Jeder Strom­aus­fall ist ein Wett­lauf gegen die Zeit

Black­out: Vom dro­hen­den Kol­laps der Gesell­schaft

Ein flächendeckender Stromausfall gilt als schlimmstes Katastrophenszenario. Schon die ersten 24 Stunden ohne Strom bringen das Leben, wie wir es kennen, zum Stillstand. Was droht, wie wir vorsorgen können und wie Versicherer dabei helfen.

Mit Stresssituationen kennt sich Constantin Ahrens aus. Bis vor zwei Jahren war der 40-Jährige bei der Berliner Feuerwehr unter anderem für die Einsätze bei Stromausfällen zuständig. Doch was er im Februar 2019 erlebte, war selbst für ihn neu.

Alles begann mit einem Missgeschick

Unter einer Brücke im Stadtteil Treptow-Köpenick hatten Bauarbeiter zwei 110-Kilovolt-Leitungen mit je drei armdicken Kabeln durchbohrt. Es folgte eine Kettenreaktion: In mehr als 30.000 Haushalten fiel der Strom aus – mitten im Winter. Ampeln gingen aus, Straßenbahnen blieben stehen, kein Handyempfang mehr, kein Internet. Schulen und Kitas schickten die Kinder nach Hause in langsam auskühlende Wohnungen. Denn ohne Strom liefen auch zwei lokale Heizkraftwerke nicht mehr. Aufzüge blieben stecken, in Pflegeheimen versagten Beatmungs- und Dialysegeräte.

Und wie schon bei der Pandemie ist Deutschland schlecht vorbereitet

Blackout. Schon das Wort klingt wie ein Katastrophenfilm. Und was den Berlinern vor drei Jahren widerfuhr, war nur ein Vorgeschmack auf das, was dem ganzen Land blühen könnte. Ein lang anhaltender, flächendeckender Stromausfall gilt unter Experten als das schlimmste Katastrophenszenario. Zerstörerischer als alle Naturgefahren, verheerender als eine Pandemie. „Ein Blackout gehört aktuell zu den größten Risiken für unser Land“, warnt Wolfram Geier, Abteilungsleiter für Risikomanagement und Internationale Angelegenheiten im Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Die Wahrscheinlichkeit wächst. Und wie schon bei der Pandemie ist Deutschland schlecht vorbereitet.

Jeder Stromausfall ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Auch der in Berlin 2019. „Wir haben sofort mobile Notrufanlaufstellen in Feuerwachen, BVG-Bussen und Streifenwagen organisiert, bei denen die Bevölkerung Notfälle melden und sich informieren konnte“, sagt Ahrens, damals Leiter des Stabes Feuerwehr. Bei einem Krankenhaus war das Notstromaggregat kaputt, die Helfer organisierten ein neues. Patienten und Pflegebedürftige verlegten sie in nicht betroffene Stadtbezirke. Über das Deutsche Herzzentrum kontaktierten sie alle Einwohner mit künstlichem Herz – bei leerem Akku wären sie in akuter Lebensgefahr gewesen.

Berlin bestand den Stresstest. Nach rund 30 Stunden waren die Leitungen repariert, der Ausnahmezustand beendet. Doch was im Kleinen noch vergleichsweise gut funktioniert, wird im größeren Maßstab deutlich komplexer. „Eine Vier-Millionen-Stadt könnte man nur mit Notstromaggregaten nicht voll funktionsfähig halten“, sagt Ahrens. Allein die Kraftstofflogistik wäre eine extreme Herausforderung. Denn ohne Strom fließt kein Tropfen Benzin mehr aus den Zapfsäulen. Zudem könnten empfindliche elektronische Systeme wie Rechenzentren Schaden nehmen, mit unabsehbaren Konsequenzen. Das Institut für Technikfolgenabschätzung in Karlsruhe kam bereits 2011 in einer Studie zu dem Schluss, bei einem landesweiten Blackout wäre „ein Kollaps der gesamten Gesellschaft kaum zu verhindern“.

Schon die ersten 24 Stunden ohne Strom bringen das Leben, wie wir es kennen, zum Stillstand. Telefon und Internet fallen aus, U- und S-Bahnen bewegen sich nicht mehr, Flugzeuge bleiben am Boden. Verkehrschaos auf den Straßen, kein Bargeld mehr aus dem Automaten. In den Supermärkten laufen die Registrierkassen noch etwa 30 Minuten mit Notstrom, danach sagen sie keinen Piep mehr. „Ein großes Tiefkühlregal hält zwischen zwei und zehn Stunden durch, wenn wir die Kälte mit Rollos, die wir sonst nur nachts herunterlassen, speichern können“, sagt Björn Fromm, Präsident des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. Danach beginnt das Fleisch zu gammeln, die Pizza wird pappig, die Eiscreme flüssig.

