schon aus Verantwortung gegenüber den Versicherten. Wir müssen darauf achten, dass die finanziellen und organisatorischen Folgen einer Transaktion auch für die Kundinnen und Kunden in Ordnung sind. Wenn wir Zweifel daran haben, dann schreiten wir ein.

Dokumentation: Karsten Röbisch

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