#Vers­Reg22: GDV-Kon­fe­renz zur Ver­si­che­rungs­re­gu­lie­rung

Mehr Kapi­tal im Kampf gegen den Kli­ma­wan­del

Auf der GDV-Konferenz debattieren VertreterInnen aus Politik und Aufsicht über neue Regeln für Versicherer. Die bestehenden hätten sich zwar bewährt, müssten aber an neue Situationen anpasst werden. Das gilt vor allem mit Blick auf den Klimawandel.

Die Zinswende auf dem Kapitalmarkt hat nach Einschätzung der Finanzaufsicht BaFin die finanzielle Situation der deutschen Lebensversicherer erheblich verbessert. „Wir sehen im Moment stark steigende Solvenzquoten“, sagte Frank Grund, Exekutivdirektor für Versicherungen, am Dienstag auf der GDV-Konferenz für Versicherungsregulierung in Berlin. Die Zahl der Lebensversicherer, die intensiv beaufsichtigt werden müssten, gehe entsprechend zurück. Waren es laut Grund im Vorjahr noch 20 Lebensversicherer, so sind es jetzt noch 15.

Die bessere Solvenzlage zeigt sich auch bei der Zinszusatzreserve (ZZR). Der als Reaktion auf das Niedrigzinsumfeld zusätzlich aufgebaute Kapitalpuffer, der aktuell rund 100 Mrd. Euro umfasst, sei inzwischen ausfinanziert, so Grund. Den Bedarf für große Kapitalerleichterungen sehe er jedoch nicht, sagte er mit Blick auf die anstehende Reform des europäischen Aufsichtsregimes Solvency II. „Wir sind durch Krieg, Pandemie und Niedrigzinsphase mit einem soliden Solvenzsystem gekommen.“

Nachbesserungen an Solvency II

Markus Ferber, als Koordinator im Finanzausschuss des Europäischen Parlaments zuständig für die Solvency-II-Reform, sieht in dem Punkt indes noch Verbesserungsbedarf. Solvency II sei im Moment sehr konservativ kalibriert. „Versicherer sind nicht die Langfristinvestoren, die sie sein könnten“, sagte der EU-Parlamentarier in einer Videobotschaft. Dies sei angesichts der großen Erwartungen an den Green Deal sowie der Ertragsaussichten für die Kunden ein Problem. Ferber will sich in den weiteren Verhandlungen noch für Nachbesserungen einsetzen.

Auch die Bundesregierung will privates Kapital stärker für Investitionen mobilisieren, wie Florian Toncar, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, betonte. Für Deutschland sei es daher wichtig, dass es mit der Solvency-II-Reform nicht zu zusätzlichen Belastungen für die Branche komme. Die Diskussionen über ein stärkeres Engagement des Sektors in Aktien bezeichnete Toncar als interessant: „Wir wollen, dass Versicherungen im kontrollierten Rahmen die Möglichkeit bekommen, ertragreicher anzulegen.“

Gleichgewicht aus Wettbewerbsfähigkeit und Finanzstabilität

Der Änderungsvorschlag der Europäischen Kommission zu Solvency II sieht bislang Kapitalerleichterungen für den europäischen Versicherungssektor von durchschnittlich 30 Mrd. Euro über einen längeren Zeitraum vor. „Damit ist die Balance zwischen Wettbewerbsfähigkeit auf der einen und Finanzstabilität auf der anderen Seite gewahrt“, betonte Alexandra Jour-Schröder, stellvertretende Generaldirektorin bei der EU-Kommission. Die Trilog-Verhandlungen zu Solvency II finden im nächsten Jahr statt, die Erstanwendung des überarbeiteten Regelwerks sei für das Jahr 2025 zu erwarten, sagte sie.

Weiter fortgeschritten ist das Gesetzgebungsverfahren zur Nachhaltigkeitsberichterstattung. EU-Parlament, EU-Kommission und Rat hatten sich jüngst im Trilog über die sogenannte Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) geeinigt. Sie verpflichtet Unternehmen zur Veröffentlichung von Nachhaltigkeitskennzahlen. Der Aufwand bezüglich Reporting und Datenerhebung wird von manchen Branchenexperten inzwischen gar als höher eingeschätzt als die Umsetzung der Solvency-II-Reform. Groß ist beispielsweise die Sorge, dass es zu Doppelmeldungen von Konzernen und ihren Tochterunternehmen kommen werde. Dem sei aber nicht so, stellte Jour-Schröder am Dienstag klar: „Wenn der Mutterkonzern berichtet, dann reicht das aus.“

Versicherer unterstützen grüne Transformation

Die Politik will mit der besseren Transparenz über Nachhaltigkeitsrisiken zugleich den Markt für grüne Kapitalanlagen entwickeln. Sogenanntes Green Washing – das heißt eine irreführende Vermarktung von nur scheinbar nachhaltigen Finanzprodukten – wollen die Aufsichtsbehörden aber unterbinden, wie BaFin-Vertreter Grund betonte. „Keiner muss grüne Produkte verkaufen. Aber wenn er es tut, dann muss es stimmen.“

Die Versicherungsbranche unterstützt den Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaft – schon aus Eigeninteresse. „Klimarisiken können eine Bedrohung für unser Geschäftsmodell sein“, betonte Dragica Mischler, Vorstandsvorsitzende der ÖRAG Rechtsschutzversicherung. Denn die Welt werde ab einem gewissen Grad Erderwärmung nicht mehr versicherbar sein.

EIOPA will höhere Abdeckung von Naturgefahren-Versicherungen

Höhere Eigenkapitalanforderungen für „schmutzige Investments“ lehnen die Versicherer jedoch ab. Solche Mittel brauche es aber, damit die Transformation in den Industrieunternehmen, die auf das Kapital der Investoren angewiesen seien, beschleunigt werde, sagte Julia Symon von der Nichtregierungsorganisation Finance Watch. Nachhaltigkeitsberichte allein hält sie für nicht ausreichend. „Wir müssen schon heute Risikomaßnahmen einleiten angesichts des Tempos, mit dem der Klimawandel voranschreitet.“

„Der Versicherungssektor ist besonders von Klimawandelrisiken betroffen“, sagte auch Petra Hielkemma, Chefin der europäischen Versicherungsaufsicht EIOPA. Die Behörde wolle die Branche unterstützen, besser mit Klimawandelrisiken umzugehen und den Versicherungsschutz zu verbreitern. Laut eigener Erhebungen seien nur 35 Prozent der Naturgefahrenschäden in Europa versichert. Die Ausweitung des Versicherungsschutzes müsse einhergehen mit einer besseren Anpassung an den Klimawandel. „Wir können nur dann Maßnahmen zur Schließung von Versicherungslücken ergreifen, wenn wir auch Prävention mitdenken“, sagte Hielkemma.

Text: Karsten Röbisch

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