Als 2005 im Münsterland Strommasten umknickten, schrien die Kühe  mit prall gefüllten Eutern vor Schmerzen

Krankenhäuser stellen auf Notbetrieb um, doch die Aggregate können in der Regel nur 20 bis 50 Prozent des üblichen Stromverbrauchs abdecken. Patienten, die keine Notfälle sind und nicht auf lebenserhaltende Systeme angewiesen, werden nach Hause geschickt. Auch für landwirtschaftliche Betriebe wird es schon nach wenigen Stunden kritisch: Tomaten werden nicht mehr gewässert, Küken nicht gewärmt.

Als 2005 im Münsterland aufgrund heftiger Schneefälle Strommasten umknickten, schrien die Kühe in den Ställen mit prall gefüllten Eutern vor Schmerzen. Die Feuerwehr fuhr mit Generatoren von Hof zu Hof, um die Melkmaschinen zum Laufen zu bringen.

Nach 24 Stunden beginnt der Zusammenbruch des öffentlichen Lebens, die Behörden lösen Katastrophenalarm aus. Radio- und Fernsehstationen bringen Sondersendungen – die allerdings kaum noch jemand empfangen kann. Der Sprit in den Notstromaggregaten ist aufgebraucht, die meisten Akkus sind leer. Der Wasserdruck ist so niedrig, dass es nur noch tröpfelt. Die Menschen beginnen zu realisieren, dass Nahrungsmittel knapp werden könnten – und machen alles nur noch schlimmer. „Ein durchschnittlicher Supermarkt hat so viel Waren vor Ort, dass er noch zwei bis vier Wochen weiterverkaufen könnte“, sagt Handelsexperte Fromm. „Aber die Pandemie hat gezeigt, wie irrational viele Verbraucher handeln und durch Hamsterkäufe das Angebot zusätzlich verknappen.“ Im Fall eines Blackouts wäre die Panik vermutlich noch größer.

Spätestens nach drei Tagen ohne Strom wird die Lage dramatisch

Die ersten Menschen sterben, weil sie sich nicht mehr versorgen können, lebenswichtige Medikamente fehlen oder medizinische Geräte nicht mehr funktionieren. Müllberge türmen sich auf den Straßen und ziehen Ratten an. Krankheiten beginnen sich auszubreiten, weil die Menschen verdorbene Lebensmittel essen und verunreinigtes Wasser trinken. Bei einem fast einwöchigen Stromausfall in Venezuela kam es 2019 zu Plünderungen und Gewalt.

Doch ist so etwas im wohlhabenden Europa überhaupt möglich? Experten glauben ja, denn die Risiken für das Stromnetz wachsen. Albrecht Broemme, langjähriger Präsident des Technischen Hilfswerks (THW) und heute Chef des Thinktanks Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit in Berlin, hält Hackerangriffe für die größte Gefahr. Die Cyberkriminalität steigt weltweit rasant an. Gelänge es Erpressern, die Rechner von Energieversorgern lahmzulegen oder Kraftwerkssteuerungen zu manipulieren, sähe es düster aus. Auch Terroranschläge oder Extremwettereignisse wie vor 17 Jahren im Münsterland könnten an neuralgischen Punkten die Netzstabilität in ganz Europa gefährden.

Denn die nationalen Stromnetze sind eng mit denen der Nachbarländer verknüpft. Übersteigt der Verbrauch in einem Land die Produktion, gleicht Strom von jenseits der Grenze die Lücke aus. Im Umkehrschluss bedeutet das: Ein Störfall in Kopenhagen kann dazu führen, dass in Barcelona das Licht ausgeht. Vor gut einem Jahr wäre etwas Ähnliches beinahe passiert.

Am 8. Januar 2021 kam es in einem Umspannwerk in Kroatien zu einer Störung. Zu just diesem Zeitpunkt war es in einigen Teilen Europas extrem kalt und der Verbrauch an Heizstrom hoch, während anderenorts feiertagsbedingt nur wenig Energie konsumiert wurde. Solche Ungleichgewichte machen das Netz instabil, nur durch die Notabschaltung von Industrieanlagen in Italien und Frankreich konnte ein Zusammenbruch verhindert werden. „Kurz vor Blackout“, titelte das „Handelsblatt“.

