Versicherungsstandort Deutschland: Der Weg zum KI-Champion
Bei der GDV-Veranstaltung „Versicherungsstandort Deutschland im KI-Zeitalter" diskutierten Vertreter aus Versicherungswirtschaft, Politik, Aufsicht und Technologiebranche über den Einsatz und die Skalierbarkeit von KI.
v. l.: Sebastian Schnitzler (Bafin), Dr. Bogdan Werth (Microsoft), Johannes Rath (Signal Iduna Gruppe), Robert Heinrich (BMDS), Mark Klein (ERGO Group AG)
Künstliche Intelligenz gehört längst zum Alltag vieler Versicherer. Doch reicht das schon aus, um im internationalen Wettbewerb zu bestehen? Bei der GDV-Veranstaltung „Versicherungsstandort Deutschland im KI-Zeitalter“ diskutierten Vertreter aus Versicherungswirtschaft, Politik, Aufsicht und Technologiebranche genau diese Frage. Ihr gemeinsamer Befund: Die Branche hat mit vielen Anwendungen bereits überzeugende Ergebnisse erzielt, jetzt geht es darum, diese in der Breite zu verankern.
Versicherer sind für KI wie gemacht
Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des GDV, eröffnete die Veranstaltung mit einer klaren Position. Versicherer verkaufen kein physisches Produkt, sondern ein Leistungsversprechen. Genau das macht sie für den Einsatz von KI besonders geeignet. Wer Sicherheit verkauft, kann durch KI selbst noch sicherer werden und zwar entlang der gesamten Wertschöpfungskette von der Kundenberatung bis zur Schadenregulierung.
Damit dieser Vorteil auch wirklich zum Tragen kommt, braucht die Branche laut Asmussen zwei Dinge zugleich: verlässliche Regulierung und ausreichend Freiraum für Innovation. Beides zusammen schafft Vertrauen, ohne den Fortschritt auszubremsen. Nur so werden Versicherer zum KI-Champion.
Wie Versicherer KI heute schon nutzen
Wie das in der Praxis aussieht, zeigte Marc Klein, Chief Digital Officer und Mitglied des Vorstands der ERGO Group AG, an einem konkreten Beispiel. Bei der Prüfung von Zahnkosten- und Laborrechnungen erfasst eine KI die Daten inzwischen mit einer Treffgenauigkeit von 90 bis 95 Prozent. Menschen kontrollieren die Ergebnisse. Die Bearbeitungszeit sank dadurch von anderthalb Stunden auf etwa zehn Minuten. Kunden erhalten ihre Erstattung schneller und die Qualität der Bearbeitung steigt gleichzeitig.
„Der Mitarbeiter wird nicht Teil der Maschine, sondern er kontrolliert die Maschine“, beschreibt Klein die Veränderung für die Belegschaft.
Klein richtete daraus drei konkrete Bitten an Politik und Regulierung. Erstens sollten klassische statistische Verfahren nicht automatisch als Hochrisiko-KI gelten. Zweitens sollte sich risikoarme KI schnell und mit möglichst wenig Bürokratie einführen lassen. Drittens sollte die Datennutzung einfacher werden, etwa durch mehr Pragmatismus in der Anwendung der Datenschutzgrundverordnung.
Auch Johannes Rath, Vorstandsmitglied für Kunde, Service und Transformation bei der Signal Iduna Gruppe, berichtete von messbaren Fortschritten. Der Wissensassistent COSI unterstützt Vertrieb und Innendienst inzwischen so gut, dass sich die Weiterleitungsrate im Kundenservice von 27 auf 3 Prozent reduziert hat. 96 Prozent der Mitarbeitenden nutzen das System bereits, rund 70 Prozent sogar wöchentlich.
