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Konjunktur & Märkte

„Es wird eine neue Weltwirtschaftsordnung sein“

Die Globalisierung steht an einem Wendepunkt, sagt Moritz Schularick, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Resilienz und Versorgungssicherheit rücken stärker in den Fokus. Das Mehr an Sicherheit hat aber auch seinen Preis.

Karsten Röbisch (© Christian Kruppa / GDV)
Karsten Röbisch
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© Christian Kruppa / GDV

Prof. Dr. Moritz Schularick ist seit Juni 2023 neuer Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Zuvor war er Professor für Makroökonomie an der Universität Bonn und Direktor des dortigen MacroFinance Labs sowie Professor an Sciences Po (Paris).

Herr Schularick, die gestörten Lieferketten während der Corona-Pandemie oder das Gas-Embargo gegenüber Russland haben gezeigt, wie abhängig die deutsche Wirtschaft vom Ausland ist – und auch wie verwundbar. Nun ist viel von stärkerer Unabhängigkeit und Widerstandsfähigkeit die Rede. Stehen wir vor einer Zeitenwende bei der Globalisierung? 
Moritz Schularick: Ich denke schon, dass wir uns auf eine andere Form von Globalisierung einstellen müssen. Eine Globalisierung unter geopolitischen, also außen- und sicherheitspolitischen Vorzeichen. Wir werden in Zukunft stärker darauf achten, in welchem Maße uns der Handel mit anderen Ländern abhängig und verletzlich macht. Oder inwieweit der Austausch Länder ökonomisch stark macht, die wir nicht zum engeren Freundeskreis zählen. Es wird eine neue Weltwirtschaftsordnung sein, verglichen mit dem, was wir aus den letzten 30 Jahren gewohnt sind.

Wird das eine Welt mit mehr Freihandel sein? Oder läuft es auf eine stärke Renationalisierung hinaus?
Schularick:
Wir sollten schon versuchen, die finanziellen Vorteile von Offenheit, von Integration und Handel zu bewahren – auch an den Kapitalmärkten. Aber gleichzeitig den Versicherungsgedanken im Hinterkopf haben und den Schadensfall stärker mitdenken. Das heißt: Wie können wir die Auswirkungen eines Schadens für die heimische Wirtschaft begrenzen

Wie könnte so eine Absicherung denn aussehen?
Schularick:
Eine Option könnte sein, dass man in bestimmten Sektoren Kapazitäten vorhält, um im Notfall in kurzer Zeit die Produktion wieder anfahren zu können. Denken Sie beispielsweise an die Pharmaindustrie, wo wir im Moment einen Mangel an Antibiotika haben. Das sind Dinge, die wir im Zweifelsfall selbst machen sollten. Nicht weil wir glauben, dass wir es besser oder günstiger können, sondern als Sicherheit. 

Wäre auch eine klassische Versicherung als Lösung denkbar?
Schularick: Finanzielle Risiken, die aus politisch verursachten Schäden resultieren, lassen sich gut über ein traditionelles Versicherungsprodukt absichern. Für die Versorgungssicherheit bräuchten wir aber eine Art Realversicherung. Wenn eine Lieferung Antibiotika ausbleibt, beseitigt das Geld der Versicherung den Mangel ja nicht. Dafür müssen die Unternehmen diversifizieren. Also nicht alles in einem Land produzieren, sondern in vier oder fünf. Damit entstehen natürlich zusätzliche Kosten. Wie auch für eine Reserve-Fabrik, die die meiste Zeit ungenutzt rumsteht. 

Und wer soll die Kosten tragen?
Schularick: Das müssten diejenigen, die von der Globalisierung am stärksten profitieren. Also diejenigen, die sehr stark im Ausland investiert sind und Lohnkostenvorteile mitnehmen oder anderweitig profitieren. In der Theorie würde man die Externalitäten, die das bringt, mit einer Art Steuer einfangen oder die Unternehmen dazu verpflichten, Reserven vorzuhalten, um innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens die Produktion andernorts hochfahren zu können.

