Ener­gie­wende

Mit grü­nem Was­ser­stoff gegen die Kli­ma­krise - und wel­che Rolle Ver­si­che­rer dabei spie­len

Wasserstoff ist unverzichtbar für eine klimaneutrale Industrie. Auch Mobilität und Wärmeversorgung kommen dauerhaft nicht ohne den unsichtbaren Energieträger aus - und der Aufbau der passenden Infrastruktur nicht ohne Versicherer

Wasser als Brennstoff einsetzen? Das klingt zunächst einmal so sinnvoll, wie einen Ofen mit Eisbriketts zu heizen. Welch gewaltige Energiemengen durch die Aufspaltung der extrem robusten Wassermoleküle freigesetzt werden können, dringt erst seit einigen Jahren ins öffentliche Bewusstsein. Wasserstoff gilt als Treibstoff des dritten Jahrtausends: energiereich, transportabel, weltweit verfügbar – und vor allem klimaneutral.

Schon vor 150 Jahren ließ der Schriftsteller Jules Vernes in „Die geheimnisvolle Insel“ seine Romanfigur Cyrus Smith das Prinzip der Elektrolyse erklären: die Herstellung von Wasserstoff durch Elektrizität. Smith, ein US-Ingenieur und die Verkörperung des fortschrittsbegeisterten Optimisten, ist in den Wirren des amerikanischen Bürgerkriegs 1865 mit vier Gefährten auf einer einsamen Insel gestrandet. Gemeinsam sinnieren sie darüber, wie sie über den Winter kommen sollen, wenn die Kohlevorräte erschöpft sind. Und überhaupt, fragt Pencroft, ein Mitglied der Gruppe: Was wird all den Fabriken, Zügen und Schiffen eines fernen Tages als Brennstoff dienen, wenn die Kohlegruben nichts mehr hergeben? „Ich denke, Wasser“, antwortet Cyrus Smith. „Wasser!“, ruft Pencroff erstaunt. „Wasser, um Dampfschiffe und Lokomotiven anzutreiben, Wasser, um damit Wasser zu erhitzen!“ „Ja, allerdings das in seine Elementarbestandteile zerlegte Wasser“, belehrt ihn Cyrus Smith, „zerlegt durch Elektrizität. Ich bin davon überzeugt, dass Wasser einmal als Brennstoff Verwendung finden wird, dass seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff zur unerschöpflichen und ganz ungeahnten Quelle von Wärme und Licht werden.“

200 Jahre von der Entdeckung bis zum Massenmarkt

Anderthalb Jahrhunderte geistert die Aussicht auf eine nie versiegende Energiequelle also schon als Verheißung durch die Köpfe von Ingenieuren, Unternehmern und Ökonomen. Zwar wurde das Prinzip schon im Jahr 1800 entdeckt, kurz nachdem der italienische Physiker Alessandro Volta die erste brauchbare Batterie entwickelt hatte. Doch erst heute schickt sich die Technologie an, den Sprung in den Massenmarkt zu schaffen. Denn Wasserstoff, jahrzehntelang chancenlos gegen die günstigeren fossilen Brennstoffe, verbrennt CO2-frei – und könnte damit helfen, das vielleicht größte Problem der Menschheit in den Griff zu bekommen: die Klimakrise.

Für Versicherer hat Wasserstoff in mehrfacher Hinsicht eine wichtige Rolle

Auf einmal ist Wasserstoff nicht mehr wegzudenken aus den Strategiepapieren von Konzernen und Energiepolitikern. Die Integration von Wasserstoff als Energieträger wird nach Überzeugung von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck kurzfristig deutlich Fahrt aufnehmen. „Das wird jetzt in kurzer Zeit einen sehr schnellen Hochlauf erleben“, sagte er kürzlich.

Vielen gilt er als „das neue Öl“, als Treibstoff auf dem Weg ins post-fossile Zeitalter. Er soll Industrien wie die Stahl- und Zementerzeugung vom CO2-Ausstoß befreien, er soll Containerfrachtern und Zügen sauberen Treibstoff liefern, in Chemiefabriken als Rohstoff dienen und Gebäude klimafreundlich heizen. Bund, Länder und Unternehmen investieren Milliarden in die Erforschung und den Ausbau der Technologie.