„Im Kern ist AI eine Bottom-up-Revolution“, bringt Rath diese Entwicklung auf den Punkt. Neue KI-Anwendungen entstehen bei Signal Iduna zunehmend direkt am Arbeitsplatz der Mitarbeitenden, nicht am Reißbrett der IT-Abteilung. Ein Beispiel ist das automatische Routing von Kundenanfragen in der App. Die Fehlerquote sank hier innerhalb von zwei Wochen von rund 50 auf unter 8 Prozent. Rath sieht darin den nächsten logischen Schritt: Einfache Fälle sollen künftig zuerst durch KI bearbeitet werden, Menschen greifen nur noch dort ein, wo es wirklich nötig ist.
Deutschland hat gute Voraussetzungen, aber ein Tempo-Problem
Robert Heinrich, Unterabteilungsleiter für Digitalwirtschaft, Künstliche Intelligenz und Daten im Bundesministerium für Digitales und Staatsmodernisierung, ordnete diese Entwicklungen in die nationale Strategie ein. Deutschland soll zum KI-Land werden, allerdings weniger als Entwickler eigener Sprachmodelle, sondern als starker Standort für KI-Anwendungen in etablierten Branchen wie der Versicherungswirtschaft.
Die Grundlagen dafür sind vorhanden: exzellente Forschung, ein großer Datenschatz und eine lebendige Start-up-Szene. Um diese Stärken zu nutzen, setzt die Bundesregierung auf drei Hebel. Sie will Datenräume und föderierte Modelle ausbauen und die nationalen Regelungen zur Datennutzung in einem Datengesetzbuch bündeln. Sie will außerdem die Rechenkapazität in Deutschland bis 2030 verdoppeln und die verfügbare KI-Rechenleistung sogar vervierfachen, unter anderem durch schnellere Genehmigungsverfahren. Und sie will Spitzenforscher im Land halten, indem sie ihnen bessere Rahmenbedingungen bietet.
„Wir sind im Moment nicht in der Lage, ausreichend zu skalieren“, benennt Heinrich das größte Problem offen. Kapitalmärkte und unterschiedliche nationale Regelungen innerhalb der EU erschweren es Unternehmen, erfolgreiche Anwendungen europaweit auszurollen. Ein einheitlicheres Regime könnte hier helfen.
Was die Aufsicht von der Branche erwartet
Sebastian Schnitzler, Head of Quantitative Risk Modelling / AI & Market Risk bei der BaFin, gab einen Ausblick auf die künftige Rolle seiner Behörde. Sobald das deutsche Umsetzungsgesetz zur KI-Verordnung in Kraft tritt, wird die BaFin für KI-Systeme im Bereich regulierter Finanzdienstleistungen zur Marktüberwachungsbehörde. Sie arbeitet dabei eng mit der Bundesnetzagentur zusammen.
Schnitzler machte deutlich, dass die BaFin Doppelregulierung vermeiden und stattdessen eine europaweit einheitliche Auslegung der Regeln erreichen will. In der Frage, was überhaupt als KI gilt, positionierte er sich klar: Klassische statistische Verfahren sollten nicht unter die KI-Verordnung fallen. Gleichzeitig achtet die BaFin darauf, dass einfache Modelle nicht genutzt werden, um strengere Regeln zu umgehen.
Aus einem Entwurf der EU-Leitlinien geht hervor, dass künftig auch weitere Versicherungsprodukte als Hochrisiko-Anwendungen gelten könnten. Die Konsultationsfrist dazu läuft bis zum 23. Juli 2026. Schnitzler rief die Branche ausdrücklich dazu auf, sich in diesem Prozess einzubringen. Im Sinne der KI-Anwendungsfelder brachte er seine Haltung in einem Satz auf den Punkt: „Go and innovate, but stay compliant.“
Bei aller Gesprächsbereitschaft zog Schnitzler jedoch eine klare Grenze: Verbotene Praktiken, diskriminierende Verfahren und Verletzungen von Grundrechten bleiben tabu, ganz gleich wie dialogorientiert die Zusammenarbeit sonst verläuft. Aus ersten Gesprächen mit Unternehmen berichtete er zudem von einem konkreten Punkt, an dem noch Klärungsbedarf besteht: die Begründung, warum und welche, teils sensiblen, Kundendaten in KI-Modelle einfließen. Hier sieht er noch Raum, die Daten- und KI-Kompetenz in den Unternehmen weiter auszubauen.
