Die Konjunktur trotzt dem Gegenwind, die Staatsanleihen nicht
Ölpreis, Inflation und Leitzinsen sind gestiegen, doch die Konjunktur in den USA und Deutschland trotzt dem Gegenwind bislang besser als erwartet. Warum die Staatsanleihen dagegen nicht standhalten und wo sich die Risiken an den Märkten verlagern, zeigt die aktuelle Ausgabe der Economics & Finance Perspectives.
Der Krieg zwischen den USA und dem Iran prägt weiterhin das wirtschaftliche Umfeld, doch seine Folgen fallen ungleich aus. Die Weltwirtschaft verkraftet den Ölpreisschock bislang besser als befürchtet, an den Anleihemärkten hinterlässt er dagegen deutliche Spuren. Der Ölpreis reagiert auf jede Wendung im Konflikt und schwankt entsprechend stark, bleibt aber grundsätzlich erhöht und verharrt derzeit im Bereich von 100 US-Dollar je Barrel. Fed und EZB haben ihre Leitzinsen erhöht, und die Renditen von Staatsanleihen liegen so hoch wie seit vielen Jahren nicht mehr.
Drei wesentliche Entwicklungen prägen das Umfeld aktuell:
- Erstens ist die Konjunktur robuster, als es die Lage am Ölmarkt vermuten lässt, steht aber noch auf dünnen Beinen. In den USA tragen vor allem die Investitionen in Rechenzentren das Wachstum, in Deutschland Staatsausgaben und Exporte, während der private Konsum hier wie dort schwächelt. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute haben ihre Wachstumsprognosen für Deutschland im Herbst gegenüber dem Frühjahr zwar deutlich angehoben, die Gemeinschaftsdiagnose erwartet ab 2028 aber wieder eine spürbar schwächere Dynamik.
- Zweitens bleibt der Ölpreis der wichtigste Preistreiber. Die Inflationsrate in Deutschland stieg im September auf 3,3 Prozent, zumal die Engpässe bei Diesel länger anhalten dürften als die Schwankungen beim Rohöl. Substanzielle Zweitrundeneffekte bleiben bislang allerdings aus.
- Drittens verschiebt sich der Druck an den Anleihemärkten. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen steigt nicht mehr allein wegen höherer Inflationserwartungen, zunehmend tragen auch steigende Realrenditen den Anstieg. Für die EZB ist das eine schwierige Kombination, denn jede weitere Zinserhöhung verteuert die Finanzierung von Unternehmen und hoch verschuldeten Staaten, während zu viel Zurückhaltung die Inflation verfestigen könnte. Wie selektiv die Märkte Risiko inzwischen bewerten, zeigt Frankreich, dessen Risikoaufschlag gegenüber Bundesanleihen so hoch ist wie seit der Euro-Schuldenkrise nicht mehr, während die Aktienmärkte insgesamt kaum reagieren. Die Risiken könnten sich allerdings deutlich verschärfen, wenn die Lage am Golf erneut deutlich eskaliert oder die Erwartungen an den KI-Boom enttäuscht werden.
Die vollständige September-Ausgabe der Economics & Financial Perspectives steht Ihnen hier zum Download zur Verfügung. Bei Fragen wenden Sie sich gerne an den Autor Dr. Kay Seemann.