Zur Suche
Naturgefahren

Elementarschutz: Warum Deutschland eine eigene Lösung braucht

Nur rund die Hälfte der Wohngebäude in Deutschland sind gegen Naturgefahren abgesichert. Dabei steigt die Gefahr von Klimaschäden. Der Blick ins europäische Ausland zeigt: Wir benötigen ein eigenes Modell für Deutschland.

Lesedauer
© fury123 / Getty Images

Die Schäden durch Naturgefahren nehmen zu. Gleichzeitig bleibt die Absicherung in Deutschland lückenhaft: Zwar verfügen die meisten Wohngebäude über eine Grundversicherung, doch nur 57 Prozent sind auch gegen weitere Naturgefahren, wie Überschwemmung oder Starkregen versichert. Im Schadensfall springt deshalb immer wieder der Staat mit Hilfen ein. Auf Dauer ist das weder verlässlich noch tragfähig.

In der politischen Debatte wird deshalb häufig auf Modelle aus dem Ausland verwiesen, vor allem auf Frankreich. Dabei entsteht der Eindruck, eine ähnliche Lösung lasse sich einfach und kostengünstig auf Deutschland übertragen. Aus Sicht des GDV greift das zu kurz.

Der internationale Vergleich ist wichtig. Aber er liefert keine Standardlösung. Die Systeme in Europa unterscheiden sich deutlich, bei ihrer Finanzierung, ihrer rechtlichen Konstruktion, der Rolle des Staates und dem versicherten Leistungsumfang. Genau deshalb ist keines der Modelle ohne Weiteres auf Deutschland übertragbar. Was sich aus dem Vergleich lernen lässt, ist etwas anderes: Ohne Zusammenarbeit zwischen Staat und Versicherungswirtschaft, ohne Prävention und ohne Klimafolgenanpassung wird kein System langfristig stabil funktionieren.

Frankreich ist anders organisiert, nicht einfach günstiger

Das französische CatNat-System wird in der deutschen Diskussion häufig auf einen Punkt reduziert: den Beitrag. Frankreich arbeitet nicht mit einer risikobasierten Elementarschadenversicherung wie Deutschland, sondern mit einem gesetzlich festgelegten Zuschlag auf bestehende Versicherungsverträge. Hinzu kommt mit der Caisse Centrale de Réassurance, kurz CCR, ein staatlich gestützter Rückversicherer mit staatlicher Garantie. Das System ist damit Teil einer kollektiv organisierten und staatlich getragenen Absicherung.

Auch die Leistungen sind nicht ohne Weiteres vergleichbar. Versicherte in Frankreich und Deutschland bekommen nicht dasselbe. In Frankreich wird im Grundsatz der Zustand vor dem Schaden wiederhergestellt. In Deutschland haben Versicherte regelmäßig einen vertraglichen Anspruch auf Wiederaufbau nach aktuellen Baustandards, der sogenannten Gleitenden Neuwertversicherung. Dies ist ein deutlich weitergehender Schutz als im französischen Modell. Wer also allein Beiträge vergleicht, blendet wesentliche Unterschiede bei Leistung und Risikotragung aus. Genau deshalb führt der schlichte Verweis auf vermeintlich günstigere Prämien in Frankreich in die Irre.

Auch die Rolle des Staates ist eine andere. Über die CCR trägt der französische Staat einen wesentlichen Teil des Risikos. Das französische System beruht auf einem gesetzlich festgelegten Zuschlag auf bestehende Versicherungsverträge und auf einer starken staatlichen Rolle über die CCR, den staatlich gestützten Rückversicherer mit staatlicher Garantie. Das ist ein kollektiv organisiertes System, nicht einfach ein günstigerer Marktmechanismus. Damit beruht das System auf Voraussetzungen, die sich nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragen lassen.

Warum das kein Vorbild für Deutschland ist

Wer Beiträge vergleicht, muss daher auch die Leistung und die Risikotragung mitdenken. Sonst entsteht ein falscher Eindruck von Kosten und Tragfähigkeit. Genau hier zeigt sich eine der wesentlichen Schwächen des französischen Systems: Staatlich festgelegte Selbstbehalte, begrenzte Präventionsanreize und die starke Abhängigkeit von der CCR samt staatlicher Garantie haben das System in ein strukturelles Ungleichgewicht geführt. Verschärft wurde dieses Ungleichgewicht durch steigende Klimaschäden, insbesondere infolge von Dürre, Überschwemmungen und anderen Extremereignissen. Dies sind die Kernaussagen des sogenannten Langreney-Berichtes für das französische Ministerium für Wirtschaft und Finanzen, der im April 2024 veröffentlicht worden ist. Vor diesem Hintergrund musste der französische Staat das System wiederholt nachjustieren und bleibt als letzter Risikoträger zentral gefordert.

Zur Stabilisierung empfahl der Bericht eine Anhebung der CatNat-Zusatzprämie um rund 1,3 Milliarden Euro jährlich, ihre klimabedingte Indexierung, höhere Selbstbehalte sowie zusätzliche Schutzmechanismen für CCR und Staat durch mehr Prävention, größere Reserven und die Einbindung privater Rückversicherer. Viele der Empfehlungen sind bis heute nicht umgesetzt. Auch deshalb kann das französische System nicht als statisches Erfolgsmodell betrachtet werden.

Zugleich setzen pauschale Systeme wie in Frankreich nur äußerst begrenzte Anreize zur Prävention. Wenn Risiken weitgehend kollektiv getragen werden, verlieren Vorsorge, Bauweise und Standortwahl an Gewicht. Gerade bei zunehmenden Naturgefahren ist das ein Problem.

Offen ist außerdem, wie ein solches Modell in Deutschland rechtssicher eingeführt werden könnte. Bereits heute bestehen für 57 Prozent der Wohngebäude Verträge mit Elementarschutz. Eine Überführung in ein Abgabensystem nach französischem Vorbild würde unter anderem die Frage aufwerfen, wie der bisherige vertraglich garantierte Entschädigungsanspruch erhalten bleiben soll.

Deutschland braucht eine tragfähige eigene Lösung

Für Deutschland kommt es deshalb nicht auf die Übernahme eines ausländischen Modells an. Entscheidend ist eine Lösung, die zu den rechtlichen, institutionellen und finanzierungspolitischen Rahmenbedingungen hierzulande passt. Sie muss die Versicherungsdichte erhöhen, hohe Risiken absicherbar machen und Schutz zugleich bezahlbar halten.

Mit Elementar Re hat der GDV dafür einen Vorschlag vorgelegt. Ziel ist ein Sicherungssystem, das privatwirtschaftlichen Versicherungsschutz gegen Naturgefahren auch künftig flächendeckend ermöglicht, Prävention stärkt und den Staat dort einbindet, wo Extremereignisse das System überfordern würden. Nicht die Kopie eines ausländischen Modells ist der richtige Weg, sondern eine Lösung, die in Deutschland funktioniert.