Drei Reifegrade der KI-Nutzung
Bogdan Werth, Insurance Lead Germany bei Microsoft, ordnete die verschiedenen Beispiele der Veranstaltung in ein größeres Bild ein. Er unterscheidet drei Entwicklungsstufen: Zunächst steigert KI die persönliche Produktivität einzelner Mitarbeitender. Danach übernimmt sie fachliche Aufgaben in einzelnen Prozessschritten, etwa in der Schadenbearbeitung oder im Underwriting. In der dritten Stufe schließlich arbeiten KI-Agenten ganze Prozesse eigenständig von Anfang bis Ende ab.
„Versicherungen haben eigentlich die idealen Voraussetzungen“, ist sich Werth sicher. Nach seiner Praxiserfahrung setzen inzwischen alle großen Versicherer KI ein, der Reifegrad unterscheidet sich jedoch stark. Nur wenige Unternehmen haben die dritte Stufe bereits erreicht. Die erfolgreichsten unter ihnen eint dabei einiges: Der Vorstand steht klar hinter dem Thema, die Verantwortlichkeiten sind eindeutig geregelt, und im Unternehmen herrscht eine echte Kultur des Ausprobierens. Werth warnte zugleich vor einer Gefahr: Stellen Unternehmen ihren Mitarbeitenden keine sicheren KI-Werkzeuge zur Verfügung, greifen diese eigenständig auf private oder inoffizielle Tools zurück. Das erhöht die Risiken für das gesamte Unternehmen erheblich.
Ein gemeinsamer Auftrag für alle Beteiligten
Zum Abschluss richteten die Beteiligten den Blick nach vorn. Dabei wurde deutlich, wie sehr ihre Anliegen ineinandergreifen. Die Versicherungswirtschaft fordert vor allem Tempo: eine pragmatische Umsetzung der KI-Verordnung für risikoarme Anwendungen, mehr Klarheit bei statistischen Verfahren und ausreichend Freiraum, um erfolgreiche Lösungen zu skalieren. Genau hier setzt die Bundesregierung an. Sie versteht Kompetenzaufbau nicht als Aufgabe einzelner Unternehmen, sondern als gesellschaftliches Projekt, bei dem Politik und Wirtschaft an einem Strang ziehen müssen.
Damit dieses Zusammenspiel funktioniert, braucht es aus Sicht der Versicherer vor allem eines: einen frühen und ehrlichen Austausch mit Aufsicht und Politik, statt neuer Regulierungsvorhaben, die am eigentlichen Bedarf der Branche vorbeigehen. Die BaFin greift diesen Wunsch auf, formuliert ihn aber aus ihrer Perspektive um. Für sie ist die KI-Verordnung vor allem eine Chance auf einen Rechtsraum, dem Kunden vertrauen können und der die Branche im internationalen Vergleich stärkt. Sie fordert die Unternehmen daher aktiv dazu auf, diesen Rahmen mitzugestalten, statt nur abzuwarten.
Auf einer dritten Ebene schließlich setzen Technologieanbieter an der Umsetzung im Unternehmen selbst an. Wer Betriebsräte, Sicherheitsverantwortliche und Fachbereiche frühzeitig einbindet, schafft nicht nur Akzeptanz bei den Mitarbeitenden, sondern verhindert auch, dass unkontrollierte Schatten-IT die eigenen Sicherheitsstandards unterläuft.
So ergibt sich am Ende ein klares Bild: Die Technologie ist da, erste Erfolge lassen sich längst in Zahlen belegen. Ob Deutschland als Versicherungsstandort im KI-Zeitalter vorne mitspielt, entscheidet sich nun daran, wie schnell Regulierung, Politik und Unternehmen den gemeinsamen Sprung von der Pilotphase zur echten Skalierung schaffen.