Schutz vor Natur­ge­fah­ren

Das kli­ma­fitte Haus

Wie kann ein Gebäude die Bewohner vor zunehmenden Naturgewalten schützen? Und gleichzeitig noch klimaneutral sein? Ein Modellprojekt in Baden-Württemberg zeigt, wie sich beides miteinander verbinden lässt.

Das Eisbärhaus steht in Kirchheim unter Teck, nicht weit von Stuttgart. Es trägt die höchste Ehrung der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen. Klimaneutral, klimaangepasst, mit hoher Lebensqualität für die Menschen, die in ihm wohnen, arbeiten, einkaufen. Solarzellen liefern Energie, eine Batterie speichert sie für autarke Versorgung. Die Solaranlagen sind dicht auf der Dachfläche montiert – so bieten sie dem Sturm weniger Angriffsfläche. Als zusätzlicher Wind- und Hagelschutz dient ein engmaschiges Edelstahlnetz.

Individuelles Schutzkonzept

„Jedes Haus braucht ein individuelles Schutzkonzept vor Klimarisiken“, sagt Florian Leo, Risikoexperte der SparkassenVersicherung. Standort, Nutzung und Alter bestimmen dieses. Auch Solaranlagen können schützen. Sind sie wie Markisen über Fenstern oder Hauswänden angebracht, bieten sie an heißen Tagen Schatten und helfen, das Haus zu kühlen.

Gleiches schaffen begrünte Fassaden, die zusätzlich für Luftfeuchtigkeit sorgen und für lebensnotwendigen Sauerstoff. Noch mehr schafft ein begrüntes Dach: Es kühlt, erfrischt und fängt starken Regen auf. Professionell gepflanzt und gepflegt, verhilft es der Dachhaut zu längerem Leben. Im Eisbärhaus wächst das Grün auf dem Erdboden im Hof. Der Insektengarten lässt Regenwasser Raum zum Versickern und Schmetterlingen, Hummeln und Co. Raum zum Leben.

Präventionsmaßnahmen bringen Mehrwert 

Im Sommer sitzen die Bewohner und die Angestellten der Büros in diesem Garten unter hellen Sonnensegeln. „Prävention vor Naturgefahren ist grundsätzlich nachhaltiger als Sanierung nach einem Schaden“, sagt Risikoexperte Florian Leo. Oft ist sie auch günstiger, oft schafft sie in der Kombination Mehrwert. Mit vielen individuellen Möglichkeiten, dem Gebäude und seinem Standort angepasst, lässt sich Prävention mit Lebensqualität für Menschen und Umwelt verbinden. Das gelingt bereits mit kleinen Maßnahmen.

Robuste Pflanzkübel etwa am Grundstückseingang sind natürliche Barrieren für Regenwasser, das von der Straße kommt – und klimafreundliches Grün. Ein weiteres Beispiel: das Regenwasser auf dem Grundstück nicht nur versickern zu lassen, es aufzufangen und zur Kühlung des Gebäudes oder für den eigenen Wasserhaushalt, etwa die Toilettenspülung, zu nutzen. Eine kleine, individuelle Kreislaufwirtschaft, die schützt und Ressourcen spart.

Heute das Morgen bedenken

Im Eisbärhaus sorgt eine Sole-Wasser-Pumpe für Wärme oder Kühle im Gebäude. Sie speist sich teils aus Regenwasser, Energie bezieht sie geothermisch aus der Erde. Frischluft wird über das Dach angesaugt und auf Raumtemperatur gebracht. Die Erdtemperatur unter dem Haus wird in einem weiteren System geführt: Ihre kühle Luft temperiert sogar den Serverraum des Wohn- und Geschäftsgebäudes. Der Bau selbst besteht aus recyceltem Beton und einheimischen Hölzern, mischt Robustheit mit Lebenskomfort und Ökologie. Seine Konstruktion, durch das Beton als Grundelement besonders langlebig und damit ökonomisch, hält auch Überschwemmung stand. Für gute Raumakustik sorgen leichtes Holz und Stoffe. Das Holz kann, sollte es überschwemmt werden und aufquellen, gegebenenfalls ausgetauscht werden.

„Klimafitness braucht ein anderes, weitläufigeres Planen“, sagt Florian Leo. „Es geht darum, heute schon das Morgen zu bedenken.“ Wann kommt der Starkregen und wie viel Wasser bringt er? Wie heiß kann es noch werden in deutschen Sommern und in deutschen Sommernächten? Und last, not least: Wie lässt sich der CO2 Fußabdruck des Gebäudes verringern? Das Eisbärhaus hinterlässt während seiner Lebensdauer keinen CO2-Fußabdruck. Seine Robustheit, seine Klimaangepasstheit machen es zudem kosteneffizient – es braucht geringe Nachbesserung beziehungsweise Sanierung. Architekt und Bewohner Matthias Bankwitz: „Wir sind Deutschlands Ziel der Klimaneutralität 2050 um knapp 30 Jahre voraus.“

Text: Katharina Fial

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