Positionen-Magazin
Kli­ma­krise

Zeit­al­ter der Wet­ter­ex­treme

Fluten, Stürme, Hitze, Dürren, Brände: Die Klimakrise zeigt sich deutlicher als jemals zuvor. Wie sich Deutschland daran anpassen muss – und welche Rolle Versicherer dabei spielen.

Am 27. Juni 2021 geht ein Raunen durch die Welt der Meteorologie. An diesem Tag steigt das Thermometer im kanadischen Lytton auf 46,6 Grad Celsius – höher als je zuvor in Kanada. Am 28. Juni berichten erste ausländische Medien über die Gemeinde unweit des Wintersportparadieses Whistler; die örtliche Wetterstation meldet jetzt 47,9 Grad. Als das Thermometer am 29. Juni bei 49,6 Grad steht, bringen Newsportale in aller Welt Nachrichten aus Lytton. Wie hoch  die Temperatur am 30. Juni steigt, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei feststellen. An diesem Tag zerstört ein Feuersturm die kleine Gemeinde. Dass neue Hitzerekorde aufgestellt werden, ist nicht ungewöhnlich. Es passiert laufend, genauso wie immer irgendwo auf der Welt ausgedörrte Wälder und Buschland in Flammen aufgehen. Dennoch ist die Katastrophe von Lytton exemplarisch. Sie markiert eine neue Phase der globalen Klimakrise. Nie zuvor waren ihre katastrophalen Auswirkungen so greifbar wie in diesem Sommer der Extreme auf der Nordhalbkugel. 

Ende Mai: 31 Grad an der Barentssee in der russischen Arktis. Anfang Juli: 33,6 Grad im Norden Finnlands. Mitte August: 47,2 Grad in Andalusien und 48,8 Grad auf Sizilien. Mit Fieberthermometern sind viele Höchstwerte dieses Sommers nicht mehr messbar, ihre Skala reicht nur bis 42. Wenn jahrzehntealte Rekorde in der Vergangenheit übertroffen wurden, dann um ein, zwei Zehntelgrad. Jetzt werden sie pulverisiert. Zugleich erreichen die Waldbrände rings um das Mittelmeer, in Sibirien, in Kanada und an der Ostküste der USA ein Ausmaß, das alles bisher Gekannte sprengt. Doch Hitze und Brände sind nur das eine. Zur selben Zeit jagen Hurrikane über den Atlantik, versinkt der Westen Deutschlands im Hochwasser, lösen Regenfälle in China Sturzfluten und in Japan Erdrutsche aus. Und auf dem höchsten Punkt des grönländischen Eispanzers, 3200 Meter über dem Meer, fällt zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen nicht Schnee, sondern Regen. Der gesamte Artikel ließe sich mit einer Aufzählung von Beispielen extremer Wetterausschläge füllen, allein aus diesem Jahr.

Es wird heißer und trockener. Gleichzeitig gibt es mehr Starkregen und Hochwasser

Was all das bedeutet, haben die Autoren des jüngsten Weltklimaberichts ebenso nüchtern wie schonungslos beschrieben: Der Mensch verändert das Antlitz der Erde immer schneller und in immer größerem Ausmaß. Der von ihm verursachte Ausstoß von Treibhausgasen, allen voran CO2 und Methan, hat die Temperatur der Erdatmosphäre im globalen Durchschnitt schon heute um gut 1,1 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit erhöht. Die Folgen sind dramatisch. Der Anstieg des Meeresspiegels beschleunigt sich, ebenso das Massenaussterben von Tier- und Pflanzenarten, das es in dieser Form seit dem Verschwinden der Dinosaurier nicht mehr gegeben hat. Krankheitserreger breiten sich in der wärmeren Welt schneller aus. Die Risiken für Dürren, extreme Hitzewellen und Waldbrände steigen. Zugleich wird es vielerorts nasser, weil die aufgeheizte Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnimmt. Stürme und Starkregen dauern tendenziell länger und werden stärker, Hochwasser und Sturzfluten damit wahrscheinlicher. Soll der Temperaturanstieg, wie 2015 auf dem Pariser Klimagipfel beschlossen, auf 1,5 Grad begrenzt werden, bleiben der Menschheit vielleicht noch zehn Jahre zum Handeln, so der Weltklimarat IPCC.