Oft sind es auch menschliche Fehler, die die Netzbetreiber ins Schwitzen bringen. Um dem Kreuzfahrtschiff „Norwegean Pearl“ eine gefahrlose Überfahrt von der Meyer Werft in Papenburg zur Nordsee zu ermöglichen, wurde 2006 eine vermeintlich unkritische Stromleitung an der Ems vorübergehend abgeschaltet. Normalerweise ist das Routine, nur dass die Verantwortlichen in diesem Fall versäumt hatten, den Netzbetreiber vorab zu informieren. Stromausfälle von bis zu zwei Stunden in verschiedenen Teilen Europas waren die Folge.

Die Energiewende? Ein permanenter Stresstest...

In dieser fragilen Situation gehen Deutschland und Europa eines der größten Infrastrukturprojekte der Geschichte an: die Energiewende. Für die Energieversorger und Netzbetreiber bedeutet das einen permanenten Stresstest. Ob dies zu einem Blackout führren kann, darüber streiten sich Fachleute. Die Kritiker reklamieren: Während die Stromproduktion von Kohle-, Gas- und Atomkraftwerken flexibel und exakt steuerbar ist, sind Wind- und Solarstrom schwankungsanfällig. Besonders gefürchtet sind die sogenannten Dunkelflauten: windstille, wolkenverhangene Tage im Winter, an denen Windräder und Fotovoltaikanlagen wenig Energie liefern, der Verbrauch aber aufgrund der Witterung besonders hoch ist.

Doch auch der umgekehrte Fall könnte zum Problem werden: Wenn ein kräftiger Seewind die Offshore-Anlagen in der Nordsee zu Höchstleistungen treibt, wird mehr Strom erzeugt, als vor Ort verbraucht werden kann. Die Netzbetreiber schalten dann schon mal ganze Windparks im Norden ab und fahren Kohlekraftwerke im Süden hoch, um die Ungleichgewichte zu beseitigen und eine Überlastung der Leitungen zu verhindern. 

Um solche Extremsituationen ausgleichen zu können, bräuchte das Land mehr Stromautobahnen von Nord nach Süd, doch deren Bau kommt seit Jahren nur schleppend voran. Auch Stromspeicher können helfen, einen vorübergehenden Strommangel oder Blackout abzupuffern, doch auch davon gibt es nicht genug. Die aktuellen Kapazitäten reichen Experten zufolge nicht einmal für eine Nacht. Und dank E-Mobilität, elektrischer Wärmepumpen und Wasserstoffproduktion dürfte der Energiehunger in den kommenden Jahren noch deutlich steigen.

„Auf einen Blackout ist Deutschland überhaupt nicht vorbereitet“

Die meisten Menschen sind allerdings nicht bewusst, auf welch tönernen Füßen die Energieversorgung steht. Wozu auch? Der Strom kommt schließlich seit Jahrzehnten verlässlich aus der Steckdose. „Die Sensibilität für die Folgen eines Blackouts ist in keiner gesellschaftlichen Gruppe vorhanden“, klagt Krisenmanager Broemme. „Auf einen Blackout ist Deutschland überhaupt nicht vorbereitet.“

Wolfram Geier vom BBK rät jedem Einzelnen, sich auf einen möglichen Krisenfall vorzubereiten. „Für zehn bis 14 Tage sollte man vorsorgen, das Nötigste im Haus haben und ohne Hilfe Dritter auskommen können.“ Ausreichend Trinkwasser, ein batteriebetriebenes Radio, Kerzen, einen Gaskocher und Konserven sollten dazugehören, ebenso ein Vorrat an benötigten Medikamenten, ein Feuerlöscher und ein Erste-Hilfe-Set. Wichtige Dokumente sollten in einer Mappe gesammelt und stets griffbereit sein. Er selbst beherzigt diese Tipps – bei seinen Mitbürgern ist er eher skeptisch.

„Die Mehrheit der Gesellschaft tut nichts“, sagt Geier. Selbst unter den Menschen, die schon einmal einen Blackout erlebt hätten, änderten die wenigsten ihr Verhalten. Das ergab zum Beispiel eine Umfrage im Münsterland nach dem Schneechaos vom November 2005, als Dutzende Ortschaften vier Tage lang ohne Strom waren. „Kaum einer sah die Notwendigkeit, sich auf einen erneuten Blackout vorzubereiten.“

Die Assekuranz ist ein wichtiger Partner, um die Folgen eines Blackouts aufzufangen.

