Extrem­wet­ter

Wie der Kli­ma­wan­del Land­wirte trifft

Dürre, Hitze, Spätfröste setzen Boden und Erträgen zu, Vegetationsphasen verändern sich. Auf Spurensuche bei der Agrargenossenschaft Trebbin in Brandenburg.

Erd-Überlastungs-Tag. Der englische Originalbegriff „Earth Overshoot Day“ klingt nicht weniger furchterregend als das Geschehen dahinter: Im Jahr 2021 ist dieser Tag am 29. Juli. In sieben Monaten hat die globale Menschheit die Ressourcen eines gesamten Jahres verbraucht. Mehr können die Ökosysteme nicht erneuern. Die folgenden fünf Monate leben wir 7,77 Milliarden Menschen auf Kredit. Es ist ein Kredit, der nicht zurückgezahlt werden wird. Im Jahr 1970 liegt der Erdüberlastungstag am 31. Dezember. Von da an ist immer früher Schluss. Nur das erste Pandemiejahr 2020 hält die Überlastung der Erde für knapp vier Wochen an.

Ernte-Start-Tag. Am 5. Juli 2021 rollen im Nordosten Deutschlands die ersten Mähdrescher ins Getreide. Wieder früher als jahrzehntelang üblich. Der milde Winter hat das Korn früher gedeihen lassen. Wieder wird es ein mageres Jahr, zumindest für die Gerste, der durch den Hitze-Juni das Wasser und die Kraft fehlen. Für Weizen, Roggen, Zuckerrübe und Raps bleiben die Erträge durchschnittlich. Ein wenig Hoffnung auf Normalität nach den vergangenen drei katastrophalen Dürrejahren.

Landwirtschaft – Ressourcen und Gewinn liegen ungeschützt unter freiem Himmel

„Der Klimawandel macht die Bandbreite der Wetterextreme größer“, sagt Falk Böttcher, Agrarmeteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD), „und die Landwirtschaft ist der am stärksten betroffene Wirtschaftszweig.“ Ihre Ressourcen und ihr Gewinn liegen nahezu ungeschützt unter freiem Himmel. Vom Wetter hängt das Wirtschaftsjahr ab – bestimmt Verlust oder Gewinn. Die Bandbreite der Wetterextreme: Temperaturanstieg, Spätfröste, Hitze, Dürre. Neun der zehn trockensten Jahre, so eine DWD-Studie im Auftrag des GDV, liegen in der Zeit seit der Jahrtausendwende.

Es ist jetzt schon schlimm. 2014 ist für die Agrargenossenschaft Trebbin in Brandenburg das letzte Jahr mit sehr guter Getreideernte. Mit einer Ausnahme: „2017 hatten wir die beste Maisernte aller Zeiten. Das Jahr danach Totalverlust beim Mais“, sagt deren Vorstand Thomas Gäbert. „Das zeigt auch, dass der Klimawandel nicht linear verläuft, er bringt extreme Schwankungen.“ 30 Prozent Einbußen bringt das Dürre-Rekordjahr 2018 dem Betrieb. Von der Trockenheit des Bodens hat sich das Land noch nicht erholt, auch die Folgejahre sind mager. „Die Trockenheit ist unser größtes Problem“, sagt Gäbert. „Hagel oder Starkregen zum Glück nicht.“

Wie geht die Branche insgesamt damit um? Eine Branche, deren Puls von sich ändernden Jahreszeiten bestimmt wird? Nachhaltiger aufstellen, anpassen, selbst Natur schützen. Die Agrargenossenschaft Trebbin, rund 40 Kilometer südwestlich von Berlin, nennt das „integrierte Landwirtschaft“. Das Unternehmen, das in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag feiert, hält 950 Milchkühe, bewirtschaftet 4.000 Hektar Land. Sandiges Land.

Die Kälte fehlt

Im Herbst beginnt, vom Rhythmus der Pflanzen aus betrachtet, das Jahr. Aussaat für die so wichtigen Wintergetreide Deutschlands: für Weizen, Roggen, Gerste. Ernte von Mais und Zuckerrüben. Seit Jahren ist der Herbst zu trocken, zu mild. Der Saat im Boden fehlt die Feuchtigkeit zum Keimen. Schwere Herbststürme drücken den reifen Mais platt. „Es wird nicht mehr so häufig kalt“, sagt Meteorologe Böttcher. Es wird häufiger warm. Temperaturen um die 20 Grad im November sind keine Seltenheit mehr. Auch im Winter, bis weit in den Februar hinein, nicht.

Der Boden trocknet aus. Die Bodenfeuchte sinkt in immer tiefere Schichten. Bis zu 40 Prozent weniger Wasser ist im Boden, so die Studie im Auftrag des GDV. Der trockene Boden erodiert leichter – wertvolle Inhaltsstoffe werden weggeweht.

