Positionen-Magazin
Satel­li­ten

Himm­li­sche Hel­fer: Scha­dener­mitt­lung aus dem Orbit

In Indien und den USA ist der Einsatz von Satelliten zur Schadenbewertung längst Usus. Jetzt entdecken immer mehr europäische Versicherer die Vorzüge. Denn dank der Augen aus dem Orbit lassen sich Schäden schneller ermitteln und genauer berechnen.

Dürren, Überschwemmungen, Unwetter: Jedes Jahr vernichten extreme Wetterereignisse ganze Ernten indischer Reisbauern, finanzielle Schwierigkeiten und Existenzängste sind die Folgen. Vor vier Jahren startete die Regierung des indischen Bundesstaats Tamil Nadu deshalb das Schutzprojekt RIICE. Ein Bestandteil: eine Ernteausfallversicherung, die auf Satellitentechnik basiert. Das RIICE-System sammelt fortlaufend Daten, auf welcher Fläche die Bauern zu welchem Zeitpunkt Reis anbauen, und errechnet anschließend die zu erwartende Ernte, die später mit der tatsächlichen verglichen wird. In die Ernteprognosen fließen zudem Wetter- und Bodendaten ein, die verwendeten Reissorten und Anbaumethoden sowie Informationen über Naturkatastrophen, verdorrte Felder oder verfaulte Saat. 

Indische Versicherungsgesellschaften können mithilfe dieser Daten wesentlich genauer kalkulieren und so passgenauere Policen anbieten. Im Schadenfall können sie zudem deutlich flexibler, transparenter und schneller reagieren: Sie müssen keine Mitarbeiter mehr in kleine, entlegene Regionen schicken, um die Lage vor Ort zu begutachten. Das senkt die Kosten – und die Versicherungsnehmer kommen schneller an ihr Geld. Auch in den USA ist die Nutzung von Satellitendaten zur Schadenerfassung bereits verbreitet. Nach einem Hurrikan, einer Überschwemmung oder einem Waldbrand können Satelliten Bildmaterial aus Gebieten liefern, die für Menschen nur schwer oder unter Lebensgefahr zugänglich wären. Auch in der Landwirtschaft erweisen sich die himmlischen Helfer als nützlich: Sie erfassen beispielsweise Informationen über den Zustand der Pflanzen auf dem Feld, die früher nur von Spezialisten vor Ort aufgenommen werden konnten. Im Schadenfall können Experten das Ausmaß mit wenigen Klicks erkennen und die Zahlung auf den Weg bringen. 

Schäden infolge von Starkregen aus der Luft begutachten

Auch in Deutschland liebäugelt die Assekuranz inzwischen mit der zukunftsweisenden Technologie. Der Spezialversicherer Vereinigte Hagel experimentiert mit dem Einsatz von Satellitenbildern nach Starkregenereignissen. „Wir haben uns gemeinsam mit der europäischen Raumfahrtorganisation Esa angeschaut, wie man mithilfe von Satelliten verschiedene Fruchtarten erkennen kann“, sagt Vorstandschef Rainer Langner. Konkret will er feststellen, ob etwa die Aussaat im Herbst einwandfrei erfolgt ist. So lässt sich überprüfen, ob Schäden nach einer langen Frostperiode aufgrund der Kälte entstanden sind oder andere Ursachen haben. Auch das Ausmaß von Schäden lässt sich mithilfe der Luftbilder besser und schneller abschätzen. Das verschlankt Prozesse und spart Kosten – was wiederum den Kunden zugutekommt. 

Private und nicht kommerzielle Anbieter konkurrieren

Für die Schadenerfassung nach Naturkatastrophen eignen sich vor allem Erdbeobachtungssatelliten, die, mit verschiedenen Messgeräten ausgestattet, auf ihrer Reise durch den Orbit Daten sammeln, die weit über einfache Bildaufnahmen hinausgehen. „Unsere Satelliten können Temperaturen auf der Erde messen und mit Radartechnologie teilweise durch Wolkendecken hindurchschauen“, sagt Fabian Löw, der beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) unter anderem für die Einsätze des europäischen Satellitendiensts Copernicus zuständig ist. Auch Infrarotkameras und Spektrometer sind häufig Teil des Werkzeugkastens von Erdbeobachtungssatelliten. Betrieben werden sie oft von nicht kommerziellen Anbietern, die von Staaten finanziert werden, wie die Esa oder ihr US-Pendant Nasa. Die Esa unterhält mit ihren Sentinel-Satelliten das Erdbeobachtungsprogramm Copernicus, die Nasa lässt ihre Landsat-Satelliten um den Globus kreisen. Zudem gibt es eine Vielzahl privater Satelliten-Betreiber, zu den größten zählt das US-Unternehmen Planet Labs.