Entscheider in der Wirtschaft sollten sich drei Buchstaben einprägen: BCM. Das Kürzel steht für Business Continuity Managementsystem, ein Notfallplan für den Fall der Fälle. „Für Unternehmen ist es wichtig, ein BCM aufzubauen und vorzuhalten, welches eine zügige Rückkehr zum Normalbetrieb sicherstellt“, sagt Eric Mathan, Referent Sachversicherung beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Manche Folgen eines Stromausfalls ließen sich mithilfe einer Versicherung auffangen, wenngleich nicht alle. Versicherbar seien vor allem Sachschäden wie verdorbene Ware oder die Folgen von Wassereinbrüchen oder Bränden. „Weitergehende Schäden, wie Image- oder Kundenverlust sind in der Regel nicht versicherbar.“ Ähnliches gelte für den Zusammenbruch von Lieferketten. Sinnvoll sei eine Betriebsunterbrechungsversicherung, die helfe, erlittene Verluste finanziell abzumildern. Zudem gebe es in verschiedenen Bereichen Spezialversicherungen, etwa für das Kühlgut von Apotheken.

Die Assekuranz ist daher ein wichtiger Partner, um die Folgen eines Blackouts aufzufangen. Doch ähnlich wie bei einer Pandemie stößt das Versicherungsprinzip an seine Grenzen, wenn viele Mitglieder der Solidargemeinschaft gleichzeitig Schäden erleiden. Hier könnten öffentlich-private Partnerschaften eine Lösung sein, wie es sie im Fall von Terrorangriffen bereits gibt.

Auch bei der öffentlichen Hand sehen Katastrophenschützer erheblichen Nachholbedarf. Wolfram Geier zufolge sind vor allem Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen nur unzureichend auf einen länger anhaltenden Stromausfall vorbereitet. Albrecht Broemme sieht großen Nachholbedarf auch bei vielen Behörden. „Nicht jede Polizeidienststelle, Feuerwache, Rettungswache und jedes Landratsamt hat eine Notstromversorgung, die diesen Namen verdient. Hier haben wir entscheidende Lücken.“ Generatoren allein lösen das Problem allerdings nicht, da bei einem Blackout ja auch die Versorgung mit Benzin und Diesel zusammenbricht. Aus Geiers Sicht müssten deshalb viel mehr Treibstoffreserven vorgehalten werden.

Dirk Biermann sieht die Lage weniger pessimistisch. Er ist Geschäftsführer Märkte und Systembetrieb bei 50Hertz in Berlin, einem der vier großen Betreiber von Überlandnetzen in Deutschland. „Im Netzgebiet von 50Hertz haben wir inzwischen einen Anteil von rund 60 Prozent erneuerbare Energien am gesamten Stromverbrauch. Zugleich gibt es faktisch so gut wie keine Stromunterbrechungen, die tatsächlich aus unserem Netz herrühren.“ Tatsächlich waren 2020 laut Bundesnetzagentur alle Stromkunden in Deutschland im Durchschnitt für 10,73 Minuten ohne Saft – im Jahr zuvor waren es noch etwas mehr als zwölf Minuten gewesen.

Klar ist aber auch, dass der Strombedarf in den kommenden Jahren deutlich steigen wird – nach einer Prognose der alten Bundesregierung um rund 20 Prozent bis 2030 –, während gleichzeitig alle Atommeiler und etliche Kohlekraftwerke vom Netz gehen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat einen massiven Ausbau der erneuerbaren Energien und der Stromnetze angekündigt. Beides wird bitter nötig sein.

„Man muss der Bevölkerung klarmachen, dass ein Blackout möglich ist, dem man sich nicht einfach entziehen kann, weil eine sehr große Fläche betroffen sein wird“, sagt Katastrophenschützer Broemme. Dass es so kommt, ist für ihn nur eine Frage der Zeit. „Halb Europa wird dann für vier bis sechs Wochen ohne Strom sein.“ Denn selbst wenn die Ursache für die Störung gefunden und behoben ist, kommt der Strom keinesfalls auf Knopfdruck zurück. Zum Hochfahren eines Kraftwerks braucht man nämlich zunächst einmal – Strom.

Eli Hamacher

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