„Der Resilienz-Raum für Deutschland ist eindeutig Europa.“

Sollte Deutschland seine Unabhängigkeit allein stärken oder als Teil einer europäischen Gesamtlösung?
Schularick:
Der Resilienz-Raum für Deutschland ist eindeutig Europa. Hier können wir Arbeitsteilung mit politischer Stabilität und Versorgungssicherheit gut vereinbaren. Und das im Übrigen immer noch mit Ländern, die ein günstiges Lohnniveau haben, wenn ich beispielsweise an Bulgarien oder Rumänien denke. Wenn man es rein national organisieren würde, besteht das Risiko, dass man 27 ineffiziente Industrien wiederaufbaut. Und am Ende die Kosten viel höher sind. 

In welchen Sektoren sollte Europa mehr eigene Kapazitäten vorhalten?
Schularik: Wo wir die Linie ziehen, das ist etwas, was wir demokratisch aushandeln müssen. Die einen streben im Verteidigungssektor nach mehr Autarkie, für andere gehört auch die Stahlindustrie dazu und so weiter. Das ist eine Debatte, in der aus meiner Sicht auch die Wissenschaft eine wichtige Rolle einnehmen muss, weil sie sonst rein interessensgesteuert sein würde. Meine Befürchtung ist, dass den Leuten ganz viele Dinge einfallen und wir am Ende auch wieder Blumenvasen zu Hause produzieren. Da muss man aufpassen, dass wir das richtig hinbekommen.

Resilienz meint ja nicht nur, die Beschaffung von Waren auf mehrere Länder zu verteilen, sondern sich auch nicht zu stark von einem Absatzmarkt abhängig zu machen. Kann das mit Blick auf China gelingen angesichts seiner Bedeutung als Handelspartner?
Schularick: Da kommen zwei Dinge zusammen. Zunächst müssen wir unsere Perspektive von China als Absatzmarkt hinterfragen. Natürlich sind wir da eng verflochten und möchten den Markt nicht verlieren. Aber gerade im Bereich der Ausrüstungsgegenstände, in dem die deutsche Industrie sehr stark profitiert hat, gibt es schon seit Jahren kaum noch Zuwachs. Die besten Zeiten liegen hinter uns. Als Wachstumsmarkt sind andere Länder wie beispielsweise Indien interessanter. Der zweite Punkt – aus volkswirtschaftlicher Perspektive – ist: Wir haben immer die Möglichkeit, unsere Ressourcen, die in den Export gehen, anders einzusetzen. Wenn zum Beispiel der Ingenieur oder die Ingenieurin in Wolfsburg keine Autos mehr produziert, die nach China verschifft werden, dann können sie stattdessen ein Elektroauto für Start-ups in Hannover konzipieren. 

„In Zukunft wird sich der inflationäre Druck sicherlich verstärken.“

Sie sprachen von den höheren Kosten, die mit einer größeren Versorgungssicherheit verbunden sind. Müssen wir deshalb in Zukunft auch mit höheren Inflationsraten rechnen?
Schularick: Wir haben in der Vergangenheit sehr stark davon profitiert haben, dass bestimmte Güter durch die chinesische Massenproduktion immer billiger wurden. Dadurch ist das Preisniveau fast ein Jahrzehnt lang kaum gestiegen. Ich glaube nicht, dass wir in diese Welt zurückkommen. In Zukunft wird sich der inflationäre Druck sicherlich verstärken. Aber das ist ein Prozess. Und das heißt nicht, dass uns eine Hyperinflation droht.

Eine letzte Frage: Könnte einer Rückbesinnung auf europäische Stärken auch ein Mittel gegen den aufkommenden Populismus sein?
Schularick: Es könnte eine Alternative sein. Es wirkt ja doch irgendwie komisch, wenn man einerseits die Vorteile der Globalisierung preist und auf einmal haben wir keine Antibiotika für Kinder mehr. Das Problem ist nur, dass viele Populisten auch antieuropäisch aufgestellt sind. Man kann den Populismus auch nicht nur auf die Globalisierung und ihre Auswirkungen zurückführen, er hat komplexe Ursachen. Wir erleben viele sich überlappende Transformationsprozesse: Globalisierung, Klimatransformation, Digitalisierung, Technologisierung. Das überfordert viele Menschen, das kreiert Ängste und Unsicherheiten, die die Populisten ausnutzen. Damit müssen wir uns auseinandersetzen, auch für die Stabilität unserer Demokratie. Und wenn man ehrlich ist, sind die Demokratien rund um die Welt derzeit ja nicht in ihrem besten Zustand.