Die Realität folgt den Prognosen der Klimaforscher. Schneller als erwartet

Man kann nicht behaupten, die Welt sei nicht gewarnt gewesen. Klimaforscher sagen diese Entwicklung seit Jahrzehnten voraus. Schon 1856 wies die Amerikanerin Eunice Newton Foote den Treibhauseffekt experimentell nach. 1896 beschrieb Svante Arrhenius, wie der Mensch das Klima durch das Verbrennen von Kohle erwärmt. Lediglich in der Bewertung lag der Schwede falsch: Er sah im Klimawandel eine Verheißung – künftigen Generationen werde es möglich sein, „unter einem wärmeren Himmel“ zu leben. 1958 begann der Amerikaner Charles D. Keeling eine Langzeitmessung des CO2-Gehalts der Atmosphäre, die noch heute läuft. Der Datensatz wurde als „Keeling-Kurve“ berühmt, sie verläuft von links unten nach rechts oben. Einige der genauesten Prognosen stammen ausgerechnet von Verursachern der Klimakrise: Forscher des Ölkonzerns Exxon beschrieben schon 1982 den zu erwartenden Verlauf des Temperaturanstiegs verblüffend exakt. Ihre Studie verschwand umgehend in der Schublade. Was Wissenschaftler heute überrascht, sind nicht die derzeit überall zu beobachtenden Folgen der Erderhitzung. Es ist die Schnelligkeit, mit der sie eintreten. Lange äußerten sich Forscher konservativ. Um nicht als alarmistisch zu gelten, beschrieben sie aus der Spanne ihrer Erwartungen eher das mildere Ende. Wurden sie gefragt, ob einzelne Wetterereignisse dem Klimawandel zuzuschreiben seien, lautete ihre Standardantwort, das lasse sich nicht seriös beantworten. Doch die Zeit der Zurückhaltung ist vorbei. 

Unwetterschäden in Deutschland (1/2)

Inzwischen existiert eine neue Wissenschaftsdisziplin, die sogenannte Attributionsforschung. Eine ihrer Begründerinnen ist Friederike Otto, Professorin an der Universität Oxford. Die gebürtige Kielerin, Co-Autorin des Weltklimaberichts, untersucht Extremwetterereignisse schon, während sie noch andauern. „Wir vergleichen das Wetter, das wir in der realen Welt beobachten, mit dem einer fiktiven Welt, in der es den menschengemachten Treibhausgasausstoß nicht gibt“, sagt Otto. Sie und ihr Team füttern Supercomputer mit Echtzeitdaten, um zu errechnen, ob und in welchem Ausmaß die Erderhitzung mitverantwortlich ist, wenn Stürme wüten oder Flüsse im Dauerregen zu Binnenmeeren werden. Nicht immer kommen sie zu eindeutigen Ergebnissen, Hagelstürme etwa treten so kleinteilig auf, dass sie extrem schwer zu berechnen sind. Doch in vielen Fällen trauen sich die Forscher klare Antworten zu. Die Hitzewelle zum Beispiel, in deren Verlauf Lytton in Flammen aufging, sei ohne den Treibhauseffekt „praktisch unmöglich“. Auch die Flut vom Juli an Ahr, Erft und Maas in Deutschland und Belgien haben die Attributionsforscher analysiert. Ergebnis: Schon der derzeitige Temperaturanstieg habe das Risiko einer solchen Katastrophe um bis zu neunmal erhöht. „Die Ergebnisse zeigen, dass es immer wichtiger wird, auch solche extremen und sehr seltenen Ereignisse zu berücksichtigen“, sagte der an der Studie beteiligte Forscher Maarten van Aalst dem Deutschlandfunk. „Denn durch den Klimawandel werden sie künftig wahrscheinlicher.“

Die Warnungen der Forscher scheinen zumindest Teile der Politik erreicht zu haben. „Der Klimawandel ist in Deutschland angekommen“, twitterte etwa Bundesumweltministerin Svenja Schulze nach der Flut. „Die Ereignisse zeigen, mit welcher Wucht die Folgen des Klimawandels uns alle treffen können und wie wichtig es ist, sich künftig noch besser auf solche Extremwetterereignisse einzustellen.“ In der Praxis allerdings tun sich Bund, Länder und Kommunen oft schwer, die richtige Antwort zu geben. Es mangele nicht an guten Worten und hehren Zielen, erklärte Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des GDV. „Bei der Umsetzung hapert es aber gewaltig. Die Anpassung an die Folgen des Klimawandels muss Tag für Tag unser aller Handeln bestimmen, zum Mainstream werden.“ Das nötige Instrumentarium für diese Anpassung haben Forscher längst beschrieben. Sie sprechen davon, dass Deutschland „resilient“ werden muss. In der Psychologie beschreibt dieser Begriff die Fähigkeit, mit Schicksalsschlägen fertig zu werden. Auf die Klimakrise bezogen bedeutet er, extremen Wetterereignissen zu trotzen.

Unwetterschäden in Deutschland (2/2)

