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Finanzstabilität

Lebensversicherer im Wandel: Mehr Risiken durch neue Anlagestrategien

Die Lebensversicherung steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Das sagte Gaston Gelos von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) beim GDV Insurance Summit.

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© GDV

In den vergangenen 15 Jahren habe sich die Lebensversicherungsbranche deutlich verändert, so der stellvertretende Leiter der Hauptabteilung Geld und Wirtschaft, Leiter Finanzstabilitätspolitik und Mitglied des erweiterten Exekutivkomitees bei der BIZ. Während früher vor allem sichere Anlagen dominierten, investieren viele Versicherer heute verstärkt in renditestärkere, aber auch riskantere und weniger liquide Anlageklassen. Diese Entwicklung sei zunächst eine Reaktion auf die Niedrigzinsphase gewesen, setze sich aber bis heute fort. Eine entsprechende Studie zu dem Thema hat die BIZ im vergangenen Oktober veröffentlicht.

Mehr Verflechtung, mehr Komplexität

Zugleich nimmt laut Gelos die Verflechtung mit anderen Finanzakteuren zu, insbesondere mit Private-Equity-Firmen. Diese bringen zwar Kapital und Know-how, erhöhen aber auch die Komplexität und verringern die Transparenz. Hinzu kommt der starke Anstieg sogenannter vermögensintensiver Rückversicherung. Dabei werden Risiken und Vermögenswerte an Rückversicherer übertragen, häufig in anderen Ländern mit teils weniger strengen Regeln. „Das kann Effizienz bringen, schafft aber neue Abhängigkeiten“, sagte Gelos. Auch der Einsatz von Derivaten habe deutlich zugenommen: Sie dienen der Absicherung, können in Stressphasen aber zusätzliche Liquiditätsbelastungen auslösen.

Liquiditätsrisiken rücken stärker in den Fokus

Ein zentrales Thema des Vortrags war das steigende Liquiditätsrisiko. So nehmen etwa Rückkäufe von Policen in Phasen steigender Zinsen deutlich zu. Gleichzeitig können Nachschusspflichten aus Derivaten auftreten - ein doppelter Druck auf die Liquidität. Gelos betonte, dass solche Risiken lange unterschätzt worden seien. Insgesamt zeige sich eine Entwicklung hin zu riskanteren, schwerer bewertbaren Anlagen und komplexeren Strukturen. Das könne im Krisenfall zu Unsicherheiten bei Investoren und Kunden führen.

Q&A: Vorsicht bei Private Credit und globalen Risiken

Im Gespräch mit GDV-Hauptgeschäftsführer Jörg Asmussen ging Gelos auch auf aktuelle Risiken ein. Beim Thema Private Credit zeigte er sich zurückhaltend: Diese Finanzierungsform habe zwar stark an Bedeutung gewonnen, sei aber noch nicht über einen vollständigen Konjunkturzyklus getestet. „Wir wissen schlicht noch nicht, wie stabil dieses Segment in Stressphasen ist“, sagte er. Zudem seien die Verflechtungen zwischen Versicherern, Banken und Fonds oft schwer durchschaubar.

Auch geopolitische Risiken und hohe Staatsverschuldung könnten die Finanzstabilität belasten, so der BIZ-Manager. In Kombination mit möglichen Zinsanstiegen oder Marktkorrekturen könnten sich Schwachstellen im System schneller bemerkbar machen als in der Vergangenheit.

Europa stabiler, aber Trends schwappen über

Im internationalen Vergleich sieht Gelos Europa derzeit etwas robuster aufgestellt als die USA. Viele der beschriebenen Entwicklungen - etwa der Einfluss von Private Equity oder komplexe Rückversicherungsmodelle - seien dort noch weniger ausgeprägt. Allerdings gebe es klare Anzeichen, dass sich diese Trends auch in Europa verstärken.

Als Konsequenz fordert die BIZ mehr Transparenz, eine stärkere Berücksichtigung von Liquiditätsrisiken in der Regulierung sowie international abgestimmte Aufsichtsstandards. Ziel müsse es sein, Innovation und Stabilität im Gleichgewicht zu halten.
 

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