Inter­view mit GDV-Land­wirt­schafts­ex­per­ten zur Schwei­ne­pest

„Unsere Tele­fone lau­fen schon heiß“

Die Afrikanische Schweinepest hat Deutschland erreicht und bedroht die Bestände der Viehhalter. Im Interview erklärt GDV-Landwirtschaftsexperte Lothar Zschiesche, warum ihn der Ausbruch der Seuche nicht überrascht – und worauf es jetzt ankommt.

Herr Zschiesche, die Afrikanische Schweinepest (ASP) hat Deutschland erreicht. Sind Sie überrascht?
Lothar Zschiesche: Nein. Der Infektionsdruck war seit geraumer Zeit da. In den Nachbarländern Belgien, Polen und Tschechien war die Afrikanische Schweinepest ja schon vor längerer Zeit angekommen. Es war deshalb nur eine Frage der Zeit, bis sie es auch nach Deutschland schaffen würde. Das Überraschende ist lediglich, dass die Seuche offenbar über ein wanderndes Wildschwein eingeschleppt wurde und nicht über Fernfahrer, die ASP-belastete Wurstabfälle an den Rastplätzen entsorgen. Über diesen Weg wurde die ASP ja nach Belgien eingeschleppt, und ich hielt dies auch für Deutschland für die wahrscheinlichere Variante.

Also auch kein Vorwurf an die Behörden, die vielleicht früher mit dem Bau von Zäunen die Grenze nach Polen hätten sichern sollen?
Zschiesche:
Auf gar keinen Fall. Ein Wildschutzzaun bietet keinen hundertprozentigen Schutz. Er hat immer Löcher, allein wegen der Straßen. Es ist schlicht unmöglich, ein ganzes Land mit einem Wildschutzzaun abzugrenzen.

Bund und Land Brandenburg versuchen nun, die Ausbreitung der Seuche zu verhindern, beispielsweise mit der Einzäunung des Fundorts. Wie bewerten Sie die Maßnahmen?
Zschiesche:
Die Einzäunung des Fundorts, die Jagdruhe und Betretungsverbote sind allesamt richtig. All das dient letztlich dazu, die Tiere am Standort zu halten und das Gebiet später konsequent zu bejagen. Die Maßnahmen entsprechen dem tschechischen Modell, das sich bewährt hat. Tschechien hat es so geschafft, die Seuche in den Griff zu kriegen.

Viele Schweinehalter sind dennoch besorgt, ASP könnte auch in ihren Ställen ausbrechen. Spüren Sie etwas von der Nervosität und Unsicherheit?
Zschiesche: Ich kann jetzt nur für unser Haus sprechen: Unsere Telefone laufen schon heiß. Es sind aber weniger Neukunden, die sich noch gegen die Afrikanische Schweinepest absichern wollen. Es sind eher Bestandskunden, die sich vergewissern wollen, dass sie bei etwaigen Schäden tatsächlich einen Versicherungsschutz haben.

Wie viele Schweinehalter in Deutschland sind denn gegen die Schweinepest versichert?
Zschiesche: Das ist schwer zu sagen, da es keine Marktstatistik für die Produkte gibt. Auf Basis unserer Verträge schätze ich, dass etwa 40 Prozent der schweinehaltenden Betriebe in Deutschland gegen ASP versichert sind.

Unterstützen die Versicherer die Bauern nun auch beim Thema Prävention, damit das Virus nicht in die Ställe gelangt?
Zschiesche: In der Schweinehaltungshygieneverordnung ist genau festgelegt, welche Standards ein Mastbetrieb erfüllen muss. Und wir achten schon sehr darauf, dass diese auch eingehalten werden. Aber wir fahren jetzt keine besondere Aufklärungskampagne zum Schutz vor ASP.

Bräuchten die Bauern nicht mehr Hilfe? Die aktuelle Situation ist doch neu für sie.
Zschiesche: So neu ist die Situation nicht. Es gibt ja viele andere Krankheiten und Infektionen, die in einen Schweinestall eingetragen werden können und vor denen sich die Halter schützen. Gerade bei großen Beständen ist es beispielsweise üblich, vor dem Betreten des Stalls Schuhe zu desinfizieren oder gar die Kleidung zu wechseln. Auch die konsequente Bekämpfung von Schadnagern wie Ratten zählt zu den Präventionsmaßnahmen. Es herrschen insgesamt schon strenge hygienische Standards. Die müssen mit Blick auf die ASP nicht verschärft, aber eben konsequent befolgt werden.

Glauben Sie, dass uns die Afrikanische Schweinepest lange beschäftigen wird?
Zschiesche: Ich hoffe, dass die getroffenen Maßnahmen wirken. Die bisherigen Funde liegen alle eng beieinander im gleichen Gebiet. Unabhängig von dem Fall ist die Gefahr aber nicht gebannt, schon wegen des Risikos einer Einschleppung der Schweinepest über den erwähnten Waren- und Güterverkehr. Es wäre auf jeden Fall fatal, wenn das Virus in die Hausschweinepopulation eindringen würde. Nicht mal wegen des Schadenaufwands, sondern der politischen Bedeutung. Deutschland versucht ja nun mit wichtigen Absatzländern, Ausnahmen vom Importverbot auszuhandeln. Also das beispielsweise China nur darauf verzichtet, Schweine aus Brandenburg zu importieren, nicht aber solche aus anderen Regionen Deutschlands. ASP-infizierte Hausschweine könnten diese Bemühungen untergraben. Denn dann entstünde der Eindruck, die Deutschen bekommen das Problem nicht in den Griff.

Interview: Karsten Röbisch

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