Den Boden stabilisieren, stärken. Die Agrargenossenschaft Trebbin bewirtschaftet ihn extensiv. Nahezu kein Pflügen mehr, stattdessen sorgsame, konservierende Bodenbearbeitung mit flachen Grubbern. Der Boden wird in unterschiedlichen Tiefen gelockert, Pflanzenreste eingearbeitet, damit sie von Bodenlebewesen wie Regenwürmern in wertvollen Humus umgewandelt werden können. Dadurch bleibt die Struktur des Bodens besser erhalten, die Bodenlebewesen werden nicht gestört. Das pfluglos bearbeitete Land ist weniger anfällig gegen Wind- und Wassererosionen und trocknet nicht so schnell aus.

Die Ruhe fehlt

Im Winter ruhen die Pflanzen, sammeln Energie für das Wachstum im Frühjahr. Auch der Winter ist seit vielen Jahren zu warm. Die Winterruhe verkürzt sich. Das Getreide entfaltet sich, statt auf die eigentlich wärmere Jahreszeit zu warten. Auch das Grünland, Gräser fürs Vieh, wächst und verschwendet seine Energie. Kommen dann die Fröste, oft bis zu den Eisheiligen im Mai, erfrieren die zarten Pflanzen. 2020 erwischt es die Trebbiner Gerste nahezu komplett, 2021 die Zuckerrüben in der Kölner Bucht und in Hessen. „2021 haben wir Glück, da schützt im Februar eine dünne Schneeschicht das Korn vor dem Frost“, sagt Landwirt Gäbert.

Das Wasser fehlt

Das Frühjahr. Wachstums- und Entwicklungszeit. Jetzt brauchen die Pflanzen wirklich Wasser. Doch seit Jahren ist die so wichtige Zeit von April bis Juni zu warm, zu trocken. Die Tendenz bleibt, auch wenn der Mai 2021 ersehnte Feuchtigkeit bringt. „Die jährliche Niederschlagssumme ändert sich wenig, die innerjährliche Verteilung ändert sich stark“, sagt Falk Böttcher. Höhere Temperaturen bringen höhere Verdunstung. Die Böden trocknen stärker aus. Der Effekt ist überall im Land gleich. Er wirkt sich indes anders aus, weil die Böden unterschiedlich Wasser speichern können. Je nach Vermögen gedeihen die Pflanzen – oder verdorren.

In Trebbin lässt der feuchte Mai 2021 Getreide und Mais gedeihen. Dann kommt der trockene, heiße Juni. Am Getreide reifen nur dürre Ähren. Ein starker Regen zum Monatsende bringt die Wassermenge für vier Wochen, mäht indes auch Unmengen Halme nieder. 2021 wird wieder ein mageres Jahr, vor allem für die Gerste, die als Erste reift.

Ackerbau im Einklang mit der Natur

Im Frühjahr brüten in Trebbin die Lerchen in den Lerchenfenstern. Diese kleinen Nischen in den Feldern sind Teil der umfangreichen Biodiversitätsstrategie der Genossenschaft. Sie sind damit auch Teil der nachhaltigen Wirtschaftsweise, der sie sich in Trebbin seit Jahren verschrieben haben. „Standortgerecht bewirtschaften und dazu der Natur Raum geben“, nennt das Vorstand Thomas Gäbert. Seit 2019 ist Jana Gäbert Biodiversitätsbeauftragte. Artenschutz und Landwirtschaft gehen eine Symbiose ein, am Ende profitieren alle. Jana Gäbert sitzt bei allen wirtschaftlichen Beratungen der Genossenschaft mit am Tisch. „Wir tragen ja auch gesellschaftliche Verantwortung“, sagt sie, „wir können ausreichend gesunde Lebensmittel nur in einer intakten Natur produzieren.“

Neben den Lerchenfenstern wachsen auf 25 Hektar Wildblumen und -kräuter. Sogenannte Blühstreifen säumen die Felder. Die wilden Räume sind so angelegt, dass sie Insekten, Kleintieren und Vögeln einen vernetzten Lebensraum schaffen. Inzwischen gibt es hier 200 Wildbienenarten. Dazu 46 Vogelarten, die in den Feldern brüten, darunter auch seltene Arten wie Kiebitz, Gold- und Grauammer und eben die Lerche. 

Im Frühjahr wird in Trebbin das Grünland geschnitten, insgesamt vier- bis fünfmal im Jahr. Daraus entsteht wertvolles Grünfutter und Silage für die Rinder. Die grünen Wiesen, durchzogen von Wildgräsern und -kräutern, sind zudem gute CO2-Speicher. Sie nehmen doppelt so viel Kohlenstoff wie ein Acker auf.