Auch für Versicherer spielt Wasserstoff eine zunehmend wichtige Rolle, in mehrfacher Hinsicht: Sie sichern das Entwicklungsrisiko technischer Prototypen ab, die die Erzeugung großer Mengen sauberen Wasserstoffs erst möglich machen sollen. Sie stellen aber auch Kapital für den milliardenschweren Aufbau einer nachhaltigen Infrastruktur und den European Green Deal zur Verfügung – immerhin legen deutsche Versicherer im Schnitt täglich 1,3 Mrd. Euro am Kapitalmarkt neu an. Die Branche finanziert bereits Offshore- und Solarparks, die grünen Strom für eine nachhaltige Produktion auch von Wasserstoff liefern können. So haben deutsche Versicherer bereits rund 11 Mrd. Euro in erneuerbare Energien investiert, das entspricht rund 750 Projekten in der Solar und Windenergie. Diese von Versicherern finanzierten Projekte erzeugen jährlich rund 13 Mrd. kWh sauberen Strom.

Der Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft ist eine Herkulesaufgabe

Um die Energiewende zu schaffen, muss der Ausbau erneuerbarer Energien drastisch beschleunigt werden. Ver­si­che­rer sind ideale Part­ner für den Green Deal, sichern die Risiken der Transformation ab und finanzieren den nachhaltigen Umbau der Ökonomie als Kapitalgeber.

Technische Versicherer gestalten den Wandel dabei maßgeblich mit: Sie sorgen dafür, dass selbst ambitionierteste Projekte fertig werden. Es geht immer noch länger, höher, weiter. Fehlschläge sind eigentlich tabu, da teuer. Deshalb begleitet fast jedes Projekt eine Versicherung, die auch bestätigt: Ja, die können das.

Nur grüner Wasserstoff ist CO2-neutral – aber kaum verfügbar

Es sind sein Energiegehalt und seine Ökobilanz, die das farblose Gas so wertvoll machen: Ein Liter Wasserstoff enthält die dreifache Energiemenge wie ein Liter Benzin. Wird er verbrannt, hinterlässt er keinerlei Schadstoffe, zurück bleibt nichts als Wasser. Für einige der größten Treibhausgasemittenten in der Industrie ist Wasserstoff daher unverzichtbar auf dem Weg in die klimaneutrale Welt. Für Stahlerzeuger etwa. Bei der Produktion einer Tonne Stahls in einem mit Koks befeuertem Hochofen werden laut dem Hersteller ArcelorMittal 1700 Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) frei. Wird der Stahl stattdessen mit Wasserstoff produziert, schrumpft die Menge auf 30 Kilogramm. Unter einer Voraussetzung allerdings: Der Wasserstoff muss mit Ökostrom hergestellt werden. Doch genau das geschieht bislang nur bei einem Bruchteil der erzeugten Menge.

Es gibt verschiedene Arten, Wasserstoff zu erzeugen, eine Farbskala hilft, sie zu unterscheiden: Grüner Wasserstoff stammt aus Wasser, das CO2-frei mithilfe erneuerbarer Energien gespalten wird. Grauer Wasserstoff dagegen wird mit Wärme und Wasserdampf aus fossilem Erdgas gewonnen. Das Verfahren nennt sich Dampfreformierung und setzt große Mengen CO2 frei. Auf diese Weise wird etwa der Wasserstoff zur Produktion von Ammoniak für Kunstdünger gewonnen.

Aktuell setzt die Industrie vor allem grauen Wasserstoff ein

Auch blauer Wasserstoff entsteht per Dampfreformierung. Hier wird das freiwerdende CO2 allerdings aufgefangen und unterirdisch gespeichert. Klimaneutral sei blauer Wasserstoff dennoch nicht, sagen Wissenschaftler. Denn schon bei der Förderung und dem Transport des Erdgases gelangten Unmengen Treibhausgase wie Methan in die Atmosphäre.