In Deutschland geht das größte Klimarisiko von der Temperatur aus. Die Zahl der Hitzetage mit mehr als 30 Grad nimmt zu. Bis in die Neunziger hinein waren zehn Hitzetage pro Jahr äußerst selten. 2018 waren es schon 20. Im Südwesten des Landes sind künftig sogar Temperaturen von weit über 40 Grad möglich, wie zuletzt am Mittelmeer. Wenn es tage- oder wochenlang so heiß ist, wird es für Alte, Kranke und Kleinkinder lebensgefährlich. Das zeigt die gut erforschte Hitzewelle von 2003, die europaweit 70.000 Menschen das Leben gekostet hat. Besonders stark heizen sich die Städte auf. Asphaltierte Flächen, Steinhäuser und Bürotürme mit Glasfassaden verwandeln sie in regelrechte Glutöfen. Das beste Gegenmittel sind Grünflächen: Bäume und bewachsene Fassaden wirken wie urbane Klimaanlagen, in ihrem Umfeld liegen die Temperaturen um mehrere Grad niedriger. Begrünte Dächer, Parks und Mulden helfen auch gegen die zweite große Klimagefahr: Wasser. Bei Starkregen nehmen die Pflanzen einen Teil der Fluten auf und entlasten so die Kanalisation. Stadtplaner sprechen vom Konzept einer „Schwammstadt“, die sich bei Regen vollsaugt und das Wasser später dosiert wieder abgibt. Doch freie Flächen sind in Städten ein knappes Gut. Wo Parks angelegt werden, können keine Häuser gebaut werden, vielerorts kämpfen Anwohner um jeden Parkplatz, der einem Baum weichen soll. Auch außerhalb der Ballungszentren werden immer mehr Flächen versiegelt. Bei Starkregen wird das Wasser so in Flüsse, Bäche oder die Kanalisation geleitet, sodass die Pegelstände steigen.

Theoretisch darf in Überschwemmungszonen nicht gebaut werden. Praktisch schon

Doch selbst die beste Vorsorge kann kaum verhindern, dass besonders gefährdete Gebiete etwa an Flüssen und Bächen von Hochwasser überspült werden. „Deswegen dürften dort eigentlich auch keine Baugebiete ausgewiesen werden“, sagt Oliver Hauner, Leiter der Abteilung Sach- und Technische Versicherung, Schadenverhütung und Statistik des GDV. Er betont das „eigentlich“ in seinem Satz, denn in der Praxis kommt es doch immer wieder dazu. Grund ist das Wasserhaushaltsgesetz, das in Paragraf 78 Baugebiete in Überschwemmungsgebieten erst verbietet, dann aber nicht weniger als neun mögliche Ausnahmen definiert. „Da ist für jeden etwas dabei“, sagt Hauner. Er sieht darin ein Versäumnis des Gesetzgebers, der Naturgefahren, anders als etwa Feuer, noch immer nicht als Schutzziel im Bau- und Bauordnungsrecht erkannt habe. In der Schweiz oder den Niederlanden sei man weiter – dort seien bestimmte Hochrisikozonen strikt von der Bebauung ausgenommen. Wolfgang Dickhaut, Professor für umweltgerechte Stadt- und Infrastrukturplanung an der HafenCity Universität Hamburg, glaubt, dass es den Behörden an Weitsicht mangelt. „Die meisten Verantwortlichen sind offenbar überzeugt, es sei günstiger, alle zehn Jahre mit Hilfsfonds die Schäden der Klimafolgen zu beheben, als sich an sie anzupassen“, sagte er der „Zeit“. GDV-Experte Hauner wünscht sich eine ganzheitlichere Betrachtung des Themas. Dazu zählt er die praktische und regulatorische Vorsorge von Bund, Ländern und Kommunen, die individuelle Vorsorge von Immobilienbesitzern und den Versicherungsschutz im Rahmen einer Elementarschadenpolice.

Fast jedes Gebäude ist gegen Naturgefahren versicherbar. Braucht es trotzdem eine Pflicht?

Gerade um den letzten Punkt ist nach der Flut an Ahr und Erft eine Debatte entbrannt. Angesichts der Katastrophe wurden Rufe nach einer Pflichtversicherung gegen Elementarschäden laut. Jan-Oliver Thofern, Geschäftsführer des Versicherungsmaklers Aon Deutschland, vermutet dahinter die verbreitete Fehleinschätzung, dass es bislang für viele Gebäude aufgrund des Risikos nicht möglich sei, eine Versicherung abzuschließen. „Aber das ist falsch. Für nahezu 100 Prozent aller Gebäude gibt es ein Versicherungsangebot. Eine Pflichtversicherung ist aus meiner Sicht daher nicht nötig“, sagt Thofern. 

Gert G. Wagner, Mitglied im Sachverständigenrat für Verbraucherfragen, spricht sich dagegen für eine Versicherungspflicht aus. Die Prämien sollten vom individuellen Risiko und von der jeweils getroffenen Vorsorge abhängig sein. Dadurch, glaubt der Wirtschaftswissenschaftler, bekäme das Thema Prävention endlich einen festen Platz in der öffentlichen Debatte. „Die Gesellschaft leidet unter Hochwasserdemenz. Nach einer Flut ist die Aufregung groß, aber wenig später ist alles wieder vergessen“, sagt Wagner. Damit wäre Schluss, wenn es risikoäquivalente Prämien gäbe. „Für Bestandsbauten könnte es staatliche Zuschüsse analog zum Wohngeld geben.“ Einig sind sich beide darin, dass die Versichertenquote steigen muss. „Es darf keine wirtschaftlich rationale Entscheidung sein, sich trotz vorhandener Möglichkeit und wider besseres Wissen nicht gegen Elementarschäden zu versichern, weil man darauf vertraut, dass im Zweifelsfall die Gemeinschaft der Steuerzahler für die Schäden aufkommt“, sagt Thofern.

Text: Volker Kühn

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