Der Sommer. Reifezeit, Erntezeit. Bleibt er zu heiß und zu trocken, bleibt das Korn aus. „Es gibt Kipppunkte“, sagt Meteorologe Falk Böttcher. Ist es kurz vor der Blüte mehrere Tage lang 30 oder 35 Grad heiß, wachsen weniger Körner in der Ähre. Das kann mit kühleren, feuchten Phasen ausgeglichen werden – die wenigen Körner werden größer. 2021 gelingt dies in Trebbin nicht. „Wir haben bei der Gerste dramatische Abzüge, das wird kein Mehl mehr, höchstens Futter“, sagt Thomas Gäbert. Kommt dann auch noch Starkregen, drückt er die Halme nieder oder ertränkt sie – unerntbar. Brennt bei der Trockenheit ein Mähdrescher, verbrennt das Korn oft mit ihm. Feuer wird zur weiteren Gefahr als Folge der Erderwärmung.

In Trebbin legen sie eine fruchtbare Humusschicht auf das sandige Land

Den Boden stabilisieren, als wichtigste Ressource gegen die Trockenheit. In Trebbin legen sie eine fruchtbare Humusschicht auf das sandige Land. Seit mehreren Jahrzehnten bereits, jetzt ist sie schon über 30 Zentimeter dick. Dafür düngen sie organisch, mit der Gülle ihrer Rinder. Dafür bearbeiten sie das Land sorgfältig. Sie bauen Zwischenfrüchte an. Pflanzen in unterschiedlichen Mischungen, Flachwurzler und Tiefwurzler, kommen direkt nach der Ernte des Getreides in den Boden. Sie sorgen dafür, dass der Boden nicht brach liegt, nicht weiter austrocknet oder erodiert. Diese Zwischenfrüchte werden zu Futter weiterverarbeitet – oder direkt als Nahrung für die Bodenlebewesen eingearbeitet. „Die Humusschicht rettet uns oft ein paar Tage bis zum nächsten Regen“, so Jana Gäbert.

Im Sommer zeigen sich in Trebbin auch die Blühstreifen und -flächen in ihrer ganzen Vielfalt. Fenchel wächst am Feldrand, Ringelblumen, Schafgarbe. Libellen summen zwischen den Blüten, Grashüpfer. „Anfangs wurden wir oft auf das Unkraut an den Feldern hingewiesen“, sagt Jana Gäbert, „mit dem Hinweis, doch mal wieder was dagegen zu machen“. Inzwischen säumen Informationstafeln die Blütenstreifen.

Der Klimawandel verändert die Jahreszeiten, verstärkt die Extreme

Kleine Blüteninseln stehen auch in der Luzerne, die gerade frisch geschnitten ist. Die blauen Inseln bleiben, weil sie wichtiges Insektenfutter sind. Hier zeigt sich der Spagat, den nachhaltige Landwirtschaft geht. Luzerne ist wichtiges einheimisches Eiweißfutter für die Rinder. Doch blühende Luzerne fressen die Tiere nicht. So bleiben als Lösung für beide, Rinder und Insekten, die Inseln stehen.

Der Klimawandel verändert die Jahreszeiten, verstärkt die Extreme. Wie perspektivisch umgehen mit diesen Veränderungen? Die Landwirtschaft, so Agrarmeteorologe Falk Böttcher, passt sich über Züchtung resilienterer Sorten und über Risikostreuung an. Neue Sorten brauchen etwa zehn Jahre, bis sie so weit entwickelt sind, dass sie ausgesät werden können. Risikostreuung setzt auf den parallelen Anbau solcher Züchtungen: Mais aus Frankreich verträgt mehr Wärme. Der aus Russland mehr Kälte. Diese Form des Risikomanagements hat auch Auswirkungen auf die Arbeitsorganisation. Böttcher: „Neben den ökonomischen Zwängen müssen die Landwirtinnen und Landwirte auch das Klima mit einbauen.“

In Trebbin bauen sie auf einer kleinen Fläche Kichererbsen an, im zweiten Jahr. Es ist ein Versuch, die eigentlich mediterrane Pflanze, die Wärme und Trockenheit gut verträgt, im trockener werdenden Brandenburg zu etablieren. Kichererbsen sind wichtige pflanzliche Eiweißlieferantinnen. Die erste Ernte 2020 versorgt die heimische Kantine. Nun soll das Projekt weiter vermarktet werden. „Wissenstransfer“, sagt Biodiversitätsstrategin Jana Gäbert: „Der Austausch und die Vernetzung neuer Erkenntnisse gehören zu einer nachhaltigen Landwirtschaft dazu.“

Wird dies alles genügen, eine stabile Landwirtschaft in einem sich wandelnden Klima zu behaupten? Klimawissenschaftler Falk Böttcher: „Die weitere Entwicklung hängt von uns Menschen ab. Wenn wir das 1,5-Grad-Ziel erreichen, geht der Erwärmungseffekt hoffentlich zurück.“

Der Text ist ausgekoppelt aus dem aktuellen Naturgefahrenreport des GDV, den Sie hier finden.

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