Bislang wird in der Industrie fast ausschließlich grauer Wasserstoff eingesetzt. Schätzungen zufolge verursacht seine Produktion gut ein Prozent des globalen Treibhausgasausstoßes. Soll er durch grünen Wasserstoff ersetzt werden, braucht es vor allem viel mehr Ökostrom.

Die Situation erinnert an den Beginn der Energiewende vor 20 Jahren. Damals hat eine ähnliche Aufbruchstimmung geherrscht – in der Gesellschaft, aber auch in der Versicherungsbranche. Die technologische Entwicklung der Erneuerbaren steckte noch in den Kinderschuhen. Es gab kaum Erfahrungen zur Zuverlässigkeit von Windrädern oder der Ausfallwahrscheinlichkeit von Biogasanlagen, geschweige denn fundierte Schadenstatistiken, auf die sich Versicherer stützen konnten. Oft ging es um Prototypen, die zum ersten Mal eingesetzt wurden.

„Da war viel Pioniergeist gefragt, aber ohne diesen Geist wäre die Energiewende nicht in Fahrt gekommen“, sagt der GDV-Experte für Sach- und Technische Versicherungen, Thorsten Land. Einen ähnlichen Entwicklungsschub erlebten die Technischen Versicherer, als vor gut zehn Jahren die Offshore-Windenergie in Nord- und Ostsee hochgefahren wurde. Praktisch über Nacht musste die Branche gewaltige Kapazitäten aufbauen – nicht nur personell, sondern auch mit Blick auf die potenziellen Schadensummen. Der Bau eines Offshore-Windparks verschlingt leicht eine Milliarde Euro oder mehr. Die nötigen Konverterstationen, die den Strom auf See sammeln und ans Festland weiterleiten, schlagen mit einer halben Milliarde Euro zu Buche. „Solche Summen müssen auch gedeckt werden können“, so GDV-Experte Land.  Man habe aber schnell gemerkt, dass die Technologie beherrschbar sei, und verfüge inzwischen über gute Modelle, die Risiken zu analysieren. Heute stehen rund 1500 Offshore-Windräder in deutschen Gewässern. Zusammen haben sie eine Kapazität wie acht mittelgroße Atomkraftwerke.

„Wir sehen uns als Wegbereiter“

Land ist zuversichtlich, dass auch die Begleitung der geplanten Wasserstoffwirtschaft für die Assekuranz zu stemmen ist: „Wir sehen uns als Wegbereiter.“ Mit Elektrolyseuren, in denen Wasser elektrisch gespalten wird, habe man bereits lange Erfahrung, wenn auch in deutlich kleinerem Maßstab verglichen mit dem, was für eine klimaneutrale Energieversorgung notwendig sein wird. „Im Bereich der klassischen Technischen Versicherungen ist Wachstum derzeit fast nur über die Verdrängung von Wettbewerbern möglich“, sagt Land. „Der Aufbau der von der Bundesregierung geplanten Wasserstoff-Infrastrukturen ermöglicht den Versicherungsanbietern dagegen die Chance auf echtes Neugeschäft.“

Dass Wasserstoff künftig überall zum Einsatz kommt, wo bisher fossile Energieträger verfeuert werden, glaubt Land allerdings nicht. Die Herstellung von grünem Wasserstoff sei zu energieintensiv, um ihn in Anwendungen einzusetzen, die sich auch direkt elektrifizieren ließen. In Kleinwagen etwa seien Batterien eine sehr viel effizientere Lösung, als mit Wasserstoff betriebene Brennstoffzellen. Anders sehe es im Schwerlastverkehr und der Industrie aus, wo es oft keine Alternative zu grünem Wasserstoff gebe.

Das deckt sich mit der Einschätzung von Wissenschaftlern. Die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung  hat das Bonmot vom „Champagner der Energiewende“ geprägt: Wasserstoff sei ein kostbares Gut. Man müsse ihn für besondere Gelegenheiten aufheben, statt ihn wahllos auszuschenken.

Volker Kühn

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