Grundsätzlich können Versicherer Satellitenbilder von allen Anbietern beziehen, doch das Material unterscheidet sich zum Teil erheblich. Erdbeobachtungssatelliten können eine Fülle von Daten liefern, haben aber eine vergleichsweise geringe Auflösung. Die Nasa-Aufnahmen können nur Objekte erfassen, die mindestens 30 Meter lang sind, die Esa macht es möglich, Gegenstände von zehn Meter Größe zu erkennen. Für viele Einsatzzwecke der Versicherer ist das jedoch nicht genug. „Wir möchten die Fernerkundung in Zukunft zum Beispiel für die Entwicklung neuer Produkte einsetzen, für Tarifierungsfragen oder um einen konkreten Schaden ermitteln zu können“, sagt Vereinigte-Hagel-Chef Langner. „Dazu brauchen wir hochauflösende Satellitendaten.“ Die Sentinel-Daten, mit denen er derzeit arbeitet, liefern ihm noch nicht das, was er sich wünscht. „Bis es ein Produkt gibt, dass wir im Alltag einsetzen können, dauert es sicher noch drei bis fünf Jahre“, sagt Langner.

Hochauflösende Aufnahmen werden von diversen privaten Betreibern angeboten. So wirbt Planet Labs damit, dass Kunden auf ihren Bildern Details erkennen können, die nur drei mal drei Meter groß sind. Künftig will Planet Labs sogar Bilder liefern, die Objekte mit einer Größe von nur 25 Zentimetern zeigen – ideal für eine genaue Begutachtung der Situation vor Ort. Diese Leistung lassen sich die Unternehmen natürlich gut bezahlen. Für Versicherer lohnt sich der Einsatz der Bilder also nur dann, wenn er günstiger ist, als den Schaden von einem Sachverständigen vor Ort begutachten zu lassen. Der Einsatz des Bildmaterials nicht kommerzieller Anbieter dagegen ist kostenlos. Zudem werden Nasa- und Esa-Daten nicht gelöscht, sondern archiviert. Sie sind somit auch noch viele Jahre nach einem Schadenereignis verfügbar. Bei privaten Unternehmen ist das nicht immer der Fall. Für Versicherer sei dieser Punkt besonders wichtig, sagt Ernst Bedacht, Senior-Underwriter für Agrarrisiken bei der Munich Re. „Für die Bewertung von Agrarrisiken etwa ist ein ganz ausschlaggebender Faktor, wie lange die Satellitendaten in die Vergangenheit zurückreichen.“

Waldbrände mit Infrarottechnik bei der Entstehung aufspüren

Ein weiteres Qualitätskriterium ist die Frequenz, also die Häufigkeit, mit der ein Satellit einen bestimmten Punkt der Erde fotografiert. „Kommt ein Satellit nur einmal alle vier Wochen und wird gerade dann von einer Wolkendecke gestört, fehlen die Daten von einem ganzen Monat“, erklärt Bedacht. Die Nasa-Objektive knipsen jeden beliebigen Punkt der Erde zweimal täglich. Munich Re spricht gerade mit dem Start-up ConstellR, einer Ausgründung der Fraunhofer Gesellschaft, darüber, wie Satellitentechnik zur frühzeitigen Eindämmung von Waldbränden beitragen kann. „Die heutigen Satelliten sehen nur sehr große Brände“, erklärt Max Gulde, Mitgründer und CEO von ConstellR. In 15 Monaten will er Infrarottechnik in den Orbit entsenden, die eine Auflösung von 50 mal 50 Metern liefern kann. Damit könnten Versicherer die Temperatur erkennen und herausfinden  wo ein Brand entstanden ist. Je besser das Angebot der Dienstleister wird, desto hilfreicher werden die Satellitenbilder bei der Risikoprüfung und Schadenerfassung werden. Um die Daten erfolgreich auswerten zu können, müssen Versicherer allerdings auch ihre irdischen Basisstationen technisch aufrüsten: „Sicherlich sind dafür komplexe digitale Systeme notwendig“, sagt Langner. „Langfristig wird Satellitentechnologie aber eine große Hilfe für unsere Arbeit sein.“

Text: Lilian Fiala

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